Gedenkveranstaltung Terror Wien
Es ist noch nicht lange her, als in der Wiener Innenstadt ein junger Jihadist vier Menschen tötete.
Christian Fischer

Schon seit Monaten warnen Staatsschützer vor der Terrorgefahr durch Jihadisten in Europa. In Brüssel wurde die Befürchtung wahr. Wieder einmal. Ein mutmaßlicher Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erschoss zwei Fußballfans aus Schweden, wo auch wegen der jüngsten Koranverbrennungen gerade erhöhte Anschlagsgefahr herrscht.

Das ist kein Grund, in Österreich in Panik zu verfallen. Man muss dennoch Lehren ziehen. Es ist noch nicht lange her, als in der Wiener Innenstadt ein junger Jihadist vier Menschen tötete. Und trotzdem wird die Gefahr des Jihadismus hierzulande nicht ernst genug genommen. Das ist ein verheerender Fehler. Es gibt Gefährder in Österreich, die infiziert von dieser Ideologie jederzeit zuschlagen können.

Den Ermittlern fehlen die Ressourcen, Höchstgefährder permanent auf Schritt und Tritt beobachten zu können. Rechtlich haben sie keine Möglichkeit, auf die anonymen Chatgruppen der Jihadisten zuzugreifen. Österreich ist von Tipps aus dem Ausland abhängig.

Die Gefahr des Jihadismus wird von Österreichs Politik entweder totgeschwiegen oder populistisch missbraucht. Währenddessen verlieren wir laufend Jugendliche an diese giftige Ideologie. Auf Tiktok sind radikale Prediger längst zu Stars geworden. In anonymen Chatgruppen gelangt man leicht an Bombenbauanleitungen oder kann sich mit IS-Terroristen aus dem Ausland vernetzen und abstimmen. Auch das ist Realität in Österreich. Doch die Politik übersieht das Offensichtliche.

Was braucht es also? In erster Linie: Wissen. Der Jihadismus ist nur die Spitze des Eisbergs. Was in Österreich wirklich fehlt, ist eine ehrliche Debatte über die "Durchlauferhitzer" der Radikalisierung – über Influencer auf Tiktok, über problematische Predigten in so mancher Moschee, über Bücher, die mitten in Wien vertrieben werden, in denen Stockschläge als Strafe für "Unzucht" angepriesen werden.

Man wird nicht jeden Jugendlichen davor bewahren können. Doch jeder einzelne, bei dem das gelingt, ist ein Erfolg. (Jan Michael Marchart, 20.10.2023)