Nora Tödtling-Musenbichler, die im Februar erste Präsidentin der Caritas Österreich wird, absolvierte den Lehrgang für Pastoralpsychologie, ist Sozialmanagerin und hat Jahrzehnte an Erfahrung mit Armutsbekämpfung.

Nora Tödtling-Musenbichler vor der Caritas in Graz.
Nora Tödtling-Musenbichler wurde 1983 in Judenburg geboren und ist Direktorin der Caritas Steiermark und ab Februar 2024 Präsidentin der Caritas Österreich.
J.J.Kucek

STANDARD: Nach Franz Küberl sind Sie die zweite Person aus der Steiermark an der Caritas-Spitze.

Tödtling-Musenbichler: Ja, mit großer Freude und großem Respekt. Ich kenne die großen Fußspuren vor mir – von Michael Landau und Franz Küberl, der damals auch der erste Laie und nur ein Jahr älter war als ich jetzt.

STANDARD: Sie sind aber auch die erste Frau in diesem Amt.

Tödtling-Musenbichler: Es ist mir wichtig, dass ich wegen meiner Qualitäten und nicht meines Geschlechts gewählt worden bin. Aber es ist auch wichtig, dass Gerechtigkeit, auch im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit, gelebt und bei uns auch nach außen sichtbar wird. Wir haben mittlerweile drei Caritas-Direktorinnen in Österreich und sind jetzt auch im Präsidium mit zwei Frauen gut vertreten.

STANDARD: Zeigt das, dass sich auch in der Kirche etwas bewegt?

Tödtling-Musenbichler: Es sind auch in der Kirche sehr viele Frauen in Leitungspositionen. In der Caritas sind 70 Prozent der Belegschaft weiblich. Aber vielleicht muss man manches in der Kirche noch mehr sichtbar machen. Für mich ist es wichtig, nicht nur auf Funktionen zu schauen, sondern darauf, wie wir Frauen Kirche gestalten und bis nach Rom Verantwortung übernehmen. Ich habe schon vor 20 Jahren im Theologiestudium gemerkt, dass wir in der Kirche sehr viel mitgestalten können und mich gut aufgehoben gefühlt. Den Wunsch, Priesterin zu werden, habe ich nie gehabt.

STANDARD: Sie sind mit einem geweihten Priester verheiratet. Hat das Ihren Blick auf die Kirche verändert?

Tödtling-Musenbichler: Nein. Für uns war damals klar, dass wir uns entscheiden müssen. Mein Mann ist weiterhin Priester, er hat sich mit Zustimmung des Papstes laisieren lassen . Die Weihe kann man nicht wegnehmen. Er ist Leiter der Krankenseelsorge der Kirche in der Steiermark. Unsere Diözese war da offen und wertschätzend.

STANDARD: Sie haben viele Jahre in der Vinzenzgemeinschaft des legendären, kürzlich verstorbenen Armenpfarrers Wolfgang Pucher gearbeitet. Obdachlose sind bis heute in Graz besser versorgt als in anderen Städten. Wie prägte das Ihren Zugang zu Armut?

Armenpfarrer als Lehrmeister

Tödtling-Musenbichler: Wolfgang Pucher war mein Mentor, Lehrmeister und väterlicher Freund, der mir gezeigt hat, wo man den Blick hinwenden muss. Auch in die ganz dunklen Ecken der Gesellschaft, wo viele Leute gar nicht mehr hinschauen. Da sind Menschen, die nicht in unser Gesellschaftsideal passen und dennoch ein Recht auf ein würdevolles Leben haben. In meinen fast 20 Jahre im Sozialbereich wurde mir klar, dass es Menschen gibt, die aufgrund von Schicksalsschläge in bestehende Strukturen nicht hinein passen.

STANDARD: Bei Pucher waren immer auch Alkoholkranke willkommen.

Tödtling-Musenbichler: Wir müssen darauf achten, was Leute wirklich wollen, anstatt sie in Schemata zu drücken. Nach dem jesuanischen Wort "Was willst Du, das ich Dir tue?" Man muss Menschen in ihrem Leben ernst nehmen. In der Steiermark haben wir das Glück eines extrem tollen sozialen Netzes, wo Wolfgang Pucher und auch die Caritas wirklich Pionierarbeit geleistet haben. Eben, weil wir den Menschen im Fokus hatten. Je größer die Städte werden, desto schneller ist man aber in der Anonymität. Umso mehr muss man Menschen sichtbar und hörbar machen.

STANDARD: Weder Vinzensgemeinschaft, noch Caritas können alle Aufgaben des Sozialstaates übernehmen. Was fordern Sie angesichts der Teuerung von der Regierung?

Tödtling-Musenbichler: Armut ist in Österreich Realität, das erleben wir jeden Tag in unseren Beratungsstellen. Kürzlich war ich wieder in unserem Marienstüberl in Graz, wo Menschen um Lebensmittel anstehen, weil sie sich die für ihre Familie nicht mehr leisten können. Da haben wir wirklich Probleme.

Nora Tödtling-Musenbichler in ihrem Büro in Graz.
Nora Tödtling-Musenbichler in ihrem Büro in Graz.
J.J.Kucek

STANDARD: Sind es mehr geworden?

