Zeichnung
Dialoge in Farbe und Form: Eine Zeichnung von Conen Sigl Architekt:innen aus Zürich.
Conen Sigl Architekt:innen

Hans Hollein ist so etwas wie der Plus-minus-Pol im Zentrum der österreichischen Architektur. Man kommt um ihn nicht herum, aber man kommt ihm auch nie ganz nahe. Niemand hat keine Meinung zu ihm, und keine zwei Meinungen gleichen sich – das gilt auch für jedes seiner Bauwerke. Ist das Haas-Haus für die einen zu bombastisch und aufdringlich, sehen die anderen darin ein perfektes Passstück an einer Schlüsselstelle der Stadt. Den einen ist Holleins obsessive Gestaltungslust bis ins Detail einfach too much, andere schätzen gerade diese barocke Erzählwut. Die unorthodoxen Raumsequenzen seiner Museumsbauten werden mal als euphorisierend, mal als anstrengend empfunden. Oder man reibt sich an Holleins dominanter Rolle in den Institutionen der österreichischen Kulturpolitik.

Fast zehn Jahre nach dem Tod von Österreichs einzigem Pritzkerpreisträger nähert man sich diesem mehrpoligen Magneten langsam wieder an. Dabei zersplittert das von ihm selbst zu Lebzeiten stark kontrollierte Bild von Person und Werk in viele schillernde Stücke. Eine fünfzehnfache Hollein-Fragmentierung ist seit dieser Woche im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen. Dieses verfügt in Kooperation mit dem Mak seit 2016 über den Hollein-Nachlass, eine ausufernde Sammlung von Plänen und Modellen im Umfang von 263 Paletten.

Hans Hollein
"Alles ist Architektur": Hans Hollein (1934–2014).
Picturedesk/Ilgner

Große Bandbreite

Aus dieser Masse, die laufend aufgearbeitet wird, wählten die Architekten Lorenzo De Chiffre, Benni Eder und Theresa Krenn 15 Projekte aus, die fast die ganze Bandbreite Hollein’schen Schaffens abdecken. Die legendären Wiener Geschäftslokale wie das Kerzengeschäft Retti (1964), die knallgelben Media-Linien der Olympischen Spiele 1972, die großen Museen der 1980er-Jahre in Frankfurt und Mönchengladbach – und aus dem Spätwerk das Vulcania in Frankreich (1994–2002). Parallel dazu führten sie Interviews mit 15 Architektinnen und Architekten aus acht europäischen Ländern, befragten sie nach deren Position zu Hollein und ließen sie eigene Projekte auswählen, in denen sich mal mehr, mal weniger offensichtliche Verbindungen verorten lassen. Hollein Calling – Architektonische Dialoge breitet diesen Kosmos in der Halle des AzW aus.

Die Ausstellung erhebe explizit keinen Anspruch auf Komplettheit, betont Theresa Krenn. "Es geht um Ausschnitte, es geht um den Prozess des Denkens und Entwerfens und darum, wie Architektur zustande kommt." Von Österreichs weltweit berühmtestem Architekten sei scheinbar alles bekannt, doch es gebe noch sehr viel zu entdecken, ergänzt Angelika Fitz, Direktorin des AzW. "Es steckt viel Hollein in der aktuellen Gegenwartsarchitektur."

