Ein Kämpfer der US-gestützten SDF (Syrische Demokratische Kräfte) neben einem Militärfahrzeug in der Nähe der Stadt Deir ez-Zor.
Ein Kämpfer der US-gestützten SDF (Syrische Demokratische Kräfte) neben einem Militärfahrzeug in der Nähe der Stadt Deir ez-Zor.
AP/Baderkhan Ahmad

Araber gegen Kurden in Nordsyrien: So einfach ist es natürlich bei weitem nicht. Aber es ist auch nicht falsch. Ebenso zutreffend, wenn auch schon komplexer, ist die Beschreibung der Nachrichtenagentur AP: "Rivalisierende US-gestützte Gruppen" innerhalb der SDF (Syrian Democratic Forces) seien aneinandergeraten. Von internationalem Interesse ist das schon deshalb, weil darunter die Eindämmung des "Islamischen Staats" (IS) leiden könnte. Die Terrorgruppe ist noch immer aktiv, tausende Kämpfer und ihre Familienangehörigen sitzen in von den SDF kontrollierten Gefangenenlagern.

Die SDF wurden von den USA als lokale Truppe gegen den IS aufgestellt. Dominante Kraft ist die Kurdenmiliz YPG, deren politischer Arm PYD ein Gebiet in Nordostsyrien verwaltet, auch als "Rojava" bekannt. Es ist eines der Gebiete in Syrien, die nicht vom Regime in Damaskus kontrolliert werden.

Unter dem Dach der kurdisch geführten SDF gibt es auch arabische Milizen. Am 27. August haben die Kurden einen der arabischen Anführer, den Chef des Militärrats von Deir ez-Zor, Ahmad Khubeil, besser bekannt als Abu Khawla, und vier seiner Kommandanten verhaftet.

Vom Kleinkriminellen zum Warlord

Dazu musste der kurdische Geheimdienst die Männer aus dem mehrheitlich arabischen Deir ez-Zor ins kurdisch kontrollierte Hasakah locken. Nach der Verhaftung Abu Khawlas eröffneten seine Verwandten und andere Milizen die Kämpfe gegen die SDF. Nicht alle arabischen Stammesmilizen aus der Gegend haben sich ihnen angeschlossen. Abu Khawla ist eine umstrittene Figur, er hat sich vom Kleinkriminellen zum Warlord hochgearbeitet. Vorgeworfen werden ihm Schmuggel, Drogenhandel, Korruption und Kontakte zu Damaskus und zum IS.

Die USA unterstützen bei den Kämpfen die offiziellen SDF, also die Kurden, offenbar auch mit Luftangriffen. Aber während die SDF Erfolge und zu Wochenmitte sogar das Ende der Kämpfe meldeten, haben sich im Raum Manbij, weiter westlich, von der Türkei unterstützte syrisch-arabische Milizen dem Kampf der Abu-Khawla-Fraktion angeschlossen und bombardieren die SDF: ganz im Sinne ihrer türkischen Herren, die in der kurdischen YPG-Miliz einen PKK-Ableger sehen.

Wenn sich zwei streiten ...

Die Totenzahlen werden im nordöstlichen Teil mit etwa hundert angegeben, dazu kommen angeblich noch einmal etwa zwei Dutzend durch die Kämpfe mit den türkisch gestützten Kräften. Genau weiß das niemand. Ganz sicher ist indes, dass die Destabilisierung des Gebiets drei Akteuren zugutekommt: dem Assad-Regime, dem Assad-Unterstützer Iran, der sich in der Region breitmacht – und dem "Islamischen Staat".

Zu den Gründen des Zwists gibt es unterschiedliche Erzählweisen: SDF-Sprecher Farhad Shami leugnete im AP-Gespräch jede ethnische Komponente. Nicht lokale Araber würden gegen die Kurden kämpfen, sondern ausschließlich im Sold des syrischen Regimes stehende arabische Kämpfer von außerhalb.

... freut sich der Dritte

Andere sagen, der Teil der Akidat – des Stamms von Abu Khawla –, der nun gegen die SDF kämpfe, habe eine Abmachung mit Damaskus. Auch SDF-Chefkommandant Mazlum Abdi behauptete in einem TV-Interview, dass alles Teil eines Plans Assads sei, die SDF aus Deir ez-Zor zu verdrängen, um die Kontrolle übernehmen zu können.

Damit verleugnet die kurdische Verwaltung jedoch, was Beobachter schon seit Jahren berichten: die immer wieder aufblitzende Unzufriedenheit mit der Hegemonie der linken PYD/YPG-Kurden, besonders unter den arabischen Stämmen, aber auch unter konservativen Kurden und Kurdinnen und anderen Gruppen. Auch die USA fordern die Kurden auf, sich mit den Anliegen der Bewohnerschaft von Deir ez-Zor auseinanderzusetzen.

Assads Rehabilitierung

Die Wahrheit wird, wie so oft, in der Mitte liegen: Dem Assad-Regime gelingt es, lokale Probleme für sich zu nützen und sie anzuheizen. Auf Middle East Eye gibt Wladimir van Wilgenburg den Bericht wieder, dass anfangs nur die Leute Abu Khawlas gekämpft hätten, dass jedoch die SDF-Kräfte durch ihr Vorgehen in den Dörfern der Umgebung die arabische Bevölkerung gegen sich aufgebracht hätten. Das würde dem Assad-Regime und den Iranern den Weg ebnen. Die Hemmschwelle, sich auf Assads Seite zu stellen, schrumpft auch deshalb, weil ihn die Arabische Liga ja rehabilitiert hat. Arabische Stämme sind oft grenzüberschreitend.

Offenbar wurde Abu Khawla nun entfernt, weil er konkret geplant hatte, die SDF auszubooten. In US-kritischen Quellen wird jedoch auch betont, dass er 2017 von den USA explizit als ihr Mann in Deir ez-Zor gegen den IS ausgewählt wurde. Allerdings war das taktisch wahrscheinlich nicht ungeschickt, gehört er doch einem Clan an, in dem sich etliche dem IS angeschlossen hatten. Aber die Methode, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, hat schon etwa in Afghanistan zu katastrophalen Ergebnissen geführt, dort hat es die Taliban gestärkt. (Gudrun Harrer, 7.9.2023)