Ein Dutzend Schulkinder spielen in einem Innenhof einer Pfarre auf einer grünen Wiese Fangen, gleich geht der Unterricht los. Der Duft von Morgentau liegt in der Luft. Wachsam blicken zwei Lehrpersonen auf die Kleinen. Der Garten, der von den alten Gebäuden der Pfarre und Bäumen umgeben ist, bietet sich für die Kinder ideal zum Spielen an. Im Hintergrund stören bloß sechs graue Container, die mitten in der Wiese platziert wurden, das idyllische Bild.

Kinder gehen nach dem Unterricht aus dem Container.
In St. Christophen ist der Werkraum der Schule in einen Container verlegt worden.
Foto: Regine Hendrich

Als der Lehrer die Schülerinnen und Schüler zum Unterricht ruft, gehen sie rasch in die dunkel anmutenden Boxen. Im Klassenraum erinnert nur wenig daran, dass der Unterricht in einem Container stattfindet. Diese müssen ohnehin den gleichen baurechtlichen Bedingungen wie in einer "normalen" Klasse entsprechen. Hitze und Kälte würden aber zum Teil Probleme bereiten, das Metall isoliere nur bedingt.

Alle Räume ausgelastet

Im niederösterreichischen St. Christophen, einer Katastralgemeinde von Neulengbach (Bezirk St. Pölten-Land), zählt dieser Ablauf für 92 Schülerinnen und Schüler der Sonder- und Volksschule seit vergangenem Schuljahr zum Alltag. Das alte Schulgebäude mit neun Klassen liegt im Ort gegenüber der Pfarre, ist aber seit Jahren zu klein. Alle verfügbaren Räume seien ausgelastet, die Schule platze "förmlich aus allen Nähten", erzählt Schulleiterin Gertraut Bauer dem STANDARD. Die Sonderschule ist außerdem einer der wenigen in der Region, der Zulauf ist dementsprechend groß.

Der frühere Werkraum wurde zu einer Klasse umfunktioniert. Gehämmert, gesägt und geleimt wird nun in den Containern im Pfarrhof. Schon Jahre zuvor wurden zwei Klassen in das angrenzende Pfarrgebäude verlegt. Die restlichen Räume der Pfarre sind denkmalgeschützt, die Nutzung für Schulklassen ist deshalb tabu – darum entschied man sich vorerst für die Container und nicht für einen Schulzubau. Aber auch die Kosten spielen eine Rolle: Die Gemeinde Neulengbach investierte erst mehrere Millionen Euro in ihre Kindergärten. Doch die Schülerzahlen steigen weiter an, vier zusätzliche Klassen bräuchte St. Christophen.

Bürgermeister Jürgen Rummel (ÖVP) und Schulleiterin Gertraut Bauer hoffen auf einen baldigen Schulzubau für St. Christophen.
Bürgermeister Jürgen Rummel (ÖVP) und Schulleiterin Gertraut Bauer hoffen auf einen baldigen Schulzubau für St. Christophen.
Foto: Regine Hendrich

Der 500-Einwohner-Ort im Wienerwald ist mit seinem Problem nicht alleine: Mit Platznot in der Schule haben viele Gemeinden im Wiener Speckgürtel zu kämpfen. Die Region ist eine besonders beliebte Wohngegend, die Schülerzahlen steigen stark an. In Perchtoldsdorf südwestlich von Wien setzt das Gymnasium seit Jahren auf Container. Aktuell wird die Schule ausgebaut. Rund 100 Schülerinnen und Schüler müssen in Container ausweichen.

Keine genaue Zahl

Auch im Gymnasium Wolkersdorf nordöstlich der Bundeshauptstadt muss laut der niederösterreichischen Bildungsdirektion ein Teil der Schülerschaft wegen Platzmangels im Schulgebäude in Container ausweichen. Ähnlich ist auch die Situation in den Gymnasien Tulln und Mödling. Eine genaue Anzahl der Containerklassen im Bundesland kann die Bildungsdirektion auf Nachfrage nicht nennen. Eine Anfrage an das Bildungsministerium blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

In Wien, dem Bundesland mit den höchsten Schülerzahlen, starteten 100 Containerklassen in das neue Schuljahr. Viele der Klassen würden noch aus den 1990er-Jahren stammen, als die Stadt aus Kostengründen auf diese Variante setzte, sagt ein Sprecher. Man sei bemüht, die Containerklassen durch Neubauten zu ersetzen.

