Israelischer Regierungschef Benjamin Netanjahu
Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu wird für den Bodeneinsatz am Gazastreifen scharf kritisiert.
IMAGO/Maya Alleruzzo

Volle Solidarität mit Israel im dunkelsten Moment seit seiner Staatsgründung 1948 verbietet nicht die Empathie mit zwei Millionen Menschen, die im Gazastreifen in einer humanitären Katastrophe gefangen sind – und setzt auch nicht das rationale politische Denken außer Kraft. Regierungschef Benjamin Netanjahu wird derzeit vor allem im Inneren offen angegriffen, für seine vergangene Gaza-Politik und seine jetzige Strategie. Die Angehörigen der von der Hamas verschleppten Geiseln fürchten bei einer Bodenoffensive um deren Leben. Von außen versuchen vor allem die USA, Netanjahu die Folgen dessen, was er jetzt tut, für den gesamten Nahen Osten – und vielleicht darüber hinaus – abwägen zu lassen.

Die Auslöschung der Hamas ist ein nachvollziehbarer Wunsch: Nicht nur Israel wäre sicherer, die ganze Region, inklusive der Palästinenser, wäre von einer den Islam und den palästinensischen Nationalismus pervertierenden terroristischen Gruppe befreit. Mehr als drei Wochen sind seit dem Hamas-Überfall auf Südisrael vergangen, der in einem Blutrausch endete. Aber bei der Beantwortung der Frage, wie ein vom Gaza-Krieg ausgehender Flächenbrand verhindert werden kann, scheint man nicht entscheidend weitergekommen zu sein.

Destabilisierung befürchtet

Laut New York Times hat Saudi-Arabien die USA – und damit Israel – erneut eindringlich vor einer Destabilisierung des gesamten Nahen Ostens im Fall einer Bodenoffensive gewarnt. Man kann sich völlig sicher sein, dass mehrere Kanäle nach Teheran offen sind, nicht nur ein saudischer, sondern vielleicht sogar ein direkter US-iranischer, etwa über das Sultanat Oman. Zur militärischen Drohung durch US-Kriegsschiffe im Mittelmeer kommen diplomatische Anstrengungen, dem iranischen Regime klarzumachen, dass es einen Preis zahlen wird, auch wenn es "nur" seine Stellvertreter, allen voran die libanesische Hisbollah, in Aktion setzt.

Es ist davon auszugehen, dass auch der Iran kein fertiges Konzept für die jetzige Situation in der Schublade hatte. Die Sicherheitspolitik der innerlich zerrissenen Islamischen Republik wird nicht weniger fehleranfällig sein als die israelische – oder auch jene der USA, die ein später "aktualisierter" Artikel von Sicherheitsberater Jake Sullivan in Foreign Affairs bloßstellt. Die Lage in Gaza sei erfolgreich deeskaliert, schrieb er da.

Israel kann über die Statements aus den arabischen Staaten, die den Hamas-Terrorüberfall auf Israel in einem Atemzug mit der Lage der Palästinenser seit Jahrzehnten nannten, nicht erfreut sein. Irritierend ist allerdings auch der religiös-apokalyptische Ton, den Netanjahu derzeit anschlägt, wenn er einen Vers über die totale Vernichtung der "Amalekiter", der biblischen Feinde Israels, anspricht. Wer darf das auf sich beziehen, welche israelische Politik folgt daraus?

Arabische Regierungen rund um Israel – von Ägypten über Jordanien und Saudi-Arabien bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Marokko, die 2020 die "Abraham-Abkommen" mit Israel geschlossen haben – engagieren sich derzeit ernsthaft, die größte Nahostkrise seit Jahrzehnten zu bewältigen. Das mag aus Eigeninteresse geschehen, manche Regime sind gefährdet. Das ändert nichts daran, dass die Region nach diesem von der Hamas ausgelösten Krieg auf einen pragmatischen Weg zurückkehren muss. Dieses Bewusstsein sollte immer aufrechterhalten werden.

(Gudrun Harrer, 30.10.2023)