Marco Rossi misst 1,76 Meter und hat Appetit auf die NHL.
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Um elf Uhr vormittags schnürt Marco Rossi in der kanadischen Hockey-Metropole Montreal zum ersten Mal seine Schuhe. Kurz angeschwitzt, werden sie vom letzten Aktivierungstraining bis zum Match sechs Stunden später gar nicht mehr voll trocknen. Österreichs aktuell größtes Eishockeytalent spielt mit seinen Minnesota Wild an diesem Abend auswärts gegen die Montreal Canadiens. Die "Habs" haben einen Sieg im Rücken, die Wild eine Niederlage. In dieser, erlitten gegen die Toronto Maple Leafs (4:7), hatte nur Marco Rossi Grund zur Freude: Nach 22 torlosen Einsätzen in der NHL gelang ihm sein erster Treffer. Sehenswert spitzelte er einen Abpraller aus der Luft ins Tor.

Beim "Morning-Skate" in Montreal lässt er es ruhig angehen, freut sich sichtlich noch über den Karrieremeilenstein. Der wendige Center von kleiner Statur, aber mit umso größerem Gespür für das Bedienen seine Mitspieler gesegnet, verteilt Pässe, trainiert das Bully, ein paar Handgelenksschüsse finden das Kreuzeck. In der Umkleidekabine warten schon am Vormittag Medienvertreter, am Abend werden sie den Gästen aus Minnesota zu einem 5:2-Sieg gratulieren. Rossi bleibt ohne Scorerpunkt, bekommt vor 21.100 Fans 13:56 Minuten Eiszeit. Noch aber deutet nichts darauf hin. Die Anspannung ist spürbar, ein Zeugwart stapelt die Trikots, Coachs gehen aus und ein. Während Rossis Starkollegen wie Kirill Kaprisov oder Mats Zuccarello noch duschen, nimmt der 22-Jährige schon im weißen Sakko Aufstellung. Zehn, vielleicht 15 Minuten kann er sprechen, danach muss er in den Teambus. Auf einem Fernsehbildschirm hinter ihm läuft Baseball. Das passt.

STANDARD: Schon einmal Baseball gespielt?

Rossi: Baseball? Noch nie, nein.

STANDARD: Im Hockey-Jargon nennt man das, was Ihnen bei Ihrem ersten NHL-Tor gelungen ist, Baseball-Tor: den Puck aus der Luft ins Tor befördern. Einfach ist das nicht. Macht das das Tor noch erinnerungswürdiger?

Rossi: Sicher, auch Jahrzehnte später wird man sich an sein erstes NHL-Tor erinnern. Man macht ein solches Tor auch nicht oft, das stimmt. Man lernt schon in der Jugend, wie man den Puck aus der Luft annimmt, aber letztlich ist das eine Instinktaktion.

STANDARD: Vor dem Tor mussten Sie sich noch gegen zwei Gegenspieler Platz verschaffen. Haben Sie deswegen noch einmal an Muskeln zugelegt in dieser Saison, um in solchen Situationen durchsetzungsfähiger zu sein?

Rossi: Ja, weil die Verteidiger in der NHL natürlich enorm kräftig sind. Aber auch an der Schnelligkeit habe ich über den Sommer gearbeitet.

STANDARD: Wenn Sie es schaffen, sich in der Liga zu etablieren, winkt Ihnen bald ein gut dotierter Millionenvertrag. Denkt man da auch ans Geld? Man hat ja immerhin viel investiert.

Rossi: Also für mich ist das Geld in so jungen Jahren wirklich noch nebensächlich. Ich denke aktuell nur ans Spielen. Sicher ist es auch ein Beruf. Und für den gibt es, wenn alles gut läuft, irgendwann gutes Geld. Aber in erster Linie geht es ums Spiel, weil du es liebst, weil es deine Leidenschaft ist. Und das, seitdem ich zweieinhalb bin.

STANDARD: Sie gelten als recht bescheiden, geerdet, manchmal sogar als zu brav. In der letzten Saison wollten die Coachs mehr "fuck it attitude" (Pfeif-dir-nix-Attitüde) von Ihnen sehen. Wie setzen Sie das konkret um?

Jubel über das erste Tor: Marco Rossi mit Frederick Gaudreau.
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Rossi: Bodenständig bin ich immer, ja. Und auch zurückhaltend. Aber ich bin neben dem Eis sicherlich ruhiger als auf dem Eis. Auf dem Eis war ich schon immer giftig und unangenehm für die Gegner, gerade wenn man körperlich kleiner ist, ist das wichtig. Das soll ich jetzt nochmal verstärken, ich soll hungriger sein. Ich glaube, das habe ich in der letzten Saison gelernt. Der Hunger ist groß.

STANDARD: Auch der Konkurrenzdruck in der NHL ist enorm: Wie gehen Sie mit dem Zwiespalt um, einerseits für sich selbst und die eigene Karriere performen zu müssen und andererseits ein guter Teamplayer zu bleiben?

Rossi: Ich sage immer: Du sollst nur so weit egoistisch sein, dass du damit noch der Mannschaft hilfst. Aber ein gewisses Maß an Egoismus ist wichtig, nur selbstlos sein, das geht nicht. Wenn du Tore schießen willst, ist das gut, weil es der Mannschaft hilft.

STANDARD: Gegen die Canadiens wäre es nun um ein Haar wieder einmal zu einem Österreicher-Duell in der NHL gekommen. Ihr Vorarlberger Landsmann David Reinbacher muss sich bei den Canadiens aber noch etwas gedulden. Stehen Sie in Kontakt, unterstützt man sich gegenseitig?

Rossi: Wir sind viel im Austausch, ja. David ist auf einem sehr guten Weg, und er wird es bald schaffen, in der NHL durchzustarten.

STANDARD: Anders als Thomas Vanek, der mit 14 nach Übersee gegangen ist, haben Sie beide den Weg über die Schweiz gewählt, der Dritte im Bunde, Marco Kasper (von den Detroit Red Wings gedraftet), versucht es über Schweden. Sind diese beiden Ligen ein gutes Pflaster für den Nachwuchs?

Rossi: Es ist zwar traurig, wenn man es so sagen muss, aber wenn du es als junger Spieler in die NHL schaffen willst, musst du raus aus Österreich. Ob Nordamerika, Schweiz oder Schweden ist relativ egal, alle Wege können funktionieren, aber wichtig ist, dass man sich schon in jungen Jahren mit den Besten misst.

STANDARD: Was fehlt in Österreich, um auch in der Breite auf das Niveau der Schweiz zu kommen?

Rossi: Es fehlt ganz einfach an Nachwuchs im österreichischen Eishockey. Man müsste da ganz früh ansetzen, versuchen, schon im Kindergarten Begeisterung für den Sport zu wecken. Sicherlich ist es auch ein teurer Sport, also müsste man dafür sorgen, dass Hockey leistbar, einfacher zugänglich ist.

STANDARD: Lassen Sie noch ein bisschen träumen: Stanley Cup oder Turniermedaille mit dem Nationalteam, was wäre Ihnen mehr wert?

Rossi: Der Stanley Cup ist die höchste Auszeichnung in der besten Liga der Welt, da träumt man schon als kleines Kind davon. Beim Nationalteam sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg, es kommen einige junge Talente nach, also am liebsten wäre mir natürlich beides.

STANDARD: Was ist realistischer?

Rossi: Sicherlich der Stanley Cup. Beim Nationalteam wäre fürs Erste ein Viertelfinale realistisch. (Interview: Stefan Weiss, 22.10.2023)