Finanzen ausschlaggebend

Das wünscht sich auch Bürgermeister Jürgen Rummel (ÖVP) für seine Schule in St. Christophen. Die finanzielle Situation ist für die Gemeinde aber schwierig. Für den reinen Schulzubau rechnet die Gemeinde mit Ausgaben von zwei Millionen Euro. Dabei würde es aber nicht bleiben. Für den Zubau müsste das alte Kindergartengebäude im Hinterhof der Schule abgerissen werden, um Platz zu schaffen. "Die zwei Kindergartengruppen bräuchten wiederum Platz, im besten Fall auch in einem neuen Gebäude", erklärt Rummel.

Eine Containerschule auf einem Sportplatz.
In Salzburg werden rund 500 Schülerinnen und Schüler in einer Containerschule unterrichtet.
Foto: Birgit Probst

In Salzburg sind weniger die Finanzen das Problem als die große Anzahl an Schülerinnen und Schüler. Die Mozartstadt beherbergt seit einem Jahr einer der größten Containerschulen Österreichs. Im Innenhof der Handelsakademie 1 (Hak 1) sind laute Baustellengeräusche zu hören. Das Dach eines Schultraktes ist kohlschwarz gefärbt, durch die Fenster lassen sich die Überreste einzelner Klassenräume erkennen. Vor der Schule sind Baustellengitter platziert. Aus einem Fenster ragt eine Rutsche für Bauschutt.

Das eigentliche Gebäude der Hak 1 ist seit vergangenem Jahr nicht mehr in Betrieb. Anfang der Sommerferien 2022 begann bei Flämmarbeiten im Zuge von Sanierungsarbeiten plötzlich das Dach zu brennen. "Wir waren alle im Schock und riefen umgehend die Einsatzkräfte", erzählt Schulleiter Thomas Heidinger von der Evakuierung. Personen kamen nicht zu Schaden. Die ausgebrannte Schule wird bis 2024 um sieben Millionen Euro saniert.

Die Platzverhältnisse in der Containerschule sind teilweise eng. Im Administrationszimmer ist Platz für zwei Schreibtische.
Die Platzverhältnisse in der Containerschule sind teilweise eng. Im Administrationszimmer ist Platz für zwei Schreibtische.
Foto: Birgit Probst

Nun starten rund 500 Schülerinnen und Schüler der Hak 1 in über 150 Containern am Sportplatz ihr Schuljahr. Dort offenbart sich ein wahres Containerdorf: In der Form eines L steht Box an Box, eine Dachkonstruktion schützt den vorübergehenden Schulcampus vor Regenwasser, und auf dem Vorplatz vor den Containern stehen Bänke und Tische. Für den Aufbau wurde der Sportplatz zum Teil betoniert. Es musste damals alles ganz schnell gehen, "binnen neun Wochen wurde alles koordiniert und gebaut", betont Heidinger.

Schulleiter Thomas Heidinger hofft auf einen reibungslosen Start in das bereits zweite Schuljahr in den Containern.
Schulleiter Thomas Heidinger hofft auf einen reibungslosen Start in das bereits zweite Schuljahr in den Containern.
Foto: Birgit Probst

In der Containerschule selbst seien die Platzverhältnisse für hunderte Schüler eng. "Gerade in den Pausen ist es auch sehr laut", erzählt eine Pädagogin dem STANDARD. Doch die Schülerinnen hätten sich daran gewöhnt. "Manche wollen gar nicht mehr zurück in das alte Gebäude", sagt Heidinger. Doch während die Schulleitung in Salzburg der Rückkehr in das Hauptgebäude im nächsten Jahr sehnsüchtig entgegenblickt, ist in St. Christophen bei den Containern noch kein Ende in Sicht. (Max Stepan, 11.9.2023)