Nahaufnahme eines Husky mit einem blauen und einem braunen Auge. 
Die Iris-Heterochromie ist bei Huskys (Symbolbild) ein häufig auftretendes Phänomen, so auch bei "Leo", der im Juni zur Beute eines bewaffneten Raubes wurde.
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Wien – Es ist wohl nicht der beste Beginn einer Arbeitswoche, den Alexandra Skrdla, Vorsitzende des Schöffengerichts, in ihrem Berufsleben erlebt hat. Das Strafverfahren gegen einen 19-Jährigen und eine 15-Jährige startet nämlich mit beachtlichen 80 Minuten Verspätung. Der Grund: Der vorgesehene Arabisch-Dolmetscher ist unauffindbar und von Skrdla auch telefonisch nicht erreichbar. Nach 30 Minuten greift die Vorsitzende also zum Telefon und ruft bei der Justizbetreuungsagentur (JBA) an, die für die Organisation zuständig ist. "Wo ist der?", fragt sie ihre für das Publikum unhörbare Gesprächspartnerin. "Also Sie haben ihn noch nicht erreicht?", fragt sie nach. "Wie stellen Sie sich das vor, als JBA? Wir haben hier eine Haftsache und warten bereits eine halbe Stunde! Ich kann ja nicht mehr machen, als Sie zu beauftragen!", ist sie über die Reaktion am anderen Leitungsende offensichtlich not amused. Schlussendlich gelingt es Skrdla, mit Fachreldin El-Ghrabwy einen Troubleshooter zu organisieren, der außer Atem um 10.50 Uhr angehetzt kommt.

Dank ihm kann also fortgesetzt und die Generalien des Erstangeklagten überprüft werden. Herr M. ist ein 19-jähriger Syrer, der bereits drei Vorstrafen hat und derzeit eine zehnmonatige Strafhaft verbüßt, zu der ihn Skrdla erst im Mai verurteilt hat. Neben ihm sitzt die 15 Jahre alte Frau R., eine vom Jugendamt betreute Österreicherin, die bereits eine Verurteilung zu sechs Monaten bedingt aufzuweisen hat. Die beiden Arbeitslosen sollen in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni in Wien-Favoriten einen schweren Raub begangen haben. Die Beute: ein Hund. Und zwar der Husky "Leo".

Aus Sicht des Anklägers hat sich die Sache so abgespielt: Die beiden Angeklagten seien in einer größeren Gruppe auf dem Reumannplatz unterwegs gewesen. Wie auf einem Überwachungsvideo zu sehen ist, biegen hinter ihnen drei andere Jugendliche um die Ecke, einer von diesen hat "Leo" an der Leine. Die größere Gruppe bleibt stehen und ruft das Trio offenbar zu sich. Es entsteht eine Auseinandersetzung, in die der Erstangeklagte federführend verwickelt ist. Die Zweitangeklagte scheint an der Leine zu zerren, bis der Hundebesitzer diese plötzlich loslässt. Die Zweitangeklagte nimmt das Tier dann ein paar Schritte zur Seite, während Herr M. noch mit einem Begleiter des Hundebesitzers einen Disput austrägt. Schlussendlich nimmt der Erstangeklagte die Leine und entfernt sich mit seiner Gruppe Richtung U-Bahn-Station.

"Ich war einfach nicht bei Sinnen"

Beide Angeklagte bekennen sich zum Vorwurf des Staatsanwaltes nicht schuldig. Aus unterschiedlichen Gründen. M. sagt, er könne sich nicht mehr erinnern. "Vom Reumannplatz weiß ich nichts, ich war einfach nicht bei Sinnen", lässt der Erstangeklagte übersetzen. Er habe davor Wodka, Tabletten und Haschisch konsumiert. Vorsitzende Skdla mag ihm den Vollrausch nicht recht glauben: "Ich finde, Sie sind bei Sinnen da. Sie schwanken nicht, sie torkeln nicht. Wir nennen das zielgerichtetes Handeln: Sie nehmen den Hund und gehen!", hält sie dem Erstangeklagten nach Betrachtung des Videos vor.

