Der Tod lauert in "Ghostrunner 2" überall. In Level 2 insgesamt 107 Mal, um konkret zu sein. Das verrät die Statistik am Ende des Kapitels. Ich bin in Gruben gefallen, wurde erschossen, zerstückelt, habe Kanten übersehen, bin einfach mit meinem Greifhaken abgestürzt oder habe dank einer etwas eigenwilligen Steuerung die Griffstange nicht erwischt, bin zu weit gesprungen und wurde dann von Lasern zerteilt. Was man halt an einem Sonntagabend so macht. Vor meinem geistigen Auge spielen sich die Tode wieder ab, jetzt wo der Adrenalinrausch nachlässt, und ich frage mich: Warum tue ich mir das eigentlich an?

Zugegeben: Ich bin unvorbereitet in den Test von "Ghostrunner 2" gegangen, habe nur die Trailer geschaut, mich über das coole Design gefreut – und auf die Aussicht, als tödlicher Cyberpunk-Ninja-Roboter meine Gegner schwindlig zu spielen. All das ist "Ghostrunner 2" natürlich, aber unter der glitzernden Oberfläche lauert ein Hardcore-Game, das mir ständig meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Der Cyber-Ninja verlangt vollste Konzentration

Aber der Reihe nach: "Ghostrunner 2" ist – scharfsinnige Naturen ahnen es schon – die Fortsetzung des Spiels aus dem Jahr 2020. Der erste Teil von "Ghostrunner" wurde unter Core-Gamern zum Überraschungshit, der sich bis heute rund 2,5 Millionen Mal verkauft hat. Gelobt wurde die spektakuläre Grafik, die liebevolle Umsetzung des Cyberpunk-Settings und das adrenalingeladene Gameplay. Kritik gab es jedoch an der manchmal unpräzisen Steuerung. Für gemischte Reaktionen sorgte der Hardcore-Ansatz des Spiels: "Ghostrunner" spielt man nicht nebenbei gemütlich auf der Couch. "Ghostrunner" erfordert vollste Konzentration und Aufmerksamkeit.

Wollen wir ein Terminal hacken, geht es in die "Firewall", in der häufig besonders knifflige Sprungrätsel warten.
Screenshot / DER STANDARD

Das ist auch in Teil Nummer Zwei auch noch so. Die Spielfigur Jack, der Held aus dem ersten Teil, ist ein wiederbelebter Cyber-Roboter-Ninja-Samurai mit der Fähigkeit kurze Strecken entlang von Wänden zu laufen. Außerdem verfügt Jack über blitzschnelle Reflexe, dargestellt durch eine Ausweich-Mechanik, die für einen Sekundenbruchteil für einen Zeitlupeneffekt sorgt. Als Waffe verfügt die Spielfigur über ein Katana, später kommen auch noch stromgeladene Wurfsterne hinzu. Das alles klingt jetzt nicht unbedingt neu, doch "Ghostrunner 2" verfolgt einen originellen Ansatz: Jack hat genau einen Hitpoint, beim ersten Treffer kippt er unweigerlich aus den Latschen.

Schnelles Denken, noch schnelleres Gameplay

Das führt dazu, dass man nicht einfach durch Feindfeuer laufen kann. Stattdessen muss man jedem feindlichen Schuss ausweichen. Zwar lassen sich einzelne Kugeln mit dem Schwert blocken, was aber auf Kosten der Ausdauerleiste geht, die wir wiederum für die Ausweich- und Sprungmanöver in Zeitlupe brauchen. Klüger ist es also, blitzschnell die Levelarchitektur auszunutzen und dem Feindfeuer durch einen geschickt getimten Wallrun zu entgehen, im Sprung die Richtung zu wechseln und den Gegner von hinten mit dem Katana zu überraschen.

Zum Glück sind Jacks Gegner nämlich genau so fragil wie er selbst und somit nach dem ersten Schwertstreich Geschichte. Oder besser: In Einzelteilen über der Map verteilt, denn "Ghostrunner 2" spart nicht mit Blut und abgetrennten Gliedmaßen. Auf Wunsch lässt sich das blutige Schauspiel aber in den Optionen entschärfen.

