Der Mann am Sportuhren-Messestand zeigte auf sein Premiummodell: "Natürlich gibt es Leute, die alles, was die Uhr kann, brauchen." Es handle sich dabei um Sondereinheiten. Klar, Navy-Seals oder das deutsche Spezialeinsatzkommando brauchen sogenannte "taktische" Features, etwa Fallschirmsprung-Höhenmessung, Tauchzeit-Angaben, rotes Nachtlicht oder präzise Navigationstools.

GPS am Golfplatz

Doch die Nachfrage nach solchen Uhren sei viel größer, erklärt der Manager eines großen Sportelektronik-Konzerns. Zahlen wollte der Sportcomputerexperte beim Hintergrundgespräch auf der Münchner ISPO, der weltgrößten Sportartikelmesse, nicht nennen. Aber er verriet, dass der mit Abstand größere Markt für die 1.000-Euro-Uhr Zivilisten seien. Weit öfter als die mattierte Kommando-Version werde die auffällige Titan-Variante geordert. "Statt der Fallschirmsprung-Funktionen nutzen sie eben das Golf-Widget." Das hilft, via GPS und Golfplatzplan, Richtung und Weite der Schläge zu planen. Ein guter Grund für die Anschaffung eines solchen High-End-Gadgets ist das aber nicht, denn auch solche Funktionen gehören Standardrepertoire vieler guter Sporttracker.

Leistung durch Technik? Das suggerieren moderne Gadgets.
Leistung durch Technik? Das suggerieren moderne Gadgets.
Illustration: Tobias Burger

Als Verkaufsargument relevanter sei, was tatsächlich niemand braucht: Wann soll ich den Fallschirm öffnen? Was sehe ich im rötlichen Licht, unentdeckt vom Feind, auf der Karte? Der eigenen Kundschaft reinzudrücken, dass sie das, was sie kauft, weder braucht noch beherrscht, wäre unhöflich und geschäftsschädigend, sagt der Uhrenexperte im Hintergrundgespräch.

In Regel reicht unabhängig vom Hersteller das einfachste Gerät, um die zentralen Parameter (Zeit, Puls und Distanz) aufzuzeichnen und relevante Trainingsinformationen abzuleiten.

Übers Ziel hinausschießen

Aber schon ein kurzer Blick auf die Handgelenke in den Fitnessstudios und auf den Laufstrecken zeigt: Die Leute tragen High-End-Gadgets. Im Gegensatz dazu holt der weltbeste Marathonläufer, Eliud Kipchoge, Siege und Rekorde mit einer Uhr, die eher nach "Kaugummiautomat" als "Spitzensport" aussieht und trotz Upgrades immer noch ein Drittel von dem kostet, was Durchschnittsläufer am Handgelenk tragen. Obwohl diese nicht einmal die Möglichkeiten von Kipchoges Uhr für das eigene Training ausreizen. Das lässt sich auch im Schwimmbad beobachten. Dort trifft man immer wieder langjährige Hobbytriathleten mit 700-Euro-Uhren, die bereits an der Einstellung der Beckenlänge scheitern: Sie schwimmen nach Stoppuhr und hoffen, sich nicht zu verzählen.

Der Wiener Sportpsychologe Georg Hafner bestätigt den Hang zu "Spielzeug", das man nicht beherrscht: "Grundsätzlich sind solche Werkzeuge auch im Hobbysport sinnvoll. Training und Regeneration lassen sich so gut steuern." Da der Mensch den eigenen Fortschritt vermisse, sei auch nachvollziehbar, wieso Gadgets, die mehr Daten liefern, als man versteht, attraktiv wirken.

Männer besonders anfällig

Dennoch sei die Frage, wie wichtig es ist, dass die Uhr ein 24-Stunden-EKG nach dem anderen anlegt, berechtigt, wenn auch nicht neu: "Omega und Co werben seit Jahrzehnten mit Uhren für Tauchgänge bis 200 Meter." Männer, so der Psychologe, seien da historisch anfälliger als Frauen – obwohl Frauen aufholen.

Nicht nur Fitnesstracker, auch andere Elemente der Sportausrüstung erfüllen solche Wunschbilder. Bestes Beispiel sind Hightech-Laufschuhe mit Carbon-Katapult-Innensohlen. Sie halten oft nur 300 Kilometer und kosten bis zu 500 Euro. Im Profisport durchaus sinnvoll, sind sie im Freizeitbereich im besten Fall unlaufbar, im schlimmsten ein Verletzungsgarant. "Ich weiß, dass der Schuh nichts für mich ist, aber ich gönne ihn mir", erklärt am Rande des Berlin-Marathons vor zwei Wochen ein 54-jähriger Aachener. Im Gegensatz zu vielen anderen belügt er nicht selbst, wenn er "Spielzeug" kauft, das in andere Galaxien gehört und das er nicht beherrscht.

Das Glücksversprechen von Gear und Gadget ist allgegenwärtig. Doch gegen Übung, Technik und Biss kommt es dann doch nicht an, wie eine Wiener Freeride-Truppe letzten Winter am Arlberg eindrucksvoll erfahren durfte: Nachdem sie stundenlang über den idealen Tiefschneeski fabuliert hatte, riss dem Bergführer die Geduld: "A Guada dafoad’s mit an jedn", sagt er und fuhr den "Experten" im Bruchharsch mit Uraltlatten nur so um die Ohren. (RONDO, Thomas Rottenberg, 17.10.2023)