Bewohner Venedigs rudern durch den Canal Grande.
Venedig will die Touristenströme in den Griff bekommen. Ob das gelingt?
AFP/MARCO SABADIN

Eigentlich hätte das "Ticket", wie die Gebühr für Tagestouristen in Venedig genannt wird, schon vor vier Jahren eingeführt werden sollen. Doch dann kam die Pandemie, und nach der Pandemie wollten die Behörden den gebeutelten Tourismusbetrieben der Stadt noch einmal ein Jahr Zeit geben, um sich von den Verlusten zu erholen. Doch ab nächstem Frühling soll es so weit sein: Die Stadtregierung will – vorerst nur testweise –von Tagestouristen eine Gebühr von fünf Euro erheben.

Die Urlauber werden sich auf einer Internetplattform einen QR-Code besorgen und aufs Handy laden müssen; die Bezahlung der Gebühr gilt zugleich als Reservation. Der QR-Code muss bei Kontrollen vorgezeigt werden – wer ohne erwischt wird, dem drohen Bußen von 50 bis 500 Euro.

Während der Testphase soll die Gebühr nur an 30 Tagen pro Jahr fällig werden – an jenen Tagen, an denen erfahrungsgemäß die meisten Tagestouristen in der Weltkulturerbe-Stadt einfallen. Außerdem gibt es zahlreiche Ausnahmen: Von der Gebühr befreit sind die Einheimischen und die Bewohner der Region Venetien, alle unter 14-Jährigen sowie alle, die zur Arbeit, für medizinische Behandlungen, Sportveranstaltungen oder Großanlässe nach Venedig kommen.

Karneval darf hoffen

Ob zum Beispiel der Karneval ebenfalls als Großanlass gilt, ist noch nicht entschieden. Die Details sollen nächste Woche geregelt werden, wenn der Stadtrat die Gebühr definitiv beschließen wird. Das Ziel der Maßnahme sei es, den Tagestourismus in der Lagunenstadt "zu bestimmten Zeiten herunterzufahren" und damit der "Fragilität und Einzigartigkeit" Venedigs gerecht zu werden, erklärte Bürgermeister Luigi Brugnaro.

Eine Regulierung der Touristenströme in Venedig wäre in der Tat ein Gebot der Stunde: Die Lagunenstadt an der Adria ist seit Jahren Schauplatz einer regelrechten Invasion. Im letzten Jahr vor der Pandemie hatten 33 Millionen Touristen die Stadt besucht, also durchschnittlich 90.000 am Tag. Das sind fast doppelt so viele, wie Venedig Einwohner hat: In der Stadt leben noch etwas mehr als 50.000 Menschen.

Viele von ihnen bezweifeln, dass so der Massentourismus eingedämmt wird. "Glauben Sie wirklich, dass Touristen, die sich von Straßenhändlern ein Ramschsouvenir für 20 Euro andrehen lassen oder für einen Aperol Spritz auf der Piazza San Marco 25 Euro hinblättern, sich von einer Abgabe von fünf Euro abschrecken lassen?", fragte ein Rentner aus Venedig, der nachts vom ewigen Gerumpel der Rollkoffer um den Schlaf gebracht wird. Die Frage scheint berechtigt, zumal sich ein seit Jahren existierendes Eintrittsgeld für Touristen auf Capri und Ischia als weitgehend wirkungslos erwiesen hat.

"Augenauswischerei"

Kritiker bezeichnen das geplante Eintrittsticket als "Augenauswischerei", deren einziger Zweck darin bestehe, die Unesco zu beschwichtigen. Diese hat im Juli damit gedroht, die Stadt zu einem "bedrohten Weltkulturerbe" herabzustufen. Der italienischen Lagunenstadt drohten "irreversible Schäden", falls die Behörden nicht mehr zu ihrem Schutz täten, begründete die UN-Organisation ihre Empfehlung. Mitte September stimmt der Welterberat darüber ab. Würde Venedig auf die Liste der "bedrohten" Weltkulturerbestätten gesetzt, wäre dies ein enormer Imageschaden für die Stadt. (Dominik Straub aus Rom, 6.9.2023)