Pflegekräfte werden in Österreich händeringend gesucht
Die KV-Verhandlungen der Sozialwirtschaft brachten unter anderem Pflegekräften 9,2 Prozent mehr Gehalt. In der Branche wird so schnell trotzdem nicht alles eitel Wonne –Arbeitskräfte werden händeringend gesucht.
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Pflegekräfte müssen häufig in der Nacht arbeiten, und auch die Einigung auf ihre künftigen Löhne und Gehälter gelang erst zu sehr später Stunde. In der Sozialwirtschaft, darunter die große Pflegebranche, hat es in der Nacht auf Dienstag den Durchbruch zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gegeben: In der dritten Runde der Kollektivvertragsverhandlungen kamen die Gesprächspartner nach 16 Stunden bei 9,2 Prozent Gehaltsplus zusammen. Zum Vergleich: Die rollierende Inflation, also die Teuerung von November 2022 bis diesen Oktober, lag mit 8,7 Prozent minimal darunter.

Der neue Mindestlohn liegt bei 2067,40 Euro. Die Erhöhung gilt gleichermaßen für Ist-Einkommen wie für Mindesteinkommen. Einigung wurde auch bei Zulagen, Zuschlägen und Rahmenbedingungen erzielt. So wird die Bezahlung während der Nachtbereitschaft steigen, Teilzeitbeschäftigte erhalten bereits ab weniger Stunden als bisher einen Zuschlag für Mehrarbeit, auch der Zuschlag fürs Einspringen wird um 15 Prozent erhöht. Eine Besonderheit in der Sozialwirtschaft: Fast zwei Drittel der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit.

Schlüsselfaktor Finanzausgleich

Die aus demografischen Gründen wachsende Pflegebranche, die händeringend nach Fachkräften sucht, weist aber noch andere Unterschiede zu anderen Berufsfeldern auf. Auch wenn die aktuelle Einigung formell privates Pflegepersonal und Freizeitbetreuerinnen betrifft, kommen deren Gehälter größtenteils aus der öffentlichen Hand. Zu den größten Arbeitgebern zählen Hilfswerk, Volkshilfe und Caritas Socialis. Und so können Arbeitgeber nicht frei nach privatwirtschaftlichen Interessen entscheiden. Werden Förderungen nicht bewilligt, können keine Löhne ausbezahlt werden. Letzten Endes liegt es am Staat.

Die türkis-grüne Bundesregierung hat den Pflegefonds kürzlich auf rund sechs Milliarden Euro aufgestockt, wohlgemerkt für den Zeitraum des Finanzausgleichs der Jahre 2024 bis 2028. Für 2024 bedeutet das eine Erhöhung auf 1,1 Milliarden Euro – von derzeit 455 Millionen. "Ich vermute, dass der Abschluss der Finanzausgleichsverhandlungen auch eine Rolle gespielt hat. Das bedeutet, dass die Bundesländer mehr Geld bekommen. So können bei den Pflegedienstleistern Leistungen angepasst und auch Gehälter erhöht werden", sagt Ulrike Famira-Mühlberger, Pflegeexpertin beim Institut Wifo, zum STANDARD.

Mangelberuf

Ist mit plus 9,2 Prozent Gehalt nun alles eitel Wonne in der Pflegebranche? Mitnichten. Bis 2030 sei davon auszugehen, dass aufgrund der Alterung in der Gesellschaft in Österreich rund 158.000 Arbeitskräfte, umgerechnet 125.300 Vollzeitkräfte, im Pflegebereich gebraucht werden, rechnete das Sozialministerium 2019 vor. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden rund 42.000 zusätzliche Pflegerinnen benötigt, hieß es im Papier des Ministeriums.

