Systemtheorie Glossar Gesellschaftswissenschaft Soziologie
Untersucht mit hohem begrifflichem Geschick die Strukturen und wiederkehrenden Themen öffentlicher Rede: Sozialwissenschafter Armin Nassehi.
Hans Günther Kaufmann

Von Zeit zu Zeit ergeht es Begriffen der Theorie nicht anders als motorgetriebenen Vehikeln, sie müssen zum Service. 19 Schlüsselwörter hat der in München lehrende Soziologe Armin Nassehi in seine Theoriewerkstätte geholt. Die Nutznießer dieser Rückholaktion sind alles Bedeutungsträger, "Big Player" der Sozialwissenschaften. Begriffe wie Demokratie, Freiheit, Kultur, Lebenswelt oder Wissen sind rasch bei der Hand. Sie erzeugen ein beruhigendes Gefühl allseitiger Wichtigkeit: Kein Feld fehlt. Kaum eine Stätte gesellschaftlicher Sinnproduktion, die der Wachsamkeit des Autors entgangen wäre.

Nassehis Kompendium umfasst mitsamt wissenschaftlichem Apparat gerade einmal 400 Seiten. Trotzdem enthält es, was es zugleich, seiner Idee nach, erzeugt. Das Glossar (Wörterverzeichnis) Gesellschaftliche Grundbegriffe stellt einen Abriss her. Es bildet, in beliebiger Reihenfolge, ein Substrat des vollständigen Wissens, das die Gesellschaft – also wir alle – über sich selbst gewinnen kann. Und auch sollte, damit alle Probleme des Zusammenlebens in komplexen Gesellschaften gemeistert werden können. Dazugehörige, erst abzuleitende Wörter lauten: "Steuerungstechnik" oder "Differenzzumutung".

Nassehi (63) ist, wenigstens der Idee nach, beim Systemtheoretiker Niklas Luhmann in die Schule gegangen. Der Herausgeber der Zeitschrift Kursbuch schreibt ungleich weniger trocken als sein Lehrmeister. Wie dieser schließt er aus Beobachtungen auf die Hartnäckigkeit, mit der bestimmte Wörter wiederkehren. Ihr Nicht-Verschwinden, ihre "Persistenz", lenkt die Aufmerksamkeit auf Bedeutungsüberschüsse, die von den Rednern während langer Jahrhunderte mitproduziert werden. Wenn Begriffe dem Wortschatz unverlierbar angehören, betreffen sie grundlegende Funktionen innerhalb der Gesellschaft. Dennoch verschiebt sich ihre Bedeutung, wenigstens graduell.

Nassehi spielt, indem er "Gesellschaft" sagt, ein virtuoses Doppelspiel. Er zeigt an, was unsere Gemeinweisen im Innerem, eingebettet in "Diskurse", akut umtreibt. Andererseits macht er sich auf alle Problemlagen, die er vorfindet, den Reim der Sozialwissenschaft. Dann stülpt er jedem Phänomen, das er erkannt hat, den passenden Begriff über. Die 19 jeweils etwa 20-seitigen Essays gleichen Versuchen, das übergeworfene Gewand aus Begriffen so lange zurecht zu schütteln, bis es sitzt und wie ein Kleid aus lauter Logos-Pailletten glitzert.

Suche nach Problemen

Nassehi ist theoriegesättigt. Dabei gibt sein Schreiben bloß wieder, was die Gesellschaft wahrnimmt, wenn sie sich selbst wahrnimmt. Sie wird sich darüber selbst zum Problem. Ihre Bedeutungsträger hantieren mit Begriffen, um an alle, die vorher "unsichtbar" waren, "Visibilisierungsangebote" zu richten. Das Paradoxon bleibt stets erhalten. Es lautet: Soziale Begriffe machen Lösungen sichtbar. Am Wissenschafter liegt es, die dazugehörigen Probleme erst zu "erfinden".

Es ist ein Labsal, diesen Prosaartisten über "Identität" schreiben zu sehen. Nassehi verstrickt den viel strapazierten Begriff in ein Ballett der Vermittlung mit sich selbst und allen Differenzen. Zuschreibungen von Identität dienen der Herstellung von "Adressen". Durch sie wird Ansprechbarkeit hergestellt.

Erst auf diese Weise entstehen zeitstabile Räume für (neue) Erfahrungen. Kollektivität wird geschaffen. Auf alle neu zu Emanzipierenden übt der Zauber der Benennung die wohltuende Wirkung der Selbstverstärkung aus. Identitäten wirken auf ihre Träger gestaltverändernd, somit segensreich zurück. Sie sind sozial schöpferisch. Wer erst einmal den "Namen" seiner Identität trägt, genießt das höchste Privileg, das die Systemtheorie gewährt: Er findet Schutz vor "Kontingenz", also Zufälligkeit. Nichts ist so bedeutsam, als dass es nicht nicht sein könnte.

Kleinster Unterschied

Nassehis Glossar gehört gegen den Strich gelesen. Rechtzeitig erschienen vor Buchmessen-Beginn, erzählt es den Lebensroman unserer Gesellschaft. An die Stelle der tragischen oder sentimentalen Heldinnen und Helden sind Begriffe getreten: Figuren, gehüllt in die schillernden Gewänder ihrer wechselnden Bedeutungen. Wie die Literatur, so zehrt auch diese hoch spannende Form der Selbsterkenntnis vom selben Effekt: von der epochalen Wirkung des kleinsten Unterschiedes. (Ronald Pohl, 18.10.2023)