Kostümbildnerin Erika Navas in ihrem Geschäft
Kleidung für alle TV- und Theaterfälle: Kostümbildnerin Erika Navas in ihrem Geschäft.
Foto: Regine Hendrich

Nachtwäsche? "Die braucht man immer", sagt Erika Navas und zeigt auf einen gut bestückten Kleiderständer, wo sich eine Flanellversion an ein Negligé kuschelt. Dort, wo sich die Stimmungsbarometer für die Atmosphäre im Schlafzimmer einreihen, dürfen auch die Herrentangas nicht fehlen. Auch nicht jene im berühmten Leopardenlook. Sie kommen etwa bei Intimszenen zum Einsatz.

Über Sexszenen im Film wacht heute ein Intimitätscoach, der dafür sorgt, dass es respektvoll und ohne Übergriffe über die Bühne geht. "Das hat es früher alles nicht gegeben", sagt Navas. Sie muss es wissen, ist sie doch ein alter Hase im Geschäft. Die 64-Jährige werkt seit 45 Jahren in der Film- und Theaterbranche. Die Fäden zieht sie von der zweiten Reihe aus.

Navas betreibt im 18. Wiener Gemeindebezirk ihr Kostüm & Styling Department. Wo sich bis zur Konsum-Pleite eine Filiale der Handelskette befand, ist seit dem Jahr 1995 Navas' Fundus, bestehend aus tausenden Kleidungsstücken. Auf den 500 Quadratmetern in der Schoppenhauerstraße 25 ist die Konsum-Vergangenheit noch gegenwärtig. Das alte Kühlhaus dient Navas jetzt als Waschküche. Es riecht nach Geschichte, Secondhand und Patina.

Motten vernichten

In ihrem Fundus hat Navas 58.000 Stück, aufgeteilt auf den Standort in Wien und ein Lager in Niederösterreich. Die größten Feinde sind die Motten. "Die Schädlingsbekämpfer sagen aber, ich habe weniger als der Peek & Cloppenburg."

Im Geschäft hängt das Foto eines Schäferhundes so, als wache er über das Inventar. Es ist aber nicht irgendein Schäferhund, erzählt sie beim Rundgang dem STANDARD, sondern ein Rex aus "Kommissar Rex". Jener ORF-Serie, die von 1994 bis 2004 gedreht wurde und die Navas mit ihren Kostümen ausgestattet hat. "Das ist der allererste Rex, der war sehr fotogen."

Er war aber nur einer von mehreren. Es gab einen mit unwiderstehlichem Hundeblick für die Großaufnahmen oder einen Stunt-Rex. Um die Figuren der Serie rund um Kriminalinspektor Richard Moser (Tobias Moretti) zu kreieren, hatte sie damals drei Monate Zeit. "Jetzt sind es zwei oder drei Wochen."

Man müsse die Figuren immer im Kontext zu den anderen entwickeln und charakterisieren, erzählt Navas. "Warum hat der einen Anzug, während der Dicke mit den Wurstsemmeln die Hosenträger bekommt?" Die Komposition müsse stimmen.

"Blödsinn mit dem Hund?"

Im Falle Morettis fiel die Entscheidung auf einen Hugo-Boss-Anzug. "Ich bin dann zu Hugo Boss gegangen, habe ihnen das Projekt erklärt und gefragt, ob sie den Kommissar ausstatten wollen", erinnert sich Navas. Die Reaktion war bescheiden: "Die haben mich ausgelacht und gesagt: Was ist das für ein Blödsinn mit dem Hund?" Aus dem Blödsinn mit dem Hund wurde eine Erfolgsgeschichte, die sogar von 2007 bis 2014 in Italien fortgesetzt wurde.

Foto von Rex aus der ORF-Serie
"Das ist der allererste Rex, der war sehr fotogen": Navas stattete etwa auch Serien wie "Kommissar Rex" aus.
Foto: Regine Hendrich

Navas hat mit Film- und Theatergrößen wie Michael Haneke, Paulus Manker, Peter Patzak, Michael Schottenberg oder Harald Sicheritz gearbeitet. Etwa für Kinohits wie "Hinterholz 8", Produktionen wie "Kottan ermittelt", "Trautmann" mit Wolfgang Böck oder "Julia" mit Christiane Hörbiger. Bei "Kottan ermittelt" fungierte sie noch als Assistentin, später prägte sie die Produktionen als Kostümbildnerin mit.

