Gesundheit, Bildung, Eltern, Kinder
Die Unterschiede bei der Gesundheit von Kindern aus unterschiedlichen Elternhäusern fangen schon sehr früh an, sagt die Forscherin Mara Barschkett.
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Das Los des Lebens ist die Familie, in die man hineingeboren wird. Werte, Ansichten, Gewohnheiten und nicht zuletzt Einkommen und Bildungsgrad der Eltern haben meist lebenslange Auswirkungen auf die nachfolgende Generation. Je niedriger der Bildungsgrad der Eltern ist, desto höher ist beispielsweise die Gefahr, dass Kinder in Armut aufwachsen. Das zeigten erst kürzlich Auswertungen des Statistischen Bundesamts Deutschland. Demnach galten im vergangenen Jahr rund 38 Prozent der Kinder mit niedrigqualifizierten Eltern als armutsgefährdet – mehr als zweieinhalb Mal so viel wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

Der Bildungsgrad der Eltern wirkt sich aber auch auf die Gesundheit der Kinder bis ins Erwachsenenalter aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden, die auf jährlichen Befragungen von mehr als 16.000 Menschen basiert. Menschen aus bildungsfernen Familien seien noch im Erwachsenenalter häufiger übergewichtig und schätzten ihre Gesundheit als schlechter ein als Kinder höher gebildeter Eltern. So sei knapp die Hälfte der Befragten im Alter zwischen 18 und 50 Jahren, deren Eltern keinen Matura-Abschluss haben, übergewichtig. Bei Eltern mit Matura-Abschluss seien dies nur knapp ein Drittel. Zudem schätzen Menschen aus weniger gebildeten Elternhäusern noch im Erwachsenenalter ihre Gesundheit als schlechter ein als Menschen aus besser gebildeten Elternhäusern.

Anderes Gesundheitsbewusstsein

"Die Unterschiede fangen schon ganz früh an", sagt Mara Barschkett, Forscherin am BiB und eine der Studienautorinnen, im Gespräch mit dem STANDARD. Schon in den ersten Monaten nach der Geburt seien Kinder aus gebildeten Familien gesünder als Kinder mit weniger gebildeten Eltern. "Über den Lauf des Lebens verstärken sich diese Unterschiede dann meist noch", sagt Barschkett. So seien beispielsweise übergewichtige Kinder oft auch im Erwachsenenalter noch übergewichtig. Dies wirke sich auch auf die generelle Lebenserwartung aus. Kinder, deren Mütter höher gebildet sind, leben nach dem Alter von 65 Jahren im Durchschnitt zwei Jahre länger als Kinder mit weniger gebildeten Müttern, verweist Barschkett auf eine Studie von 2019.

Die Ursachen führt die Forscherin auf eine Kombination von verschiedenen Faktoren zurück. Einerseits gehe die Bildung der Eltern in vielerlei Hinsicht auf die Kinder über. Wissen über gesunde Ernährungsweisen und ein ausgeprägteres Gesundheitsbewusstsein würden sich häufig auf die nachfolgende Generation übertragen. Eltern mit besserer formaler Bildung führen meist früher gesündere Ernährungs- und Bewegungsroutinen in die Erziehung und in den Alltag ein und bewegen sich häufig selbst mehr. Auch das größere soziale Umfeld von Kindern aus gebildetem Elternhaus sei meist gesundheitsbewusster, beispielsweise die anderen Kinder im Kindergarten oder in der Schule.

Nicht zuletzt haben auch das Einkommen und die Berufswahl Auswirkungen auf die Gesundheit der Eltern und auch der Kinder, sagt Barschkett. Ein hohes Einkommen gehe meist auch mit einer guten Gesundheit einher. Menschen mit niedrigerer Bildung arbeiten zudem meist in gesundheitlich belastenden Jobs, müssen beispielsweise schwer heben, während Menschen mit höherer Bildung oft körperlich weniger belastende Bürojobs haben.

Nur formale Bildung berücksichtigt

Allerdings berücksichtigt die Studie nur die formale Bildung der Eltern. Informelle Bildung, das heißt Wissen und Haltungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens erwerben, ohne dafür einen besonderen Abschluss zu bekommen, wird in der Studie nicht berücksichtigt. "Das hängt einerseits damit zusammen, dass sich dieser Aspekt schwerer erfassen lässt", sagt Barschkett. Andererseits hänge auch informelle Bildung stark mit formaler Bildung zusammen: Menschen mit formal höherer Bildung würden sich auch im Alltag und auf persönlicher Ebene häufig mehr weiterbilden. So oder so seien die Effekte, die sich bei formeller Bildung für die Gesundheit ergeben, statistisch sehr signifikant, sagt Barschkett.

Die Forscherin leitet aus den Ergebnissen der Studie auch einige Handlungsempfehlungen ab. "Wir sehen, dass in Skandinavien der Zusammenhang zwischen dem Elternhaus und der Bildung und der Gesundheit der Kinder weit weniger stark ist, als dies beispielsweise in Deutschland oder Österreich der Fall ist." In Deutschland variiere beispielsweise schon der Zugang zum Kindergarten stark zwischen Elternhäusern. Gebildetere Eltern schicken ihre Kinder früher in den Kindergarten und meistens dorthin, wo auch das Gesundheitsbewusstsein stärker vorhanden ist.

"Es braucht viel mehr Kindergärten mit guter Qualität, zu denen alle Eltern Zugang haben", sagt Barschkett. Zudem brauche es mehr Kurse für Eltern, die diese bereits am Anfang der Erziehung bei den Themen Gesundheit und Ernährung unterstützen. "Alle Maßnahmen, die erst später ansetzen, wie beispielsweise bessere Mahlzeiten an Schulen, sind für die Entwicklung der Kinder schon sehr spät." Denn dann seien die meisten Ernährungsgewohnheiten, die bis ins Erwachsenenalter hineinwirken, schon sehr stark ausgeprägt. (Jakob Pallinger, 9.11.2023)