Der Robo-Fanatiker mit dem glühenden Messer ist so gefährlich, wie er aussieht, schließlich heißt es nach einem feindlichen Treffer: Game Over.
Steam / One More Level

Das Gameplay setzt also auf schnelle Reflexe, ein Auge für Sprungmöglichkeiten, Rutschen und Wallruns voraus, dass alles, während man von allen Seiten beschossen wird und gegnerische Ninjas mit ihren Doppelkatanas auf einen losgehen. Das treibt den Adrenalinspiegel in den besten Momenten deutlich in die Höhe. Wenn man es schafft, in den "Flow" aus Ausweichen, Kämpfen, Springen und Gleiten zu kommen fühlt sich "Ghostrunner 2" wie ein perfekt inszeniertes Ballett an.

Viel Trial-and-Error

Zum Vergleich: Das Spieltempo liegt gefühlt sogar noch etwas über "Doom Eternal". Doch diese glorreichen Momente wechseln sich leider immer wieder mit teils frustrierenden Trial-and-Error-Passagen ab. In einem Moment reißt Jack mit seinem Greifhaken eine Wand um, die mehrere Gegner erschlägt, fährt einem Angreifer in die Parade und schickt mit einem perfekten Block eine Kugel zurück an den Absender. In der nächsten Szene kommt man in einen Raum, stirbt schon beim Versuch überhaupt an den Gegner heranzukommen mehrere Male, verpasst letztendlich einen wichtigen Sprung und spielt die komplette Passage immer wieder von vorne, bis sie ins Muskelgedächtnis übergegangen ist.

Das Cyberpunk-Setting haben die Entwickler gut eingefangen.
Screenshot / DER STANDARD

Das führt leider viel zu oft dazu, dass man "Ghostrunner 2" nicht organisch spielt und der eigene Skill sowie das Improvisationsvermögen über Sieg und Niederlage entscheiden. Tatsächlich muss man oft Passagen auswendig lernen und sich exakt merken, wann wo welcher Gegner auftaucht oder in welcher Sekunde man einen Wallrun abbrechen muss, weil man sonst von hinten getroffen wird.

Pausen vom Adrenalinrausch bescheren Rätsel in den Leveln, die sich meist auf die üblichen Knöpfchen- und Schalterspielchen beschränken. Diese gilt es oft unter Zeitdruck in der richtigen Reihenfolge zu drücken, um eine Barriere zu deaktivieren oder ein Tor zu öffnen. Kennt man. Neu im Vergleich zum Vorgänger sind Motorradlevel. Diese sind zwar actiongeladen, stellen aber alles andere als Gameplay-Revolution dar und basieren auf einem ähnlichen Trial-and-Error-Verfahren. Wer als Kind "Battletoads" gespielt hat, kennt den Drill.

Die Steuerung funktioniert meistens

Zum Glück sind dutzende Bildschirmtode eingeplant und die Checkpoints oft fair gesetzt. Die Betonung liegt auf "oft", denn manchmal muss man extrem knifflige Passagen von vorne beginnen, weil man den letzten Sprung verpatzt hat. Und diese besagten Sprünge scheitern zu oft an der im entscheidenden Moment leider etwas unpräzisen Steuerung. Vor allem nach Wallruns oder beim Abschwung von Greifhaken lässt sich die Richtung, die Jack nehmen wird, nur schwer voraussagen. Das führt dazu, dass man oft am Ziel vorbeifliegt und in den Abgrund rast. Zwar "klebt" Jack meistens an den gelb markierten Haltepunkten im Level, aber eben nicht immer. Ungeduldige Naturen dürften hier schnell den Controller gegen die Wand pfeffern.

Apropos Controller: Mit Maus und Tastatur spielt sich "Ghostrunner 2" deutlich flüssiger als mit anderen Eingabegeräten – aber das ist bei Spielen aus der Egoperspektive ohnehin zu erwarten.

Knackige Bosse

Etwas leichter wird "Ghostrunner" sobald Jacks Motherboard um neue Fähigkeiten erweitert wird. Hier lernt er wie man Schüsse an den Absender zurückschickt und schaltet Fähigkeiten frei, dank deren Sprünge und Bullet-Time weniger Ausdauer verbrauchen. Außerdem lernt Jack nach und nach neue Sekundärwaffen wie Wurfsterne oder einen Machtstoß zu benutzen. Die braucht er auch, denn vor allem die Bosse haben es in sich. Während sie Jack noch immer beim ersten Treffer ins digitale Jenseits befördern, haben die Gegner einen deutlich größeren Hitpool und wollen mit ihren eigenen Taktik bezwungen werden. Zum Glück sind die Rücksetzpunkte an die Lebensleiste der Bosse gekoppelt und man startet nach einem Bildschirmtod nicht mehr ganz von vorne in den Kampf. Beim ersten Boss wird beispielsweise ein Checkpoint gesetzt, nachdem man ihm ein Drittel seiner Hitpoints abgezogen hat.

