Matthias Strolz
Matthias Strolz mit seinem Produzenten Kurt Razelli (mit Schwarzenegger-Maske) bei einem aktuellen Konzert. Der Kartenverkauf läuft schleppend.
Heribert Corn

Hat der Strolz eine Midlife-Crisis? Ein Drogenproblem? Läuft es in seiner Ehe nicht?" Es ist ein Freitagnachmittag im späten Oktober. Matthias Strolz lehnt sich vor, als er Fragen zitiert, die sich seine Verwandten in den letzten Monaten anhören durften. Die gestellt werden, seitdem der 50-jährige Grenzgänger mit den vielen Rollen eine weitere hinzugewonnen hat. Seit 2023 ist Strolz "Künstler", wie er es selbst nennt. Gemeinsam mit dem Produzenten Kurt Razelli hat er ein Musikalbum aufgenommen, das Anfang September erschien. Back to Earth heißt es. Und es ist so wie alles, was jemals von Strolz kam: ein Stück drüber, aber voller Herzblut.

Keine Drogen, keine Midlife-Crisis

Zuerst einmal: Strolz hat kein Drogenproblem. Eine Midlife-Crisis ("Ich kriege Mails, ich sollte mir doch lieber ein Motorrad kaufen und die Leute in Ruhe lassen") verneint er. In seiner Ehe läuft es gut. Auch weil er 2018 rechtzeitig den Absprung von der Neos-Spitze schaffte. "Meine Liebe zu meiner Familie war nicht mehr vereinbar mit meiner Liebe zur Politik", sagt Strolz. "Hätte ich damals den Ausstieg nicht vollzogen, wäre ich heute nicht mehr verheiratet." Das wisse er aber auch erst jetzt.

Nach seinem Polit-Ausstieg geht Strolz wieder in die Selbstständigkeit, wie schon vor der Parteiführung. Diesmal aber mit "leichtem Gepäck", wie er sagt, also ohne viele Angestellte. Strolz ist nach eigenen Angaben "Portfoliounternehmer" und "Gärtner seines Lebens", als der er vier Felder bestellt: Das erste Feld ist die Organisations- und Strategieberatung mit Kunden wie dem Wiener Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr, aber auch Unternehmen. Das zweite Feld ist Speaker und Autor (Sei der Pilot deines Lebens, Gespräch mit einem Baum). Das dritte sind seine Beteiligung an verschiedenen Start-ups, das vierte die ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Hippie-Strolz allein auf Urlaub

Anfang 2023 meldete sich Strolz per Handyvideo aus Goa in Indien bei seinen Social-Media-Followern. Er kündigt ein "Geheimprojekt" an. "All doors open broken, open mind, open heart, open will". Das ist der Hippie-Strolz, der seine Gefühle recht offen herumträgt, zumindest für einen Mann in der Öffentlichkeit. Er fährt jedes Jahr im Jänner zwei, drei Wochen allein auf Urlaub, um sich zu "kalibrieren", wie er sagt. "In welches Feld gebe ich heuer mehr Energie rein? Wo nehme ich mich zurück?" In Indien beschließt er, sich aus den Start-ups ein wenig zurückzuziehen und mehr in die Kunst zu gehen. Eben mit dem Geheimprojekt, mit dem es Back to Earth geht.

Es ist nicht der erste Ausflug von Strolz in die Musik. In seiner Jugend war er Blasmusiker. Vor fünf Jahren erschien schon einmal ein Album mit Razelli, Lost in Space. Damals legte Produzent Razelli, der öffentlich immer mit Schwarzenegger-Maske auftritt, hauptsächlich alte Parlamentsreden aus der Neos-Zeit über Beats. Strolz ist da mehr Rohstoff und an dem Projekt selbst nicht so nah dran. Im Sommer 2022 treffen sich die beiden wieder. Die Grundlage für das neue Album ist gelegt. Schnell ist klar: Diesmal soll Strolz ein eine andere Rolle übernehmen, die des Lyrikers und Performers.

Kreative Eingebung

"Bei mir kommen die Texte vor allem im Ausland. Zu Hause bin ich zu eingespannt, zu sehr der Betriebswirtschaftler", sagt Strolz. In Indien, wo er Zeit in dem Ashram verbringt, in dem sich Gandhi und seine Mitstreiter jahrelang auf ihre Aktionen vorbereiteten, überkommt es ihn ständig. "Da kam jeden Abend zwischen 21 und 23 Uhr ein Track durch. Ich bin dann nur ein Medium: Es fließt ein kreativer Flow durch mich durch, dem muss ich mich ergeben." Um Mitternacht steht er mit dem Handy unterm indischen Sternenhimmel und spricht für Razelli Text und Kontext ins Handy. Im Frühjahr folgen die Studioaufnahmen, im Mai ist das Ganze fertig.

"Das Ganze", also das musikalische Ergebnis, ist einerseits recht einfach zu beschreiben. Strolz spricht Texte, teilweise Englisch, über Musik. Andererseits ist es aber offenbar nicht so einfach zu verstehen. Auch wenn Strolz Ende Oktober, anderthalb Monate nach Erscheinen des Albums, noch nicht vom Scheitern sprechen möchte – es könnte besser laufen. Von den fünf geplanten Konzerten im November mussten drei wegen schleppender Ticketverkäufe abgesagt werden. Der Betriebswirtschaftler in Strolz lässt auch bei der Musik ein Excel-Sheet mitlaufen und ist mäßig zufrieden. "Das hat Potenzial, zum teuersten Hobby meines Lebens zu werden."

