Stefan Ferenci ist Zweiter Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, in der die Wogen seit Monaten hochgehen.
APA/GEORG HOCHMUTH

Handgreiflichkeiten, verbale Entgleisungen und Querelen ohne Ende – die Wogen in der Wiener Ärztekammer gehen seit Monaten hoch. Nun sorgt ein neuer Vorfall für Empörung, der sich vor zwei Wochen in einer Sitzungspause des Vorstands der Wiener Ärztekammer ereignet haben soll.

Zwei Tage nachdem Naghme Kamaleyan-Schmied am 16. Oktober zur Zweiten Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer gewählt worden war, soll ihr der Erste Vizepräsident Stefan Ferenci laut STANDARD-Informationen mitgeteilt haben, dass er ihr nicht zu dieser Funktion gratulieren werde, weil er "keinen Mullah im Präsidium der Ärztekammer" haben wolle. Vier Tage später soll Ferenci im Vorstand zudem gemeint haben, dass Kamaleyan-Schmied das "Mindset eines Mullahs" habe.

Die in Österreich geborene Kamaleyan-Schmied, deren Eltern aus dem Iran kommen, bestätigt dies auf STANDARD-Anfrage. Sie sei "entsetzt" über diese Aussage gewesen, sagt sie. Schließlich stehe das Mullah-Regime im Iran für Hinrichtungen, Folter und Unterdrückung von Frauen. "Es hat mich wirklich getroffen, dass man zu mir sagt, ich sei ein Mullah." Im Gegenteil habe sie sich oft genug "gegen dieses Regime geäußert", außerdem setze sie sich aktiv für die Rechte von unterdrückten Frauen im Iran ein.

Ferenci ortet Ablenkungsversuch

Ferenci will das im STANDARD-Gespräch keinesfalls so stehen lassen. Weder sei er dagegen gewesen, dass Kamaleyan-Schmied ins Präsidium der Wiener Kammer gewählt werde, noch habe er diese als "Mullah" bezeichnet. Beides sei "schlicht und ergreifend die Unwahrheit", sagt er.

Ferenci räumt allerdings ein, dass er die Wahl von Kamaleyan-Schmied zur Vizepräsidentin "kritisch" sehe. Und er bestätigt, dass er im Vorstand den Vergleich gezogen habe, dass diese das "Mindset eines Mullahs" habe.

Aus seiner Sicht werde versucht, die Sache zu einem Skandal "aufzublasen", um von anderem Ungemach, das Johannes Steinhart, Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer, in den nächsten Tagen drohen könnte, "abzulenken". Laut STANDARD-Informationen dürfte sich Steinhart mit Aufsichtsbeschwerden konfrontiert sehen.

Gräben werden immer tiefer

Ferenci ist einer jener Ärztevertreter in der Wiener Ärztekammer, die seit längerem Steinharts Rücktritt fordern. Hintergrund dafür ist die Affäre rund um die eingestellte Ärzteeinkaufsplattform Equip4Ordi, eine Tochterfirma der Kurie der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer Wien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Causa wegen des Verdachts der Untreue, Begünstigung und des schweren Betrugs. Zwei Ex-Geschäftsführer, ein Kammer-Mitarbeiter und auch Steinhart werden als Beschuldigte geführt. Dieser wies die Vorwürfe des Verdachts der Beteiligung an Untreue stets zurück. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Kamaleyan-Schmied folgte Erik Randall Huber nach, der im Zuge der Querelen am 6. Oktober seinen Rückzug verkündet hatte. Der Ex-Obmann hatte die Vorwürfe gegen die Beschaffungsplattform Equip4Ordi ans Licht gebracht und forderte ebenfalls Steinharts Rücktritt.

Seit Aufkommen der Affäre reißen immer tiefer werdende Gräben innerhalb der Wiener Kammer auf: Ein Lager steht hinter Steinhart, dazu wird unter anderem Kamaleyan-Schmied gezählt. Die anderen, darunter Ferenci, fordern vehement, dass Steinhart sein Amt niederlegt.

In einer außerordentlichen Vollversammlung war am 11. Oktober ein Misstrauensantrag gegen Steinhart gescheitert. Zwar sprach eine Mehrheit der Wiener Mandatare diesem das Misstrauen aus, allerdings hätte es eine Zweidrittelmehrheit gebraucht, damit der Antrag ihn das Amt gekostet hätte. (Sandra Schieder, 31.10.2023)