Ulrike Famira-Mühlberger sieht Verbesserungspotenzial in der Pflegebranche
Ulrike Famira-Mühlberger, Ökonomin am Wifo: "Es gibt in der Pflege einen Arbeitskräftemangel, und der Druck auf die Arbeitskräfte wird umso größer. Krankenstände und Urlaube erhöhen den Druck auf die Beschäftigten noch einmal."
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Warum hat der Pflegebereich so um qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu kämpfen? Famira-Mühlberger sieht ein Bündel an Gründen. Im Verhältnis zur Ausbildungsdauer, die in der Pflege kürzer ist als in anderen Berufen, seien die Löhne "gar nicht so schlecht", wobei die stationäre Pflege besser bezahlt sei als die mobile. "Es gibt in der Pflege eine gewisse Spirale nach unten. Es gibt einen Arbeitskräftemangel, und der Druck auf die Arbeitskräfte wird umso größer. Krankenstände und Urlaube erhöhen den Druck auf die Beschäftigten noch einmal."

Famira-Mühlberger nennt ein Beispiel: Wenn in einer Autowerkstatt aufgrund von Krankheiten, Urlauben oder Rekrutierungsproblemen mehrere Kräfte fehlten, würden einfach weniger Aufträge angenommen werden. "Das kann man im Pflegebereich einfach nicht machen. Viele Pflegekräfte berichten, dass sie den Job nicht so ausüben können, wie sie es gerne möchten."

Diakonie-Chefin versteht Frust

Maria Katharina Moser, die Präsidentin der Diakonie, kritisiert die sozialpolitische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. "Man hat auch den Bereich der Pflege, den Sozialbereich, Effizienzkriterien unterworfen. Es wird nach Stoppuhr gepflegt." Die Beziehungsarbeit bleibe auf der Strecke – was viele Mitarbeiterinnen frustriere.

Was wären Lösungsansätze? "Wir brauchen bessere Personalschlüssel, also mehr Personal", fordert Moser. "Wir brauchen aber auch neue und bedarfsgerechte Angebote. In der Diakonie probieren wir neue Modelle wie Hausgemeinschaften oder neue Konzepte in der Begleitung von Menschen mit Demenz aus." Dort hätten Mitarbeiterinnen Erfolgserlebnisse, "und der Personalmangel ist viel geringer".

Was passieren werde, wenn in der Pflege nichts passiert? "Dann kommt es dazu, dass Menschen mit Pflegebedarf alleingelassen werden", warnt Moser. In Österreich gebe es rund eine Million pflegende Angehörige, die Hälfte davon sei selbst bereits über 60 Jahre alt. "Diese Menschen brauchen professionelle Unterstützung, sie brauchen Entlastung in Form von Dienstleistungen", sagt die Chefin der Diakonie, des Dachverbands der evangelischen Wohlfahrtsorganisationen. Caritas und Diakonie haben übrigens eigene Kollektivverträge, die nicht gemeinsam mit dem Dachverband der Sozialwirtschaft verhandelt werden.

Ausbildung leistbar machen

Auch Famira-Mühlberger nennt Möglichkeiten, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern, die zum Teil schon auf den Weg gebracht seien. "Es gibt zum Beispiel ein Pflegefachkräftestipendium. Man muss den Einstieg für Berufsanfängerinnen wie für Umsteigerinnen und Wiedereinsteigerinnen möglichst attraktiv machen. Das heißt, man muss sich die Ausbildung auch in einem höheren Alter noch leisten können", sagt sie.

Verbesserungen gebe es bereits auch bei Nostrifikationen, also der Anerkennung von im Ausland absolvierten Ausbildungen. "Die Branche muss auch darauf achten, dass die Löhne auch künftig nicht stark hinter anderen Branchen bleiben", sagt die Ökonomin.

Andere Vorzeichen bei Metallern

Hat der Abschluss in der Sozialwirtschaft nun Einfluss auf die Metaller und andere Berufsgruppen? Immerhin haben sich auch die Beamten kürzlich auf ein Plus von 9,15 Prozent, also eine ähnliche Höhe, geeinigt. "Das hat für die anderen Branchen auch Signalwirkung, aber man muss die Branchenspezifika berücksichtigen", sagt Famira-Mühlberger. Die Industrie sei stark im Export engagiert und müsse darauf Rücksicht nehmen. Der Handel sei durch Online-Konkurrenz unter Druck geraten. Solche Faktoren gebe es in der heimischen Pflege naturgemäß nicht. (Andreas Danzer, Lukas Kapeller, 28.11.2023)