Julian Nagelsmann streckt die Hände aus.
Julian Nagelsmann kassierte seine erste DFB-Niederlage.
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Berlin – Bei der Forschung nach den Ursachen für seine erste Niederlage als deutscher Bundestrainer hat Julian Nagelsmann ein schnelles Urteil gefällt. Es lag nicht an der Taktik, der Mannschaft fehlte die Emotion, konstatierte der spürbar unzufriedene DFB-Coach nach dem 2:3 am Samstag in Berlin gegen die Türkei.

"Die Taktik ist zweitrangig, es ist immer erst die Emotion. Wenn du da auf 100 Prozent bist, kannst du taktisch auch deutlich schlechter sein. Wenn die Emotionen nicht so sind, musst du taktisch brillant sein, um das Spiel trotzdem positiv zu gestalten", sagte Nagelsmann nach der Pleite im emotional ziemlich aufgeladenen Berliner Olympiastadion.

Der Nationaltrainer stellte Kai Havertz als linken Außenverteidiger auf und attestierte dem Arsenal-Offensivmann danach für dessen Interpretation der Rolle die bestmögliche Bewertung: "Weltklasse". Mit anderen Kickern war Nagelsmann weniger zufrieden. "Einzelne Spieler hatten nicht diese hundertprozentige Überzeugung, den Willen wie der Gegenspieler", meinte Nagelsmann.

Müller: "Nicht totanalysieren"

Thomas Müller versuchte das Spiel richtig einzuordnen. "Wir wollen es nicht totanalysieren. Wir lassen uns jetzt nicht unterkriegen, das ist unser Job, dass wir weitermachen", sagte der nicht eingesetzte Bayern-Profi. Damit war der Routinier einer Meinung mit dem Bundestrainer, der auf die Frage nach einem möglichen Rückfall in Automatismen der glücklosen Ära seines Vorgängers Hansi Flick beinahe ungehalten reagiert hätte.

"Wir können jetzt wieder anfangen, alles schwarzzumalen und alles schlecht zu sehen. Das können wir machen, da werden wir aber nicht weiterkommen als Fußballnation", meinte Nagelsmann. "Ich bin weit davon weg, alles negativ zu sehen."

DFB-Präsident Bernd Neuendorf stimmte ihm bei Bild-TV zu. "Wir dürfen nicht in diesen Flow kommen, dass wir sagen: Alles war schlecht", betonte er. "Wir müssen jetzt Stärken stärken. Wir gefallen uns oft darin, in eine toxische Situation zu kommen, alles schlechtzureden. Alles jetzt infrage zu stellen macht es schwierig."

Auswärtsatmosphäre in Berlin

Nun geht es am Dienstag in Wien gegen Österreich – es ist für die Deutschen die letzte Chance, in diesem Jahr und kurz vor der Auslosung der EM-Gruppen am 2. Dezember einen Push zu bekommen. "Wir sind immer noch in der Phase, in der wir Erfolgserlebnisse brauchen", sagte Füllkrug.

Die Auswärtsatmosphäre, die das DFB-Team im ausverkauften Happel-Stadion erwartet, erlebten die Deutschen schon am Samstag in Berlin. Müller war von den Pfiffen für seine Mannschaft "gewurmt". Da denke "man sich schon, denen wollen wir zeigen, dass wir trotzdem gewinnen, oder die Genugtuung nicht geben, dass am Ende die Türkei in Berlin gewinnt".

Drei große türkische Flaggen
Viele türkische Fans feuerten ihr Team im Berliner Olympiastadion an.
IMAGO/Picture Point LE/Sven Sonntag

Die DFB-Auswahl habe den zehntausenden Fans der Gäste, die deutlich lauter waren als die deutschen Anhänger, zeigen wollen, "dass sie für die falsche Flagge singen und pfeifen". Die deutschen Spieler waren im mit 72.592 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion schon beim Aufwärmen lautstark ausgepfiffen worden. "Wir wollten eigentlich zeigen: 'Hey, so nicht!' Aber klar, der Sport und das Leben laufen nicht immer so, wie man sich das wünscht", meinte Müller. (APA, red, sid, 19.11.2023)