Ein technisches Gustostückerl

Wie es sich für ein ernstzunehmendes Videospiel im Cyberpunk-Setting gehört, stammt "Ghostrunner 2" natürlich von einem Entwicklerstudio aus Polen. Und was One More Level hier dank der Unreal Engine 4 auf den Bildschirm zaubern, kann sich durchaus sehen lassen. Neonfarbene Lichter spiegeln sich in dreckigen Pfützen, Laserstrahlen tauchen die ansonsten grauen und braunen Level in rotes Licht. Das Game fängt das Cyberpunk-Setting perfekt ein und lief auch auf dem Testsystem (Ryzen 5800X3D, RX6800XT) mit stabilen 60 Frames in 4K.

Die Story wird durch Dialoge weitererzählt. Zwischen den Einsätzen dürfen wir eine Basis erkunden und mit deren Bewohnerinnen plaudern.
Screenshot / DER STANDARD

Nahe an der Perfektion ist der Soundtrack mit seinen knackigen Synthwave-Beats, der die Parcours- und Kampfszenen stimmungsvoll untermalt und den Adrenalinkick in noch lichtere Höhen befördert. Und um den Elefanten im Raum anzusprechen und zum Schluss doch noch den Vergleich zu ziehen: Die Musik steht jener von "Cyberpunk 2077" in nichts nach und ist für mich der mit Abstand beste Aspekt von "Ghostrunner 2".

Es gibt eine Story, angeblich

Die Story schließt direkt an die Ereignisse von Teil 1 an. Jack wird wieder zusammengesetzt und muss erneut gegen die finsteren Mächte im Dharma-Turm antreten. Nachdem die Erde beinahe unbewohnbar geworden ist, leben die meisten Menschen in diesem riesigen Wolkenkratzer.

Ghostrunner II Story Trailer
Epic Games

Die Geschichte wird hauptsächlich durch Dialoge während der Missionen erzählt, was dazu führt, dass man wenig davon mitbekommt, weil man meist neben Ausweichen, Kämpfen und Auswendiglernen wenig Kapazitäten frei hat, den Gesprächen zu folgen. Das macht aber nichts, denn die Geschichte ist weder spannend noch originell.

Fazit: Adrenalinrausch für Fans

"Ghostrunner 2" tritt mich bei jeder Gelegenheit in den Staub. Einen Sprung nicht perfekt getimt? Pech gehabt, du bist tot. Einen Gegner übersehen? Game Over. Einmal kurz stillgestanden, um den weiteren Weg zu planen? Tschüss, bis zum nächsten Mal. Die Parcoursabschnitte sind zwar knüppelhart, aber fühlen sich immer fair an. Zumindest weiß man meistens, warum man gerade abgestürzt ist (wenn die Steuerung nicht gerade wieder eine ihrer unerklärlichen Ausfälle hat).

Bei den Kämpfen dominiert leider das Trial-and-Error-Verfahren, nur wer sich Pixeltod für Pixeltod ihr Verhalten einprägt, kann sie überwinden. Einen größeren Kampf beim ersten Versuch zu meistern, ist nahezu ausgeschlossen, außer man hat nahezu übermenschliche Skills.

Zwei Dinge retten "Ghostrunner 2" jedoch: Das grandiose Design und der fantastische Soundtrack mit seinen treibenden Synthwave-Beats motivieren zum Weiterspielen. Die künstlerische Seite von "Ghostrunner 2" ist nahezu perfekt. Schade, dass man das nicht auch für das Gameplay behaupten kann.

Da geht er ein, der erste Boss.
Screenshot / DER STANDARD

Doch für wen ist "Ghostrunner 2" nun geeignet? Wer den ersten Teil geliebt hat, kann bedenkenlos zugreifen. Wer auf der Suche nach einem Spiel zum Entspannen nach einem harten Arbeitstag ist, sollte tunlichst die Finger vom neuesten Werk von One More Level lassen, denn "Ghostrunner 2" ist ausschließlich für adrenalinsüchtige Core-Gamer mit großer Leidensfähigkeit. Tipp: die kostenlose Demo spielen und dabei die Herzmedikamente nicht vergessen. (Peter Zellinger, 23.10.2023)