Komponist Christian Kolonovits, vom Burgenland in den ORF-Stiftungsrat entsandt, machte seinem Ärger über das Kanzlervideo über Burger und Kinderarbeit in einer ORF-internen Mail Luft. Er fordert darin die Sendungsverantwortlichen von "Licht ins Dunkel" auf, Regierungspolitikerinnen wie den Kanzler nicht in das Charity-Format des ORF einzuladen. In der Mail ist von Arroganz und Niedertracht die Rede, von Kälte und Zynismus.

Christian Kolonovits 2022 bei
Christian Kolonovits 2022 bei "Rainhard Fendrich symphonisch".
APA Expa Jasmin Walter

"An Niedertracht und Zynismus nicht zu überbieten"

Kolonovits schrieb an den Vorsitzenden des Stiftungsrats und die übrigen Mitglieder: "Wir alle mussten letzte Woche die von Niedertracht und Zynismus nicht zu überbietenden Aussagen unseres Bundeskanzlers erleben. Mit welcher Kälte und Arroganz auf der Armut von Menschen herumgetrampelt wurde, ist unerträglich. Falls vonseiten des öffentlich-rechtlichen ORF dazu nicht ohnehin schon Maßnahmen eingeleitet wurden, bitte ich die Sendungsverantwortlichen, Auftritte von Regierungsmitgliedern bei 'Licht ins Dunkel' heuer wegzulassen, damit Demut einkehren kann in das abgehobene Weltbild so mancher Politiker. Nehmen wir unsere mündigen Zuseher ernst und ersparen wir Ihnen die heuchlerischen Sonntagsreden von 'Armutsleugnern'."

Kolonovits sagt auf STANDARD-Anfrage, er habe diese Mail aus persönlicher Betroffenheit über die Aussagen des Bundeskanzlers Karl Nehammer (ÖVP) geschrieben. Nehammer spricht in dem Video in einer Runde von Parteifreunden in einer Salzburger Vinothek bei Wein und Kulinarik über Kinderarmut und bestreitet, dass Kinder in Österreich keine warme Mahlzeit bekämen – wo es doch den Hamburger bei McDonald's um 1,40 Euro gebe.

"Bin ein ungewöhnlicher Stiftungsrat"

Der ORF-Stiftungsrat ist ein Aufsichts- und Entscheidungsgremium des ORF, er und seine Mitglieder können und sollen den Programmverantwortlichen keine Vorgaben für die Gestaltung ihrer Programme machen. Die Entscheidung darüber liegt bei den Sendungsverantwortlichen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Andere Mitglieder des ORF-Stiftungsrats, die Kolonovits' Mail ebenfalls erhalten haben, sprechen von einer aus ihrer Sicht unzulässigen "Intervention" des Vertreters des Landes Burgenland im obersten ORF-Entscheidungsgremium. Nicht zum ersten Mal allerdings äußern Mitglieder des Stiftungsrats Wünsche oder Forderungen an Programmmacherinnen und Programmmacher.

Kolonovits sagt zu dem Interventionsvorwurf im Gespräch mit dem STANDARD: "Ich bin eben ein ungewöhnlicher Stiftungsrat." Er lasse sich auch in dieser Funktion nicht absprechen, seine Meinung zu sagen. "Man muss dazu etwas sagen dürfen." Er müsse Stellung nehmen können, "was es mit diesem ORF für alle auf sich hat".

"Fest der Menschlichkeit" statt "Politikerauflauf"

Der Musiker, Komponist und Stiftungsrat nimmt seine emotionale Mail zum Anlass, an die Diskussionen über "Licht ins Dunkel" vor einem Jahr (nach einer kritischen Dokumentation der Plattform "Andererseits") zu erinnern. Kolonovits: "Das Zur-Schau-Stellen von Armut und Behinderung ist ebenso wenig zeitgemäß wie der Politikerauflauf bei 'Licht ins Dunkel'. Das passt alles nicht mehr zusammen. Ich will, dass man 'Licht ins Dunkel' neu denkt. Es könnte ein Fest der Menschlichkeit sein."

Kolonovits zitiert dazu Willi Resetarits, den sozial engagierten, 2022 verstorbenen Künstler (Ostbahn-Kurti): "Wenn die Regierung ihre Arbeit tun würde, brauchen wir kein 'Licht ins Dunkel'." (fid, 11.10.2023)