Ein ganz Großer: Marko Arnautovic.
AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Österreichs Fußballnationalmannschaft ist endlich in der Lage, Stadien zu leeren. Der ultimative Beweis wurde am Dienstagabend in Solna geliefert. Es war in der 69. Minute des EM-Qualifikationsspiels der Gruppe F, Marko Arnautovic hatte eben per Elfer das 3:0 erzielt, als eine Massenflucht einsetzte. Tausende Menschen haben die Friends Arena deprimiert, also gesenkten Hauptes, verlassen. Fairerweise muss erwähnt werden, dass es sich ausschließlich um schwedische Fans gehandelt hat. Die rund 1000 österreichischen Schlachtenbummler und -bummlerinnen sind noch sehr lange geblieben, sie steckten das 1:3 durch Emil Holm locker weg, sangen euphorisiert So ein Tag, so wunderschön wie heute und I Am from Austria.

Ja, das Nationalteam hat sich für die EM 2024 in Deutschland qualifiziert. Zumindest inoffiziell. Es müssten schon Millionen hässliche Teufel aufwachen, um dies zu verhindern. Der Vorsprung auf Schweden beträgt drei Runden vor Schluss sieben Zähler. Fehlen zwei Punkte, um die Mathematik auszuschalten. Wahrscheinlich genügen auch null, denn von einem Erfolg der Skandinavier in Belgien ist kaum auszugehen. Ralf Rangnicks Mannen haben noch Belgien in Wien sowie auswärts Aserbaidschan und Estland vor der Brust, vor den Beinen. Die Ziele sind neu gesteckt, Innenverteidiger Philipp Lienhart sagte stellvertretend für die Kollegenschaft. "Jetzt wollen wir auch den Gruppensieg."

Genügend Luft

Rangnick hat in seiner nun 15-monatigen Amtszeit die Gier erschaffen. "Ich sehe nach wie vor noch genügend Luft nach oben. Das war heute richtig gut, aber noch lange nicht perfekt", sagte der 65-jährige Deutsche in der Nacht von Solna.

Die qualitativ hochwertige Mannschaft hat sich zu einem Musterschüler entwickelt. Sie lernt sogar innerhalb eines Matches. Die erste Halbzeit in Schweden war noch etwas holprig, in der Pause hielt Rangnick eine ruhige Ansprache (kein Geschrei), der Spielaufbau wurde neu geordnet, die Außenverteidiger Stefan Posch und Phillipp Mwene wurden initiativer, Stürmer Michael Gregoritsch zog sich etwas zurück. Und erzielte das vorentscheidende 1:0. "Die Mannschaft lässt sich immer auf Dinge ein, die sie vorher nicht kannte. Da sind wir genau auf dem Weg, wo wir hinmüssen", lobte Rangnick.

Die nach außen getragene Bescheidenheit bliebt eine Zier "Die Tür ist weit offen, es ist aber noch nicht erledigt", sagte Kapitän David Alaba. Das Team ist nun seit acht Partien ungeschlagen. "Ich habe vor Jahren erwähnt, dass wir in einem Prozess stecken, wo wir uns weiterentwickeln. Heute fruchtet das. Wir hatten Erfolg, dann keinen Erfolg, haben uns aus dem Loch gerissen, das macht was mit der Mannschaft. In so wichtigen Spielen wie heute nicht zu versagen, sondern im Gegenteil zu zeigen, wer wir sind, ist schon geil", sagte der Legionär von Real Madrid. "Das Trainerteam ist top, die Spieler sind top und hungrig und ehrgeizig."

Polster zittert

Der 34-jährige Arnautovic ist ein Musterbeispiel, der personifizierte Ehrgeiz. Der Rekordinternationale (110 Länderspiele) hat gegen die Schweden zweimal getroffen, hält nun bei 36 Toren. Der ehrenwerte Hans Krankl (34 Tore) ist abgehängt, fehlt nur mehr der nicht minder populäre Toni Polster (44). "Magister" Arnautovic sprach: "Wenn ich es schaffe, schaffe ich es, wenn nicht, dann nicht. Es ist irgendwie ein Ziel, aber nicht meine Nummer eins. Das wichtigste Ziel ist, bei der EURO zu sein, ich bin ein Mannschaftsspieler." Auch er sagte, ohne dabei knallrot im Gesicht zu werden, das 3:1 sei nur "ein sehr, sehr großer Schritt nach Deutschland" gewesen.

Österreich kann natürlich auch Stadien füllen. Die Partie am 13. Oktober im Happel-Stadion gegen Belgien war binnen weniger Stunden ausverkauft. Rangnick freut sich sehr darauf. "Da hat sich eine richtige gute Truppe zusammengefunden. Wir wollen jetzt gegen Belgien gewinnen. Die EM-Endrunde wird am 2. Dezember in der Hamburger Elbphilharmonie ausgelost. Arnautovic und Co wissen natürlich längst, wo die Musi spielt. (Christian Hackl, 13.9.2023)