Bongi Mbonambi jubelt mit einer Südafrikaflagge.
Bongi Mbonambi jubelte weltmeisterlich.
AFP/THOMAS SAMSON

Südafrika im Siegestaumel: Nach dem Triumph der "Springböcke" gegen die neuseeländischen "All Blacks" im Finale der Rugby-Weltmeisterschaft hagelt es am Kap der Guten Hoffnung Superlative. Das "dramatischste WM-Finale aller Zeiten", schwärmt Südafrikas Rugbyverband; das "bedeutendste Match in 150 Jahren internationaler Rugby-Geschichte", titelt der Internetdienst "super.rugby"; "das beste Springbockteam, das es jemals gab", urteilt der südafrikanische Nachrichtendienst News24. Nach ihrem hauchdünnen 12:11 Sieg am Samstagabend im Pariser Stade de France sind die Springböcke die erste Mannschaft, die bereits viermal den seit 1987 alle vier Jahre ausgetragenen Rugby-World-Cup gewonnen hat – und neben den All Blacks das einzige Team, dem das gleich zweimal in Folge gelang.

Der Triumph der rauen "Bokkies" hätte zu keiner besseren Zeit kommen können. "Es gibt gegenwärtig nicht viele guten Ereignisse in unserer Heimat", meinte Südafrikas Kapitän Siya Kolisi im Anschluss an das regnerische Match: "Wir sind froh, dass wir mit unserem Erfolg unsere Landsleute aufmuntern können." Kein Wunder, dass auch Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, der zum Finale nach Frankreich gereist war, von einer "außerordentlichen und inspirierenden nationalen Errungenschaft" sprach: Sie lasse "alle südafrikanischen Herzen höherschlagen".

Südafrika ächzt

Das Phänomen ist am Südzipfel des afrikanischen Kontinents seltener als Schneefall geworden: Die Enkel Nelson Mandelas drohen derzeit immer tiefer in die kollektive Depression zu schlittern. Wirtschaftliche Stagnation, beharrliche Arbeitslosigkeit und ungebremste Korruption haben die Stimmung in der Bevölkerung auf einen Tiefpunkt gebracht. Im Schein des Triumphs der Springböcke meint der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) jetzt zumindest vorübergehend aufatmen zu können: Sein Ansehen geriet allein schon wegen seiner Versäumnisse beim Management der Strom- und Wasserversorgung unter Hochdruck.

Allerdings ist Rugby in Südafrika eine heikle Sportart. Der Raufsport war zu Zeiten der Apartheid vor allem unter Weißen beliebt, schwarze Südafrikaner konzentrierten sich auf Fußball. Die massigen weißen Rugbyspieler waren Sinnbilder der Brutalität des Buren-Regimes: Tourten ausländische Teams durch das Land, wurden in der Regel sie statt der heimischen Mannschaft von schwarzen Zuschauerinnen und Zuschauern angefeuert.

Mandelas Schachzug

Das änderte sich erst durch Nelson Mandelas genialen Umgang mit der ersten Austragung einer Rugby-WM auf südafrikanischem Boden 1995. Statt es den Springböcken so schwer wie möglich zu machen und sie etwa zu einer Quote an schwarzen Spielern zu zwingen, wofür die große Mehrheit der ANC-Funktionäre plädierte, erkannte "Madiba" das Potenzial der Sportart als Instrument der Versöhnung. Er umgarnte die Springböcke mit seinem Wohlwollen und machte sie zu Repräsentanten der Regenbogennation – ein Vorgang, dem Clint Eastwood im Film "Invictus" zu ewigem Ruf verhalf.

Wie erfolgreich Mandela war, kann fast 30 Jahre später keinem verborgen bleiben: Obwohl die Mehrheit der Bokkies noch immer weiß und burischer Abstammung ist, nimmt die Zahl schwarzer Stammspieler ständig zu: Längst wird das Nationalteam von einem schwarzen Mannschaftskapitän, dem Flanker Kolisi, angeführt. Außerdem sind die wuchtigsten und wichtigsten Figuren im Scrum der Hooker Mbongeni Mbonambi und Prop Retshegofaditswe ("Ox") Nche: Die beiden schwarzen Profisportler werden heute genauso wie Faf de Klerk oder Pieter-Steph du Toit in ganz Südafrika als Helden verehrt. Und zwar durch die Bank und in allen Bevölkerungsgruppen. Selbst wenn viele schwarze Südafrikanerinnen und Südafrikanerinnen die verwirrenden Rugbyregeln noch nicht unbedingt kennen: Sie füllten am Samstagabend in noch größerer Zahl als ihre weißen Landsleute die öffentlichen Fanparks oder klebten an ihren Fernsehschirmen.

Strittiges Finale

Ob die richtige Mannschaft am Samstag Weltmeister wurde, ist natürlich umstritten. Für die Neuseeländer war an ihrer Niederlage vor allem der englische Schiedsrichter Wayne Barnes schuld, der ihren Kapitän Sam Cane wegen eines gefährlichen "Tackle" des Feldes verwies. Selbst Neider räumen allerdings ein, dass die Springböcke vor allem in der Verteidigung (fast) fehlerfrei waren: Deswegen – und weil sie von einer von Erfolgen nicht gerade verwöhnten Nation verzweifelt angefeuert wurden – dürfen sich die Bokkies jetzt für weitere vier Jahre Weltmeister und darf sich Südafrika die beste Rugbynation aller Zeiten nennen. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 30.10.2023)

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