Ein Mann steuert mit seinem Körper einen Icaros Health
Mit dem Icaros Health setzt man den ganzen Körper als Controller ein.
BRZ - Rommelt Pineda

Auf dem Bildschirm sieht man ein Satellitenbild der Tiroler Alpen, wie man es aus Wetterberichten oder von Google Maps kennt. Doch zoomt man hinein, schwenkt die Perspektive plötzlich um, und man kann aus der Ego-Perspektive plötzlich jeden Punkt virtuell beobachten. Sogar einzelne Gehöfte, Gletscher und Bäume sind korrekt abgebildet. Setzt man die VR-Brille auf, kann man diese Landschaft direkt in der virtuellen Realität erkunden.

Dabei handelt es sich aber nicht um eine Spielerei der Tourismuswerbung oder die neueste Engine eines Videospiels, sondern das detaillierte Kartenmaterial stammt vom Institut für Militärisches Geowesen des Bundesheeres. Auf den Karten kann man virtuell den Großglockner besteigen und in Sekundenbruchteilen aus der Ego-Ansicht ins Tal wechseln.

Detaillierte Karten sind für das Heer seit jeher unerlässlich, aber in der virtuellen Realität lassen sich deutlich mehr Details abbilden, als dies auf einer flachen 2D-Karte möglich wäre. Auf dem Gefechtsfeld der Zukunft lassen sich etwa Sichtlinien genau nachvollziehen, was gerade in der schroffen Topografie Ostösterreichs unerlässlich ist. Nur so kann man im Vorfeld feststellen, ob ein Waffensystem in dem Gelände überhaupt freie Schussbahn hat. Zusätzlich lassen sich etwa Kegel in die Landschaft zeichnen, um Feuerlinien zu definieren. Wobei Letzteres nicht mehr Aufgabe des Instituts für Geowesen ist, wie betont wird.

Auch im Katastrophenschutz erwiesen sich die VR-Karten bereits als überaus hilfreich, so wurden sie zuletzt eingesetzt, um Hilfsaktionen für die Erdbebenopfer in der Türkei zu planen.

Schmuggelware mit AR aufspüren

Das Bundesheer ist längst nicht die einzige Institution, die sich Augmented Reality zunutze macht. Abseits des Schlagworts Metaverse konnte man sich im Rahmen der Digiconnect im Bundesrechenzentrum einen Überblick über die Entwicklung von Virtual- (VR), Augmented- (AR) oder Mixed-Reality-Anwendungen (XR) in Österreich verschaffen – und diese sind deutlich zahlreicher, als man vermuten würde.

So arbeitet der Zoll gerade mit der TU Wien an einem System, das Schmuggelverstecke in Fahrzeugen ausfindig machen soll. Zwar haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zolls viel Erfahrung darin, wo in einem Pkw Drogen oder Waffen versteckt sein könne, aber die Hohlräume jedes einzelnen Automodells zu kennen, ist einfach unmöglich. Spürhunde identifizieren zwar den Bereich, wo sich illegale Gegenstände befinden, das heißt aber noch lange nicht, dass die Beamten die heiße Ware auch ohne größere Zerlegearbeiten am Fahrzeug erreichen können.

Dieses Problem will man mit einer VR-Anwendung lösen. Hierfür werden gängige Automodelle digitalisiert. Wird ein verbotener Gegenstand etwa in einem Hohlraum im Radkasten gefunden, wird das Versteck auf dem Modell markiert und steht künftig auch den anderen Zollbeamten zur Verfügung. Um mögliche Schmuggelware zu entdecken, müssen sie nur noch das Fahrzeugmodell in einer App eingeben und anschließend die Kamera des Smartphones auf das Auto richten. In einem Art Röntgenschnitt werden anschließend mögliche Verstecke auf dem Display angezeigt. Wann diese Software tatsächlich zum Einsatz kommt, ist noch nicht klar, weil sich das Programm noch in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung befindet. Die Technologie ist aber definitiv vorhanden.

Der Arbeitsplatz der Zukunft soll sich laut Meta in der virtuellen Welt befinden.
BRZ - Rommelt Pineda

Welche Sprünge die Technik von Virtual-Reality-Headsets gemacht hat, beweist auch die ÖBB. Gemeinsam mit dem Unternehmen Viarsys aus Kaisermühlen kann man etwa eine virtuelle Dampflok bestaunen. Bei den Bundesbahnen werden VR-Systeme in der Ausbildung mittlerweile intensiv genutzt. So wird die Steuerung eines Portalkrans zuerst in der virtuellen Welt trainiert.

Training und Therapie mit VR

Dem Training und der Therapie mit der Hilfe von VR hat sich Stefan Winklhofer verschrieben. Er ist für das Münchner Unternehmen Icaros als Produktentwickler tätig. Das Unternehmen verspricht nicht nur Ganzkörpertraining, das dank virtueller Realität spielerisch vonstattengeht, sondern auch medizinische Vorteile der Technologie. "Gamification" lautet das Zauberwort. Die Idee dahinter: Therapiestunden sind oft öde und anstrengend. Macht man ein Spiel daraus, sollen sich die Patientinnen und Patienten im Idealfall auf die nächste Stunde freuen, erklärt Winklhofer im Gespräch mit dem STANDARD.

Dazu hat das Unternehmen den Icaros Health entwickelt, eine Art Ganzkörpercontroller, der auch aus dem Videospiel "Cyberpunk 2077" stammen könnte. Man legt sich bäuchlings in ein Metallgestell in eine Planking-Position, setzt eine VR-Brille auf und steuert aus dieser Position mit dem gesamten Körper etwa eine Drohne durch bergige Schluchten in den Dolomiten oder rast mit einem Wingsuit durch Zielringe. Dieses Ganzkörpertraining habe sich in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten bewährt, so Winklhofer.

"VR- und AR-Anwendungen revolutionieren die Art und Weise, wie wir mit Technologien interagieren und arbeiten. Diese Technologien bieten eine Erfahrung, die es den Nutzern ermöglicht, in virtuelle Welten einzutauchen und Informationen auf innovative Weise zu visualisieren. Dies bietet insbesondere für die Physiotherapie ungeahntes Neuland. Besonders hat mich gefreut, auch eine virtuelle Anwendung des Zolls gesehen zu haben, die es den Zöllnerinnen und Zöllnern in Zukunft erlaubt, Schmuggelverstecke schneller zu finden. Diese fortschrittlichen Technologien sind ein vielversprechender Weg, um die Zukunft der Mensch-Computer-Interaktion zu gestalten", so Digitalisierungsstaatssekretär Florian Tursky am Rande der Digiconnect. (pez, 19.10.2023)