Passanten auf der Mariahilfer Straße
Die Koexistenz von Zweibeinern und Zweirädern ist auf der Mariahilfer Straße nicht immer ganz friktionsfrei, wie ein eher skurriler Prozess zeigt.
Helena Lea Manhartsberger

Wien – "Ein Glanzstück war das nicht in ihrem Leben, aber das wissen Sie selbst", rügt Richter Stefan Romstorfer den 50-jährigen Angeklagten. Der nickt bedrückt. Ja, der unbescholtene Pilot weiß selbst, dass er am Abend des 24. März einen schweren Fehler begangen hat: Er verfolgte auf der Mariahilfer Straße zu Fuß einen radelnden 58 Jahre alten Unternehmensberater, riss ihn von seinem Zweirad und trat mehrmals gegen den Kopf des Opfers. Warum, kann der aus Westeuropa stammende Angeklagte eigentlich nicht sagen.

"Ich habe keinerlei Erinnerung mehr an den Vorfall", lässt der nicht deutschsprachige Angeklagte übersetzen. "Ich scheine Videos und Fotos gemacht zu haben, am nächsten Morgen habe ich die auf meinem Handy entdeckt", schildert er. Er hat lediglich eine Vermutung, was an diesem Abend passiert ist. Er habe damals vor einem Fitnesstest eine Keto-Diät gemacht, eine fettreiche, aber extrem kohlehydratarme Abnehmtortur. Gegen 18 Uhr sei er bei seinem Stammwirt eingekehrt und habe zwei große Gläser Rotwein getrunken. "Einen halben Liter?", fragt der Richter nach. Es seien sehr gut eingeschenkte Gläser gewesen, also eher 0,75 Liter, gibt der Angeklagte zu. Und diese Menge scheint sich mit der Diät nicht so gut vertragen zu haben, vermutet der Angeklagte, seine Erinnerung setzt nämlich erst am Morgen danach wieder ein.

"Haben Sie ein Alkoholproblem?", interessiert sich Romstorfer. "Nein, eigentlich trinke ich wenig. Und 48 Stunden vor einem Flug keinen Tropfen!", beteuert der Angeklagte. Er könne dennoch nur aus seinen Videos und den Aussagen der Zeuginnen und Zeugen rekonstruieren, was nach dem Verlassen des Restaurants passiert sei, wiederholt er und bekennt sich schuldig. Sein Verteidiger Andrea Francesco Longo sekundiert: Der Mandant habe nicht nur eine Diät gemacht, sondern habe auch die Folgen einer unschönen Scheidung verarbeiten müssen.

Baustelle in Schrittgeschwindigkeit passiert

Das Opfer kann den Vorfall dagegen nicht vergessen, wie er als Zeuge berichtet. "Ich fuhr von der Secession den Getreidemarkt Richtung Mariahilfer Straße auf dem Radweg", erzählt er. Eine Baustelle vor einem Supermarkt habe er in Schrittgeschwindigkeit passiert, da er aus Erfahrung weiß, dass dort Passanten queren. Es sei zu keinem Zwischenfall gekommen, als er plötzlich den Angeklagten hinter sich schreien hörte und sah, dass dieser ihm nachrannte.

"Normalerweise würde ich stehenbleiben und kommunizieren, aber der Herr hat aggressiv gewirkt, also versuchte ich wegzufahren. Es waren aber so viele Menschen auf der Mariahilfer Straße, ich konnte nur 10, 15 km/h fahren", erinnert der 58-Jährige sich. Zu langsam für den offensichtlich doch recht sportlichen Angeklagten – der holte das Opfer ein, riss es an dessen Jacke vom Rad, wodurch der 58-Jährige zu Sturz kam und sich das rechte Handgelenk brach. Auf den von seinem Gefährt begrabenen Mann trat der Angeklagte schließlich noch drei- oder viermal Richtung Kopf ein, was Kopfschmerzen, aber glücklicherweise keine schwereren Verletzungen zur Folge hatte.

"Ich war ja komplett schockiert!", schildert der Zeuge, daher sei er auch davongefahren, nachdem er sich wieder aufrappeln konnte. Dass sein schmerzendes Gelenk gebrochen war, erfuhr er erst zwei Tage später, als ihn seine Lebensgefährtin ins Spital schickte. Das auf einem Video festgehaltene Angebot des Angreifers zu einem Shake-Hands habe er in seinem Zustand nicht mehr wahrgenommen. Ein Motiv für die Attacke kann auch der Zeuge nicht nennen.

Prahlender Angeklagter, der vor Polizisten kniete

In dieser Beziehung kann möglicherweise eine unbeteiligte Zeugin weiterhelfen. Die Angestellte beobachtete mit den Kollegen den Angriff und hatte den Eindruck, dass sich der Angeklagte danach damit rechtfertigte, dass ihm das jeden Tag mit Radfahrern passiere. Was genau aber geschehen sein soll, weiß jedoch auch diese Frau nicht. Eine weitere Anwesende erzählt, der Pilot habe in seiner Muttersprache gesagt, dass er ein sehr einflussreicher Mensch sei und man ruhig die Exekutive rufen könne, da er Freunde bei der Polizei habe. Nicht sehr gute, offensichtlich, denn diese Zeugin bekam auch noch mit, dass der 50-Jährige vor den eintreffenden Beamten niederkniete.

Verteidiger Longo kündigt an, dass sein Mandant bereit sei, 2.600 der geforderten 5.100 Euro Schmerzengeld und Schadenersatz binnen 14 Tagen zu zahlen, womit der Privatbeteiligtenvertreter einverstanden ist. Dann bittet der Rechtsvertreter Richter Romstorfer nochmals um eine diversionelle Erledigung der Sache – eine Vorstrafe würde für den Angeklagten de facto ein Berufsverbot bedeuten. "Er ist unbescholten, er hat reumütig Verantwortung übernommen, er ist bereit, den Schaden wiedergutzumachen – alle Voraussetzungen sind erfüllt!", appelliert er an den Richter.

Der redet in dem Saal voller junger Justizangehöriger, die die Anwendung des Strafrechts einmal live erleben können, dem Angeklagten nochmals ins Gewissen. "Es ist schon sehr unschön, was Sie hier gemacht haben", meint Romstorfer. Er sei zwar grundsätzlich ein Freund einer Diversion, aber in diesem Fall müsse es schon eine spürbare Sanktion geben. Der Richter entschließt sich also dazu, dem 50-Jährigen 150 Stunden gemeinnützige Leistungen aufzuerlegen, die er in den nächsten sechs Monaten ableisten muss.

Am Ende nutzt der erleichterte Angeklagte weinend die Chance, sich bei seinem Opfer, das die Verhandlung verfolgt hat, zu entschuldigen. Der Unternehmensberater schüttelt die ausgestreckte Hand und akzeptiert die Bitte um Verzeihung. (Michael Möseneder, 15.9.2023)