Höhle im Zagros-Gebirge, Fachleute stehen in einem ausgehobenen Bereich.
Ein Forschungsteam untersuchte eine 81.000 bis 45.000 Jahre alte Fundstelle im Iran und stieß auf diverse Panzer- und Knochenreste.
TISARP

In der Not frisst der Teufel Fliegen, heißt es im Sprichwort – was man durchaus auch kulinarisch verstehen kann: Ist die Auswahl eingeschränkt, nimmt man, was man kriegen kann. Dabei kann es nur von Vorteil sein, wenn sich die Fliege ohnehin bereitwillig auf dem Pferdefuß niedergelassen hat. Oder wenn sich gerade eine Sumpfschildkröte vorbeischiebt, die nicht zu den allerschnellsten Beutetieren zählt. Insbesondere in Österreich etablierte sich die Schildkröte in der Neuzeit als recht beliebte Fastenspeise, wie der Archäozoologe Günther Karl Kunst hier ausführt. Christinnen und Christen war es zwischen Fasching und Ostern verboten, das Fleisch warmblütiger Tiere zu verzehren. Daher griff man in der Fastenzeit zu Fischen und anderen Wasserlebewesen.

Landschildkröte (Testudo)
Entfernte Vorfahren von Landschildkröten wurden schon vor tausenden Jahren von Menschen verspeist.
Getty Images/iStockphoto

Schon vor mehr als 50.000 Jahren verspeisten Menschen Schildkröten, wie archäologische Spuren belegen. Ein Forschungsteam um Nicholas Conard von der Universität Tübingen entdeckte bei einer Fundstätte im heutigen Iran einen erstaunlich facettenreichen Speiseplan: Vor etwa 81.000 bis 45.000 Jahren stillten Frühmenschen im südlichen Zagros-Gebirge ihren Fleischhunger vor allem mit Wild, aber auch mit anderen Tierarten. "Neben den Huftieren sind Schildkröten die am häufigsten vorkommende Art", sagt Erstautor Mario Mata-González, Doktorand an der Uni Tübingen. Die Studie erschien im Fachjournal "Scientific Reports".

"Das Zagros-Gebirge ist nicht nur der größte Höhenzug Irans, sondern gilt auch als eine geografische Schlüsselregion für die Untersuchung der menschlichen Evolution in Südwestasien während des Mittelpaläolithikums", sagt Mata-González. Diese altsteinzeitliche Besonderheit liege vor allem an der abwechslungsreichen Landschaft. Im Gebirge stießen Fachleute bisher beinahe nur auf Huftiere. Auch die deutsche Forschungsgruppe dokumentierte an der Fundstätte Ghar-e Boof Knochen von Wildziegen und Gazellen sowie Wildschweinen, Rothirschen, Pferdeartigen und Wildrindern.

Leopard auf dem Speiseplan

Darüber hinaus kamen aber auch Spuren von Raubtieren vor, zu denen ein Rotfuchs und eine große Raubkatze, vermutlich ein Leopard, zählen. Die Funde liefern weitere Belege dafür, dass Neandertaler und andere damals lebende Menschen (zusammengefasst unter dem Überbegriff Homininen) in der Altsteinzeit vor bis zu 300.000 Jahren zumindest gelegentlich Schildkröten, Vögel, Hasenartige, Fische und fleischfressende Raubtiere zu sich nahmen, sagt Mata-González.

Fundstelle Ghar-e Boof (Iran) in gebirgiger Region
Die vielfältige Umwelt der Zagros-Region sorgte auch für einen breit gefächerten Speiseplan.
N. Conard

Dass diese wohl gegessen wurden, zeigen Schnittspuren und andere Hinweise auf entsprechende Bearbeitung. Feuerspuren an den Schildkrötenpanzern deuten den Fachleuten zufolge darauf hin, dass die Tiere zunächst in ihren Panzern geröstet und anschließend verzehrt wurden. "Auch wenn der Verzehr einiger dieser Arten nur sporadisch stattfand, zeigen unsere Ergebnisse, dass die im Mittelpaläolithikum lebenden Homininen der Zagros-Region einen vielfältigeren Speiseplan hatten als bisher angenommen", sagt Conard. Doch noch heute werden Schildkröten von einigen Menschen verzehrt, insbesondere in Asien. Allein in China sollen jährlich mehr als 340.000 Tonnen Schildkröten gezüchtet werden. Beinahe die Hälfte der heute lebenden Spezies ist vom Aussterben bedroht. (sic, 28.11.2023)