Felipe Massa: "Der Gerechtigkeit muss Genüge getan, das Rennen annulliert werden."
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Sich mit 15 oder noch mehr Jahren Verspätung als Weltmeister feiern lassen? Genau das ist es, was Felipe Massa vorschwebt. Und Gerhard Berger, ebenfalls ehemaliger Formel-1-Pilot, kann es verstehen. "Wäre ich in Massas Situation, dann würde ich dieser Sache auch nachgehen."

Berger fuhr von 1984 bis 1997 in der Formel 1, 1988 und 1994 kam er jeweils als WM-Gesamtdritter an. Massa, der 2002 debütierte und 2017 ausstieg, steht als WM-Dritter 2006, aber vor allem auch als Vizeweltmeister 2008 in den Ergebnislisten und Büchern. Damals fehlte ihm am Ende ein einziger Punkt auf Lewis Hamilton, der als zu diesem Zeitpunkt jüngster Champion im McLaren-Mercedes den ersten seiner sieben Titel einfuhr.

An Hamilton stößt sich Massa (42) nicht, der Brite hat ihm nichts getan. Er legt sich mit der Formel 1 und dem Automobilweltverband FIA an. Grund für Massas aktuell wieder wachsenden Furor ist ein Interview, das Bernie Ecclestone, unter dessen Fuchtel die Formel 1 seinerzeit stand, der Plattform F1-Insider.com gab. Da räumte der mittlerweile 92-jährige Ecclestone ein, dass der Große Preis von Singapur, das viertletzte Rennen der Saison, hätte annulliert werden müssen. "Aber wir haben damals beschlossen, vorerst nichts zu unternehmen. Wir wollten den Sport schützen und ihn vor einem großen Skandal bewahren."

Absichtlicher Crash

Doch was war am 28. September 2008 auf dem Marina Bay Street Circuit in Singapur passiert? Massa lag in diesem Nachtrennen voran, dann aber krachte der Brasilianer Nelson Piquet junior mit seinem Renault in eine Begrenzungsmauer – absichtlich, wie sich herausstellen sollte.

Gerhard Berger: "Massa sagt zu Recht, dass er um den Titel betrogen wurde."
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Flavio Briatore und Pat Symonds, Teamchef und Technikchef von Renault, hatten den Crash befohlen, um ihrem zweiten Schützling Fernando Alonso den Sieg zu ermöglichen. Der Plan ging so etwas von auf, Alonso siegte vor Nico Rosberg im Williams und Hamilton.

Massa war nach der Safety-Car-Phase völlig von der Rolle. Nach einem Stopp in der Ferrari-Box fuhr er zu früh los, nahm den Tankschlauch mit und räumte seine halbe Crew ab. Er musste stehen bleiben, doch der Schlauch hatte sich verkantet, und es dauerte, bis er entfernt werden konnte. Zu allem Überdruss kassierte Massa eine Durchfahrtstrafe, er kam als 13. ins Ziel, blieb punktelos.

Piquet junior hat seinen Renault auf Briatores Geheiß in die Mauer gesteuert. Alonso siegt in Singapur, Hamilton wird Weltmeister, Massa geht leer aus.
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Drei Rennen standen aus. In Japan kam Massa als Siebenter, Hamilton als Zwölfter an. In China siegte Hamilton vor Massa. In Brasilien triumphierte Massa, doch Hamilton schaffte mit Müh und Not den fünften Platz, der ihm den einen Punkt Vorsprung und den Titel rettete. So weit hätte es freilich nie kommen dürfen. Ecclestone: "Wir hatten rechtzeitig genug Informationen, um die Angelegenheit zu untersuchen. Nach den Statuten hätten wir das Rennen in Singapur unter diesen Umständen annullieren müssen." Doch den Statuten zum Trotz habe man "Hamilton die Trophäe überreicht, und alles war in Ordnung". Der alte Mann gibt sich reuig. "Für mich ist Michael Schumacher immer noch alleiniger Rekordweltmeister. Auch wenn die Statistik etwas anderes sagt."

Mögliche Korrektur

Massa verlangt von der FIA binnen Wochenfrist eine Stellungnahme. Er hat erstklassige Anwälte angeheuert und "eine Gewissheit: Dieser Titel gehört mir." Eine Ergebniskorrektur sei immer noch möglich, Massa verweist auf Lance Arm-strong, dem seine sieben Titel bei der Tour de France aberkannt wurden, nachdem man ihm Doping nachgewiesen hatte.

"Ob es zielführend ist, was Massa jetzt tut, weiß ich nicht", sagt Gerhard Berger, 2008 als Toro-Rosso-Mitbesitzer sehr nah am Geschehen, dem STANDARD. "Aber verständlich ist es. Er sagt zu Recht, dass er um den Titel betrogen wurde. Und mit Ecclestones Interview gibt es neue Informationen." Allein zu Briatore will sich Berger nicht äußern. "Jeder hat seinen Stil, und unter dem Strich war er supererfolgreich in der Formel 1." (Fritz Neumann, 6.9.2023)