Desertshore, Volkstheater
Die australische Musikerin Kat Frankie (Bildmitte) und ihr Chor Bodies präsentieren im Volkstheater ihre Acappellaversion von Indie-Pop.
Cathleen Wolf

Das Wiener Volkstheater brachte unter der Intendanz von Kay Voges neben Theaterfrischluft auch ein seit Jahr und Tag in Deutschland etwa an der Berliner Volksbühne etabliertes erweitertes Bühnenkonzept mit in die Stadt. Neben Diskussionsveranstaltungen und nächtlichen Konzerten in der Roten Bar, in die sehr gern auch alte Helden des internationalen und nicht so gern an die Sonne und die frische Luft gehenden Undergrounds der 1980er-Jahre gebucht werden.

Man hat dort etwa Crime & the City Solution, Kid Congo Powers, Little Annie oder Blaine L. Reininger von Tuxedomoon gesehen beziehungsweise den Raum für heimische Acts geöffnet. Zuletzt etwa präsentierten Die Buben im Pelz ein Album mit ihrer Wiener Version von Lou-Reed-Songs, Verwandler.

Liraz

Nach Konzerten von großen Namen wie Marc Almond, Paul Weller oder Calexico und dem Vorjahresdebüt des zweitägigen Festivals Desertshore, das etablierte Größen wie Blixa Bargeld, Micael Gira und Zola Jesus präsentierte, geht es nun in der heurigen Ausgabe etwas spezieller zu. Der Schwerpunkt wird von Kurator Christian Morin, der lange Jahre an der Berliner Volksbühne tätig war und gegenwärtig in der deutschen Hauptstadt die Konzertreihe Sonic Morgue in einem aufgelassenen Krematorium sowie das Festival Pop-Kultur in der Kulturbrauerei betreut, auf weiblich zu lesende Musik gelegt.

Wo ist zu Hause, Mama?

Es geht natürlich auch dank der Herkunft der Künstlerinnen um das Thema der Identität und die Frage, die Johnny Cash einst in einem von ihm auf Deutsch eingesungenen Lied stellte: Wo ist zu Hause, Mama? Liraz etwa dürfte man eher aus der Nägelbeißerserie Teheran denn als Musikerin kennen. Die Israelin hat ihre Wurzeln im Iran und spielt ihre Musik, laut Morin eine Mischung aus Psychedelic aus dem Mittleren Osten und Krautrock, mit Musikern aus dem Feindesland ein.

B O D I E S

Die australische Songwriterin Kat Frankie lebt in Deutschland und wird in Wien nach Anfängen im Folk und später beeinflusst von PJ Harvey oder Fiona Apple nun mit dem Chor Bodies ihre A-cappella-Version von Indie-Pop vorstellen. Auch "Avantgarde-Punk-Queen" Nuha Ruby Ra aus London dürfte PJ Harvey gehört haben. Aktuell geht es mit gehörigem Noise-Anteil recht heftig zur Sache.

NuhaRubyRaVEVO

Die brasilianisch-deutsche Künstlerin Gloria de Oliveira und der amerikanische Komponist und Produzent Dean Hurley haben ihr irgendwo atmosphärisch im Nebel über dem Atlantik schwebendes Album Oceans of Time während der Pandemie mittels Soundfile-Austauschs eingespielt, ohne sich je getroffen zu haben. Hurley arbeitete übrigens lange für David Lynch, damit man weiß, was einen ungefähr erwartet. Dazu wird bei Desertshore noch der österreichische Schwermelancholiker Jungstötter auftreten, die im Exil lebenden russischen Postpunks Ploho oder das Synth-Wave-Duo Minimal Schlager. (Christian Schachinger, 6.12.2023)