Modell
Holleins Kerzengeschäft Retti.
Archiv Hans Hollein, Az W und MA

Faszination und Distanz

Dabei ist es keineswegs so, dass sich in Europa eine neue Sekte von Hollein-Adoranten zusammengefunden hat. Die 15 eingeladenen Architekten bringen sowohl Faszination als auch kritische Distanz an ihren Dialogtisch. Caroline Lateur und Stefanie Everaert vom Büro Doorzon in Gent entwarfen Lampen, die wie künstliche Palmen wirken, was an Holleins goldpalmenbestücktes Verkehrsbüro in Wien (1979) erinnert, haben aber kein Interesse am Geniekult des männlichen Stararchitekten. David Kohn aus London schätzt an Hollein das respektlos Subversive und das Erweitern der Grenzen der Architektur um Mode und Technologie. Claudia Cavallar aus Wien kann mit Holleins Streben nach Superlativen und seiner Fixiertheit auf skulpturale Objekte wenig anfangen, aber entdeckt in Holleins Ausstellungsarchitekturen einen begabten Geschichtenerzähler. Pier Paolo Tamburelli (Baukuh, Mailand) kann mit Holleins aufwendiger Entwurfspraxis, zahllose unterschiedliche Varianten auszuprobieren, nichts anfangen. Reem Almannai und Florian Fischer aus Zürich haben keine geradlinige Beziehung zum barocken Wiener, aber finden ihn spannend, wenn man ihn aus dem Augenwinkel betrachtet.

Die Ausstellung wiederum lässt die Architekturen für sich selbst sprechen und breitet Modelle, Fotos und Pläne aus dem Hollein-Archiv und von den jungen Dialogpartnerinnen auf großen, silbern lackierten Tischen aus – eine Reminiszenz an das bei Österreichs Avantgardearchitekten der 1960er-Jahre so beliebte Aluminium. In dieser horizontalen Landschaft aus Fragmenten die Verbindungslinien zu verorten ist weitgehend dem Betrachter selbst überlassen. Das verlangt nicht wenig Arbeit und manchmal eine detektivische Lupe, aber macht auch deutlich, dass es keinen eindeutigen Weg durch das Labyrinth von Deutungen und Inspirationen gibt. Schließlich war auch Hollein selbst kein kühler Theoretiker, sondern bewegte sich in assoziativen Schleifen voran. Der am hellsten leuchtende Pfad durch die Fragmente führt entlang der Formen, und man kann sich auf ein heiteres Suchspiel begeben entlang von Ovalen, Dreiecken, Kegeln, zipfeligen Shed-Dächern – und natürlich Palmen.

Zeichnung
Das Zentrum für traditionelle Musik in Bahrain von OFFICE (Keersten Geers David van Severen) aus Brüssel.
OFFICE Kersten Geers David Van S

Ikonen dekonstruieren

"Es ging uns darum, das Ikonische, mit dem Holleins Bauten assoziiert werden, zu dekonstruieren", erklärt Co-Kurator Benni Eder, und das gilt auch für die Ausstellungsarchitektur selbst, die als sechzehnter Dialog diskret im Hintergrund mit Hollein und dessen eigenen Ausstellungsinterieurs konversiert. Gerahmt werden die Tische durch großformatige Fotos, die je ein Werk der 15 Dialogpartner biografisch vorstellen, sowie gegenüber Texttafeln mit Schlüsselbegriffen. Etwas schade nur, dass diese dem fragwürdigen Trend der jüngsten Architekturbiennalen folgen, Schrift und Hintergrund in minimaler Farbabweichung im Halbdunkel zu platzieren, und nur mit erheblicher Netzhautgymnastik lesbar sind.

Doch in Summe liefert der vielstimmige Dialog mit einer immer noch faszinierenden Architekturfigur, liefern die offensiv mit Form, Farbe und Raum jonglierenden europäischen Architektinnen und Architekten einen dringend notwendigen Schuss Lebendigkeit in Zeiten des freudlosen Sparstiftbauens und des grau-beigen Investorendurchschnitts. Auch wenn die fossile Materialverschwendung, die viele von Holleins Bauten überhaupt erst möglich machte, heute definitiv passé ist, heißt das noch lange nicht, dass man auf räumlichen, formalen und gedanklichen Reichtum verzichten muss. Hollein Calling zeigt, welchen Spaß es machen kann, wenn man lustvoll die riesige Werkzeugkiste der Architektur auf dem Tisch auskippt und sich daraus bedient. Und sich dadurch ebenso lustvoll loben und kritisieren lässt. (Maik Novotny, 24.9.2023)