Klarer Spannungsbogen

Back to Earth ist ein Konzeptalbum mit einem klaren Spannungsbogen. Razelli und Strolz sind Astronauten, die nach Lost in Space wieder auf die Erde zurückkehren und sie in einem desolaten Zustand wiederfinden. Damit beginnt es. Am Anfang des Albums finden sich Tracks wie Ich muss siegen! (der Fiebertraum eines Diktators) oder Brothers of Regression, das sich mit Leuten wie Orbán, Trump oder Kurz beschäftigt. "Der Kampf gegen diese Brüder ist unser Kampf der nächsten 15 Jahre", sagt Strolz. "Die Chance, dass meine Kinder später in einer Demokratie leben werden, sehe ich bei 50:50."

Der Mittelteil des Albums – oder der "Reise", wie der Künstler sagt – ist die Suche nach Coping-Mechanisms, nach Bewältigungsstrategien. Und am Ende, hintenraus, kommt es zu einer "Eskalation der Liebe", eine klassische Strolz-Wortkonstruktion. Mit dem für ihn wichtigen, programmatischen Track What Would Love Do?

Razelli und Strolz
Die Razelli-Strolz-Auftritte überbieten sich in Skurrilität.
Heribert Corn

100 Milliarden für Frieden

Einer der Auslöser und Einflussfaktoren für das Album ist der Überfall Russlands auf die Ukraine. "Das hat mir die Sprache genommen", sagt Strolz. Er ist erschreckt über seine Blindheit, das als politischer Mensch nicht habe kommen sehen. Aber auch über die Art, wie die Welt darauf reagiere. Man fahre überall die Rüstungsausgaben hoch. Der deutsche Finanzminister kündigte an, 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr investieren zu wollen. "Ich verstehe das, ich akzeptiere das. Aber ich frage mich auch: Wo sind die 100 Milliarden für den Frieden? Wie skalieren wir den Frieden?" Strolz hat noch immer eine esoterische Ader, er ist aber auch noch immer ein politischer Mensch. Zwei Wochen nach dem Gespräch im Oktober erwähnt er in einem Podcast, dass er sich eine Rückkehr in die Politik vorstellen könne. Wie immer die letztlich ausschauen mag.

Dazu passt dann auch eine andere Anekdote, die ihm im Gedächtnis geblieben ist. Einmal, als er in Vorarlberg mit einem TV-Team unterwegs ist, wird er von einer älteren Frau angesprochen. Er sei doch "dieser Neo". Strolz antwortete freundlich, das sei im Prinzip richtig. Aber Politiker, das sei er heute nicht mehr. Nein, schüttelt die Frau daraufhin den Kopf. Er sei Politiker. "So einfach kommen Sie da nicht raus." Diese Episode spiegelt wider, wie unterschiedlich die Fremd- und Eigenwahrnehmung in Sachen Strolz sein kann. "Die Leute sagen immer: Du machst so viel Verschiedenes. Aus meiner Sicht mache ich immer dasselbe, seitdem ich 15 Jahre alt bin: Ich anerkenne, was ist, und versuche dann, mit der Kraft der Liebe zu verändern."

Rollenwechsel mit Dissonanz

Das ist vielleicht eine Sache, die im Konzept Matthias Strolz nicht ganz so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Er selbst kann fantastisch zwischen den Rollen switchen, ist Politiker, Motivator, jetzt Künstler und fühlt sich trotzdem immer sehr bei sich selbst. Für den Durchschnittsbürger, der mit Strolz nur gelegentlich in Kontakt kommt, erzeugt das eine Dissonanz. Das sei normal, sagt Stolz. "Die einen schauen von einem Ort der Liebe darauf und denken: ‚Ah, der versucht etwas.‘" Die anderen, die von einem Ort der eigenen Unzulänglichkeiten darauf schauen würden, kämen sofort über die Fremdabwertung zur eigenen Selbstüberhöhung. "Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder 50-Jährige nach Goa fährt?"

Ende November, Festsaal Simmering. Das wichtigste Konzert für das Projekt, der vorläufige Höhepunkt für das teuerste Hobby in Matthias Strolz’ Leben. Ein paar Wochen zuvor ist er noch zuversichtlich, dass man schon ausverkauft sein würde. Das hat nicht ganz geklappt, die Halle ist zu knapp 70 Prozent voll. Es ist kein klassisches Konzert: Strolz erzählt viel, führt durch sein Konzept. Aber die Leute haben Spaß, ob sie dem wirklich folgen können oder nicht. Und auch Strolz schaut glücklich aus. Für einen Abend darf er sich so fühlen, als würde er verstanden, auch mit solchen Dingen. Am Ende bedankt er sich und schließt mit dem Satz ab, der wie kein zweiter Matthias Strolz verkörpert: "What would love do?" (Jonas Vogt, 1.12.2023)