Tödtling-Musenbichler: Im letzten Jahr definitiv. Armut ist in der Mittelschicht angekommen, immer mehr kommen, die nie gedacht hätten, dass sie uns einmal in Anspruch nehmen müssen und jetzt aufgrund der Teuerung nicht mehr weiter wissen. Da gibt es nur eine Lösung: strukturelle und nachhaltige Armutsbekämpfung.

STANDARD: Welche konkret?

Tödtling-Musenbichler: Es gibt drei große Hebel: Die Anhebung der Ausgleichszulage, da bräuchte es zumindest 200 Euro mehr. Das ist im großen Stil nicht viel, aber es würde sehr viele Menschen aus der Armut herausholen. Zudem braucht es die Reform des Arbeitslosengeldes und Valorisierung der Notstandshilfe. Besonders dringend ist die Reform der Sozialhilfe. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Alleinerzieherinnen in Vorarlberg oder Oberösterreich weniger bekommen als in Wien oder in der Steiermark. Es braucht österreichweit verbindliche, gleich hohe Leistungen. Diese Ungleichheit ist schon schwierig innerhalb der EU, aber noch verheerender innerhalb Österreichs.

STANDARD: Wie ist da der Austausch mit der Regierung?

Tödtling-Musenbichler: Michael Landau und Generalsekretärin Anna Parr sind im ständigen Austausch mit den Ministerien, Kanzler und Vizekanzler. Meine ersten Wege im Amt werden gerade im Hinblick auf das Wahljahr 2024 zur Politik führen. Es muss gemeinsames Ziel sein, niemanden zurückzulassen.

STANDARD: Küberl und Landau haben sich zu politischen Themen geäußert, auch in Flüchtlingsfragen. Werden Sie das auch tun?

Tödtling-Musenbichler: Unser Auftrag ist: Not sehen und handeln und Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden. Ich habe mich immer zu Wort gemeldet und werde das weiter tun.

STANDARD: Die FPÖ hat immer wieder die Caritas attackiert und liegt jetzt im Umfragehoch. Wie wappnen Sie sich für den Wahlkampf?

Tödtling-Musenbichler: In ganz Europa fordern uns Polarisierungen und Resignation heraus. Wir werden nie locker lassen, wenn es um Menschenrechte geht. Michael Landau sagt immer, das Evangelium ist kein Parteiprogramm, sondern unser Grundauftrag.

Bergpredigt als Finger in der Wunde

STANDARD: Manche sehen die Bergpredigt als radikal links. Ist sie das?

Tödtling-Musenbichler: Wenn radikal links das ist, dass es Menschen in den Blick nimmt, die am Rande der Gesellschaft sind, dann vielleicht ja. Ich würde sagen, die Bergpredigt ist aktueller denn je und ein sehr menschenfreundliches Hinwenden zu anderen. Sie legt uns den Finger in die Wunde, sie ist kein einfacher Text, kein Märchen, sondern Auftrag an eine solidarische Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die im Wohlstand leben und manche, die nichts haben. Sie zeigt, dass Solidarität gelingen kann, wenn Verteilung gerecht erfolgt.

STANDARD: Sind Sie für höhere Vermögenssteuern?

Tödtling-Musenbichler: Ich bin für eine gerechte Verteilung so, dass wir gemeinsam gut leben können. Eine Vermögenssteuer ist das eine. Es geht nie darum, die Armen gegen die Reichen aufzuhetzen.Aber wir haben auch vieles von unserem Wohlstand geschenkt bekommen. Wir leben in einem Land, wo das Erbe eine große Rolle spielt, wo viel weitergegeben wird, wofür wir nicht gearbeitet haben. Hier zu sagen, ich gebe einen Anteil ab, damit andere nicht in Not geraten, ist legitim. Ein Weg, den wir verfolgen sollten.

STANDARD: Also sind Sie auch für Erbschaftssteuern?

Tödtling-Musenbichler: Es ist legitim, hinzuschauen, welche Prozentsätze notwendig sein werden, damit der Staat wieder Mittel in soziale Leistungen investieren kann.

STANDARD: Kommen wir zur globalen Umverteilung. Die Caritas Österreich ist auch weltweit aktiv. Stellt die Republik da genug Geld zur Verfügung?

Tödtling-Musenbichler: Die Caritas Österreich ist in 58 Ländern tätig, in der Entwicklungshilfe und in der humanitären Hilfe. Österreich ist – in der Bevölkerung und der Politik – sehr solidarisch, wenn es um Katastrophenhilfe geht, sei es in der Ukraine oder bei humanitärer Hilfe. Doch es braucht auch eine langfristige strukturelle Unterstützung von Entwicklungsländern. Wir sehen, dass unsere Hilfe ankommt. Ich durfte selbst heuer in unserem Partnerland Burundi sein, wo wir sehen, dass Kinder, die in unserem Ernährungszentrum untersucht werden und in eine Schule gehen können, wieder eine Zukunft und mehr Perspektiven haben als vor zehn Jahren. Da wünschen wir uns langfristig finanzielle Absicherung. Diese Länder haben am wenigstens zur Klimakrise beigetragen und leiden am stärksten unter ihr. Aber auch in Ländern wie der Ukraine müssen wir nach dem Krieg langfristig strukturelle Aufbauhilfe leisten. Da darf uns nicht der Atem ausgehen. (Colette M. Schmidt, 3.12.2023)