STANDARD: Könnte man soziale Medien für Jugendliche in Österreich per Gesetz verbieten?

Buchegger: Grundsätzlich besagt die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), dass Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren die meisten dieser Dienste nicht nutzen dürfen. In der Praxis ist es aber oft so, dass beispielsweise ein siebenjähriges Kind ein Handy bekommt. Und das Erste, was es tut, ist mit der Erlaubnis der Eltern Whatsapp zu installieren, weil das zum Beispiel für den Familienalltag gebraucht wird.

STANDARD: Eine strengere Prüfung durch Ausweiskontrolle ist also nicht möglich?

Buchegger: Die Folge strengerer Maßnahmen wäre, dass man sehr viele persönliche Daten an Konzerne weitergibt, die im schlimmsten Fall an Dritte weitergegeben werden. Tatsächlich sind im Rahmen des Digital Service Act (DSA) auf EU-Ebene Maßnahmen geplant, damit es Altersverifizierungsmodelle geben soll. Wenn aber der soziale Druck groß ist, werden Kinder und Jugendliche ihre Wege auf die Plattformen finden. Möglicherweise nutzen sie diese dann geheim, was wiederum Gefahren birgt.

STANDARD: Was brauchen Kinder, um richtig mit sozialen Netzwerken umzugehen?

Buchegger: Wichtig ist die Begleitung der Kinder durch die Eltern. Onlinekommunikation muss erlernt werden. Man braucht etwa die Kompetenz, richtige von falschen Informationen zu unterscheiden. Im Zeitalter von Fake News wird das immer wichtiger. Ich bin auch für die verpflichtende Medienbildung an Volksschulen.

Kinder und Jugendliche auf Social Media zu überwachen bringt nur bedingt was, meint Barbara Buchegger von Saferinternet.
APA/AFP/PIERRE-PHILIPPE MARCOU

STANDARD: Worauf muss man als Elternteil noch achten?

Buchegger: Am besten man beginnt vor der Pubertät, etwa indem man gemeinsam in Familiengruppen einsteigt und reflektiert, wie kommuniziert wird. Das tun die wenigsten. Eltern sind nicht willens, über solche Dinge mit ihren Kindern zu reden, vielleicht auch, weil sie ein schlechtes Gewissen haben und selbst viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen.

STANDARD: Ist das Überwachen der sozialen Medien der Kinder sinnvoll?

Buchegger: Teilweise fühlen sich Kinder durch eine Überwachung besser geschützt. Das ist vor allem bei jüngeren Kindern so, hört aber spätestens in der Pubertät auf. Manche Eltern haben sogenannte Family-Settings auf Social Media aktiviert. Ich kenne aber viele Fälle, wo Eltern mit den Informationen aus Chats oder einem Social-Media-Feed nichts anfangen können, wenn ihnen der Kontext fehlt. Kinder reden in einer anderen Sprache, mit vielen Insidern und nehmen auf Dinge Bezug, die speziell in ihren Leben eine Rolle spielen.

STANDARD: Welche Gefahren bringen soziale Netzwerke, beispielsweise für die psychische Gesundheit?

Buchegger: Junge Menschen tun sich schwer, Inhalte, mit denen sie konfrontiert sind, und die Zeit, die sie mit Apps verbringen, einzuschätzen. Hier kann es schnell zu einem Suchtverhalten kommen. Für Kinder ist es auch schwer, Nachrichten richtig einzuordnen. Wie meint diese Person das? Ist es eine Aufforderung, etwas zu tun? Das muss gelernt werden.

Social-Media-Nutzung von jungen Menschen
Junge Menschen tun sich schwer, Inhalt und die Zeit, die sie mit Apps verbringen, einzuschätzen.
AP/ Bebeto Matthews

STANDARD: Haben verschiedene Apps unterschiedliche Risiken?

Buchegger: Es sind mehr die Themen, die auf unterschiedlichen Plattformen gleichermaßen zu finden sind, also alles rund um Körperbilder, Essstörungen und Mental Health zum Beispiel. Sicher ist der Algorithmus in Tiktok sehr gut dazu geeignet, dass man schneller auf problematische Inhalte stößt. Viel hängt aber vom sozialen Umfeld der Kinder ab. Einige Plattformen wie Kick, wo Influencer Kinder zum Glücksspiel animieren, sind definitiv eine Gefahr.

STANDARD: Denken Sie, eine Warnung wie auf Zigarettenpackungen wäre für die sozialen Netzwerke angebracht?

Buchegger: Ich glaube, das ist zu schwarz-weiß gedacht. Manchen Jugendlichen schadet das exzessive Tiktok-Schauen wirklich, aber nicht allen. Wichtig ist die Frage, was sich die Person anschaut. Und die hier im Zusammenhang oft genannten psychischen Probleme kommen von woanders – aus einer Situation, in der die Jugendlichen keine Chance auf Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung haben. (Isadora Wallnöfer, Alexander Amon, 12.9.2023)