Bei uns erwachsenen Menschen gelten acht Stunden Schlaf als ideal. Konsumiert werden sie im besten Fall ohne Unterbrechung nachts. Babys und Kleinkinder brauchen mehr Schlaf, der zudem auf mehrere Etappen aufgeteilt ist, wie mehr oder weniger schlafdeprivierte Eltern wissen. Auch Tiere müssen schlafen. Schimpansen, unsere nächsten lebenden Verwandten, benötigen rund zehn Stunden, Hauskatzen 16 Stunden und das Faultier – nomen est omen – bis zu 20 Stunden. Vögel wie die Mauersegler können auch im Flug schlafen, wobei jeweils eine Hirnhälfte ein Nickerchen macht.

Tausende Mikronickerchen

Ein ähnlich bizarres Schlafverhalten haben Biologinnen und Biologen nun bei einer Vogelart in der Antarktis entdeckt: Auch Zügelpinguine (Pygoscelis antarcticus), die ihren Namen einem dünnen schwarzen Streifen über der Kehle verdanken, schlafen immer wieder nur mir einer Hirnhälfte. Konkret sind das gut drei Stunden mit nur einer Hirnhälfte und neun mit beiden zusammen, macht im Schnitt ziemlich gewöhnliche elf Stunden täglich pro Hirnhälfte.

Noch außergewöhnlicher ist aber, wie diese Ruhephasen insbesondere während der Brutphasen über den Tag verteilt sind. Diese Pinguinart, die als die streitlustigste der gesamten Pinguinfamilie gilt, nickt nämlich tausende Male am Tag ein – aber immer nur für etwa einige Sekunden, wie ein internationales Team im Fachblatt "Science" berichtet, das die Pinguine auch prompt auf das aktuelle Cover hob.

Zügelpinguin Schlafen
Einmal schlafen dauert beim Zügelpinguin 20-mal Zwinkern – oder doch ein bisschen länger.
Science / AAAS

Bekannt ist, dass Pinguine ganz allgemein zu einem ungewöhnlichen Schlafverhalten neigen. Das liegt zum einen an den Tagesrhythmen in der Antarktis, wo es den ganzen Tag hell oder eben dunkel sein kann. Entsprechend sind Pinguine weder tag- noch nachtaktiv, sondern eben beides. Und von Kaiserpinguinen weiß die Wissenschaft seit längerem, dass sie jeweils nur einige Minuten lang schlafen.

The Bizarre Sleeping Habits of Penguins
Kaiserpinguine machen Minutenschläfchen, wie dieses Video zeigt. Zügelpinguine brauchen nur Sekunden, berichtet die neue "Science"-Studie.
Polar Guidebook

Noch sehr viel extremer ist aber das Schlafverhalten der Zügelpinguine, das der französische Neurobiologe und Tierschlafforscher Paul-Antoine Libourel (Neurowissenschaftliches Zentrum des CNRS in Lyon) mit einem internationalen Team auf King Georges Island vor der Westantarktis genauer unter die Lupe genommen hat. Um das Schlafverhalten der Tiere zu studieren, bedienten sich die Forschenden modernster Hilfsmittel wie EEG-Fernüberwachung (bei 14 Tieren) und nichtinvasiver Sensoren. Dazu kamen Video- und Direktbeobachtung.

Zügelpinguin
Schläft er, oder wacht er? So genau ist das beim Zügelpinguin nicht zu sagen, zumal der Zustand ständig wechselt.
Paul-Antoine Libourel

Bei diesen Analysen zeigte sich, dass insbesondere die nistenden Zügelpinguine keine längeren Schlafperioden einlegten, sondern stattdessen extrem häufig einnickten. Die Forschenden zählten mehr als 10.000 Mikroschlafphasen, die im Durchschnitt nur vier Sekunden lang dauerten, den Pinguinen aber insgesamt mehr als elf Stunden Schlaf pro Tag bescherten.

Mit diesen jeweils nur kurz unterbrochenen Aufmerksamkeitsphasen dürften sich die Tiere relativ gut gegen aggressive Artgenossen und andere Feinde absichern können, ohne dabei an Schlafdeprivation zugrunde zu gehen. Eines der weiteren überraschenden Ergebnisse: Pinguine, die am Rand der Kolonie brüteten, waren weniger gestresst als die im Zentrum. Sie schliefen mehr, tiefer und mit weniger Unterbrechungen. Die eigenen, streitlustigen Artgenossen dürften also schlafraubender sein als die Raubmöwen, die als die eigentlichen Feinde der brütenden Pinguine, ihrer Eier und ihrer Küken gelten.

Was ist eigentlich Schlaf?

Angesichts des Bruterfolgs der Pinguine scheinen diese Mikroschlafphasen die wichtigsten Funktionen längerer Schlafphasen erfüllen zu können. Wie Libourel und seine Kollegen berichten, schlafen die Pinguine trotz der Kürze der Schlummerphasen in langwelligem Schlaf (Slow Wave Sleep), der bei Menschen oft auch Tiefschlaf genannt wird. All diese neuen Erkenntnisse führen letztlich wieder zurück zur grundsätzlichen Frage, was Schlaf eigentlich ist. Laut biologischer und physiologischer Definition ist er in der Regel durch Unbeweglichkeit und den relativen Verlust der Fähigkeit gekennzeichnet, die Umgebung wahrzunehmen und auf sie zu reagieren, wie Christian Harding und Vladyslav V. Vyazovskiy in einem Begleitkommentar in "Science" schreiben.

Bislang ging man davon aus, dass solche sekundenlangen Unterbrechungen des Wachzustandes jedenfalls beim Menschen entweder auf eine Krankheit hindeuten oder bei völliger Übermüdung eintreten. Bei den Zügelpinguinen scheint der Mikroschlaf hingegen auf kumulative Weise die wichtigsten Schlaffunktionen zu erfüllen und eine Anpassungsstrategie an eine Lebensweise darzustellen, die ständige Wachsamkeit erfordert. Bleibt die Frage, ob solche Mikroschlafphasen theoretisch auch beim Menschen ähnlich erholsam sein könnten wie längere Schlafphasen – einmal vorausgesetzt, sie finden nicht hinter dem Steuer eines Fahrzeugs statt. (Klaus Taschwer, 1.12.2023)