In Las Vegas wird der Reibach gemacht, auch für die Formel 1.
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Für die vom US-Medienunternehmen Liberty Media kontrollierte, für die Vermarktung zuständige Formula One Group hat der Zirkus namens Formel 1 an diesem Wochenende endlich dort seine Zelte aufgeschlagen, wo er tatsächlich hingehört. Für die Kritiker ist der Grand Prix von Las Vegas am Sonntag (7 Uhr/MEZ, live auf ServusTv und Sky) die ultimative Sünde wider den Sport, der endgültige Ausverkauf der gehobenen Raserei.

Die Teams singen das Lied vom größten Marketingcoup aller bisherigen Zeiten, die Fahrer, allen voran Champion Max Verstappen, fühlten sich schon bei ihrer Präsentation in Sin City wie Clowns. Und gefährlicher Slapstick wurde gleich zu Beginn der ersten Trainingssession geboten, in der sich ein nicht ordnungsgemäß gesicherter Kanaldecke löste und den Unterboden des Ferrari von Carlos Sainz zerstörte, als der Spanier gerade mit 320 km/h darüberteufelte. Sainz blieb gottlob unverletzt, Ferrari-Boss Fred Vasseur hätte seinen Ärger im Sinn des Geschäftes leichter hinuntergeschluckt, hätten nicht die Stewarts Sainz für die ohne sein Verschulden notwendige Reparatur am Boliden mit einer Rückversetzung um zehn Plätze in der Startaufstellung bestraft. Das Reglement erlaube da keine Ausnahme, hieß es.

Sonst noch Fragen? Sicher!

Frage: War die Formel 1 tatsächlich noch nie in Las Vegas?

Antwort: Zumindest der berühmte Strip feiert seine einschlägige Premiere. Tatsächlich gab es bereits 1981 und 1982 den sogenannten Caesars Palace Grand Prix auf dem Parkplatz des gleichnamigen Kasinos, die jeweils letzten Rennen der Saison gewannen der Australier Alan Jones im Williams bzw. der Italiener Michele Alboreto im Tyrrell. Anlässlich der Premiere schob sich der Brasilianer Nelson Piquet (Brabham) in der WM noch am Argentinier Carlos Reutemann (Williams) vorbei und gewann mit einem Punkt Vorsprung seinen ersten Titel, dem zwei weitere folgen sollten.

Frage: Und wie sieht es diesmal aus?

Antwort: "Wir wollten kein Parkplatzrennen, es sollte ein Wahrzeichenrennen werden", sagte der Streckenarchitekt Carsten Tilke dem Sport-Informations-Dienst. Also geht es 1,8 Kilometer über den Strip, vorbei an Kasinolegenden wie Mirage, Caesars Palace und Bellagio. Auch The Sphere wird umkurvt, die neue, in LED-Platten gehüllte Veranstaltungshalle. 6,2 Kilometer ist die Strecke lang, bis zu 340 km/h werden auf ihr erreicht, schneller ist die Formel 1 nur in Monza unterwegs.

1,8 Kilometer lang ist der Streckenteil des Las Vegas Strip Circuit, der über den Las Vegas Boulevard (The Strip) führt.
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Frage: Wie schätzen die Piloten die neue Strecke ein?

Antwort: Ein Liebling der Fahrer wird der Las Vegas Strip Circuit eher nicht. Der Stadtkurs bietet drei lange Gerade (Koval Lane, The Strip, Harmon Avenue) und langsame Kurven, Überholmanöver sollten möglich sein. Für, nun ja, bestmögliche Werbung auf allen relevanten Märkten soll der Start um 22 Uhr Ortszeit sorgen. Allerdings wurde bei den Planungen übergangen, dass eine Novembernacht in der Wüste Nevadas ziemlich huschi sein kann. Temperaturen im einstelligen Bereich sind drin, dementsprechend schwierig wird es, die Reifen auf Temperatur zu bekommen und Grip aufzubauen. Das kälteste Rennen der Geschichte fand übrigens 1978 in Kanada statt, damals zeigte das Thermometer fünf Grad an.

Frage: Warum ist Las Vegas ein Herzensprojekt der Vermarkter?

Antwort: Las Vegas hat die Werbung vermutlich weniger nötig als die Formel 1. Dieser Grand Prix sei die "Besteigung des Mount Everest", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: "Was Marketing angeht, blasen wir damit alles weg, was wir bisher gemacht haben." Mit den Rennen in Austin und Miami bildet Las Vegas nun eine Trilogie, der US-Markt, lange verzweifelt umworben, öffnet sich jetzt noch weiter als ohnehin schon.

Frage: Geht es auch sportlich noch um irgendetwas?

Antwort: "Schafft Verstappen den 18. Saisonsieg?", könnte man sich fragen, muss man aber nicht. Der Niederländer geht im seiner Ansicht nach "ein Prozent Sportevent" von Startplatz zwei ins Rennen. Die Pole Position sicherte sich Charles Leclerc (Ferrari) im Qualifying. Der Vizeweltmeistertitel ist RB-Fahrer Sergio Perez nur schwer zu nehmen. Verfolger Lewis Hamilton hat zwei Rennen vor Schluss 32 Punkte Rückstand auf den Mexikaner. (Frage & Antwort: Sigi Lützow, 18.11.2023)