Ein weiteres Indiz für Skrdla, dass M. wusste, was er tat: Er kann sich noch gut an seine damalige Kleidung erinnern, in der er auch auf dem Video zu sehen ist. Und auch seine kurze Zeit später erfolgte Festnahme am Donaukanal in dieser Nacht ist ihm durchaus präsent. Dass er dagegen den Hundebesitzer mit einem Messer am Handgelenk geschnitten haben soll, wie dessen dokumentierte Verletzung sowie Zeugenaussagen nahelegen, mag er wieder gar nicht glauben. "Ich hätte die Strafe mit den zehn Monaten eine Woche später antreten sollen. Da hätte ich kein Messer mitgehabt. Wahrscheinlich." – "Hat er jetzt wirklich 'wahrscheinlich' gesagt?", fragt Beisitzerin Anna Marchart beim Dolmetscher nach. Der bestätigt.

M. beteuert vor Gericht jedenfalls, weder "Leo" noch seinen Besitzer je zuvor gesehen zu haben. Bei der polizeilichen Einvernahme klang das noch anders: Dort sagte der Erstangeklagte, das Tier gehöre einem Abu N., "der 24 Stunden Drogen am Reumannplatz verkauft". Zu Skrdla sagt M. nun: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das gesagt habe." – "Sie können sich permanent an etwas nicht erinnern. Sie haben sich bei den Damen von der Jugendgerichtshilfe auch nicht daran erinnern können, dass Sie eine zehnmonatige unbedingte Haftstrafe bekommen haben", grollt die Vorsitzende. "Da habe ich das Urteil nicht richtig verstanden", versucht es der 19-Jährige. "Doch. Ich kann mich erinnern, dass der Dolmetscher es Ihnen übersetzt hat und Sie mir danach sagen konnten, wie hoch die Strafe ist", kontert Skrdla.

"Er war schon oft am Reumannplatz"

Die Zweitangeklagte bietet eine andere Erklärung, warum sie nicht schuldig ist. Da sie vor M. in seiner Abwesenheit einvernommen wird, kommt es allerdings zu Widersprüchen in den Aussagen. R. behauptet nämlich, davon ausgegangen zu sein, dass "Leo" gar keinen Besitzer habe. "Wie kommen Sie denn darauf?", wundert Skrdla sich. "Er war schon oft am Reumannplatz, immer mit wem anderen", behauptet sie. Von einem Streit will sie nichts mitbekommen haben, da alle Arabisch sprachen. Auch ein Messer oder dessen Einsatz als Waffe habe sie nicht wahrgenommen, beteuert sie. Ihr einziges Interesse galt "Leo". "Ich hab den Hund aus der Gruppe herausgezogen, um ihn zu beruhigen", führt sie Tierliebe als Beweggrund an.

"Und wie haben Sie ihn herausgezogen?", interessiert Skrdla. "Kann schon sein, dass ich die Leine genommen habe. Aber der andere hat sie losgelassen." – "Vielleicht, weil er mit einem Messer geschnitten wurde?" – "Das habe ich nicht gesehen", reagiert die 15-Jährige bockig. "Und was haben Sie danach gemacht?", fragt die Vorsitzende, bevor sie das Überwachungsvideo vorspielt. "Dann habe ich ihn gestreichelt, und dann bin ich mit ihm zur U-Bahn gegangen", behauptet sie zunächst. Als auf dem Film zu sehen ist, dass der Erstangeklagte ihr den Hund abnimmt, lässt auch R.s Gedächtnis nach. Sie will sich nicht einmal festlegen, ob es sich um den Erstangeklagten handelte. "Moment, erst erzählen Sie uns, Sie haben sich so um das Tier gesorgt, und dann wäre es Ihnen egal, wenn ein Wildfremder den Hund nimmt?", bohrt Beisitzerin Marchart nach. "Nein, es ist mir nicht egal", antwortet R., ohne den Widerspruch aufzuklären.

Als sie die geladenen Zeugen aufruft, erkennt Vorsitzende Skrdla endgültig, dass der Wochenstart nicht nach Wunsch verläuft. "Leos" Besitzer und einer seiner damaligen Begleiter, die in der Früh noch vor dem Saal gewartet haben, sind mittlerweile nämlich verschwunden. Er habe um 12 Uhr in seinem Kurs sein müssen, erklärt einer der Zeugen, den die Vorsitzende zumindest am Telefon erreicht. Als ihr der junge Mann eröffnet, dass er frühestens in einer Stunde wieder im Gerichtsgebäude sein könnte, gibt Skrdla auf und vertagt zur neuerlichen Ladung der Zeugen auf den 24. Oktober. (Michael Möseneder, 11.9.2023)