Neben ihrem Jobtitel habe sich auch das Filmgeschäft sehr verändert. "Den Jungen fehlt die Leidenschaft für den Beruf", konstatiert sie: "Früher war mehr Zirkus, mehr Herzblut im Spiel." Aber nicht jede Veränderung ist schlecht: "Bei "Kottan" haben wir ein Jausensackerln mit einer Wurst- und einer Käsesemmel bekommen, ein Obststück und ein Sunkist." Das Einsermenü der Branche.

"Die Semmeln wurden am Vortag gekauft und gerichtet. Sie waren halb eingefroren, wenn es kalt war." Heute stünde der Crew ein Catering zur Verfügung, garniert nach individuellen Wünschen. "Einer verträgt das nicht, der andere isst nur vegan."

Definitiv zum Negativen hätten sich Bezahlung und Zeitdruck gewandelt. Für eine Folge "Trautmann" habe sie Anfang der 2000er-Jahre 15.000 Euro lukriert, so viel sei jetzt ein "Tatort" wert. Die Budgets wurden praktisch eingefroren.

Ein weiteres Problem identifiziert sie in der Personalrekrutierung. Der Job gehe mit vielen Entbehrungen einher. Wochenlanges Drehen an einem Ort, Nachtdrehs oder Überstunden sind Business as usual. Familienfreundlich ist das alles nicht.

"Das ist wie Malerei"

Was fehle, ist auch eine Ausbildungsschiene, so Navas. Kostümbild ist in Österreich kein eigener Studienzweig, sondern Anhängsel anderer Studienrichtungen. "Die Wertschätzung für den Beruf fehlt." Für Laien sei der Aufwand nicht ersichtlich. "Man entwirft eine Figur." Entlang von Kriterien wie Farbtypus, Proportionen oder dem Milieu. "Das hat sehr viel mit Psychologie zu tun." Mit den Kleidern werde ein Gesamtbild kreiert: "Das ist wie in der Malerei."

Mit Malerei kennt sich Navas bestens aus. Ist sie doch ihre große Leidenschaft. Die Kostümbildnerin hat an der Hochschule für angewandte Kunst studiert und sich auch der Malerei verschrieben. "Mit 18 Jahren wollte ich Malerin werden, der Zweitberufswunsch war Kostümbild und drittens Psychotherapie", so Navas: "Nach 45 Jahren kann ich sagen, dass alle drei Berufswünsche in Erfüllung gegangen sind."

Navas würde lieber im Atelier sein, statt täglich in ihrem Geschäft zu stehen. Denn eigentlich ist sie bereits in Pension, loslassen kann sie dennoch nicht. Einerseits treibt sie der Wunsch nach Änderungen in der Branche an, andererseits findet sie keine Nachfolge für ihr Geschäft. Komplett unter seinem Wert verscherbeln will sie es nicht. Sie hat ihren Fundus anhand von Humana-Preisen ausgerechnet. 1,5 Millionen Euro soll der Bestand wert sein. Dass sie diese Summe bekommt, ist unrealistisch. "Am liebsten würde ich manchmal die Sachen einfach auf die Straße stellen und sagen, nehmt euch, was ihr wollt."

Ein Thema, das sie umtreibt, ist die "Kreislaufwirtschaft" und was mit der "Dreckschleuder" Textilien passiere. In Sachen Green Filming ist Kostüm nur eine Randnotiz und "Soll-Vorgabe". Kostüme sollen „mehrfach verwendet werden, heißt es in den sehr vagen Richtlinien. Falls möglich, sollten Schauspielerinnen vor der Kamera ihre eigene Kleidung verwenden. Auf den Kauf von Fast-Fashion und Discounter-Kleidung möge man verzichten. Navas plädiert hier für Muss-Bestimmungen, die auch an Förderungen geknüpft sind.

Kostümlager für alle

Um mehr Nachhaltigkeit zu leben, schlägt sie ein zentrales Kostümlager für die Filmbranche vor. Analog zum Theater, wo etwa in der Bundestheaterholding Art for Art das Burgtheater, Staats- und Volksoper sowie das Staatsballett ihr Bühnenbild und Kostüm organisieren. Statt alles in kleinen Lagern zu sammeln, könnte dort jeder seinen Fundus einbringen – und bei Leihe bezahlt werden.

In Österreich ist Lambert Hofer der Platzhirsch unter den Kostümverleihern. Das Unternehmen arbeitet mit Peris aus Spanien zusammen. Die Theaterkunst Berlin möchte mir ihrem riesigen Fundus von zehn Millionen Kostümen in Österreich aktiv werden und könnte mit Navas kooperieren. Es tut sich etwas in der Branche. So findet am 18. und 19. November im HQ 7 im elften Bezirk eine Veranstaltungsreihe für Filmschaffende statt. Die Themen: Nachhaltigkeit und Secondhand. (Oliver Mark, 16.11.2023)