Man feierte eine erfolgreiche Premiere in der Nations League.
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Gott, war das zu Beginn des Jahres ein Kater. Eigentlich hätte sich Österreichs Nationalteam der Frauen mit der WM in Australien und Neuseeland beschäftigen können, sich über mögliche Gegnerinnen Gedanken machen können, vielleicht ein Teamquartier suchen: Euphorie und Aufmerksamkeit wären da gewesen – hätte man das Playoffspiel in Schottland im Herbst nicht vergeigt. Fußball kann so schön, aber auch so gemein sein. Die verpasste Qualifikation saß den Verantwortlichen und den Spielerinnen in den Knochen.

Ein Jahr später sind die Beschwerden Geschichte. Es war ein erfolgreiches Jahr für Österreichs Fußballerinnen. Sportlich gesehen. Das A-Team hielt mit einem 2:1 gegen Norwegen die oberste Klasse in der Nations League, kurz davor qualifizierte sich das U20-Team als erste rot-weiß-rote Frauen-Equipe für eine Weltmeisterschaft. Genießen, zurücklehnen, alles gut? Zum abschließenden und vieles entscheidenden Nations-League-Spiel gegen Norwegen kamen gerade einmal 1300 Fans nach St. Pölten. Das ist nicht nur ausbaufähig, sondern, gelinde gesagt, beschämend.

Video von der Frauenfußball-WM im Sommer 2023: Ich wüsste nicht, wo ich das anschauen könnte".
DER STANDARD

Zurück in dunkle Zeiten?

Gut, es war saukalt in Niederösterreichs Landeshauptstadt. Gut, Anpfiff Anfang Dezember an einem Dienstag um 19.15 Uhr ist auch nicht unbedingt Primetime für Fußball. Und dennoch fühlte man sich in der bitterkalten NV-Arena an dunklere Zeiten zurückerinnert. An Zeiten, in denen Frauen, wenn sie Fußball spielen, milde belächelt wurden: "Eh lieb, aber auch wurscht."

Unter Teamchefin Irene Fuhrmann steckte Österreich einige Rückschläge weg.
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Vielleicht muss sich auch der Österreichische Fußball-Bund Fragen stellen. Warum schafft man es nicht, punktuelle Höhepunkte zu nutzen und in Nachhaltigkeit umzumünzen? Ist Österreich nicht bereit für Frauen, die auf Topniveau Fußball spielen? Es geht freilich nicht von heute auf morgen, und dennoch sieht man an der Rekordkulisse im Heimspiel gegen Frankreich (10.050 Fans), dass ein Interesse da sein könnte.

In die Magengrube

Sportlich gibt es wenig zu meckern: Das A-Team steckte die Schläge in die Magengrube weg. Denn da war natürlich die verpasste WM, aber es waren auch die Rücktritte von Schlüsselspielerinnen wie Viktoria Schnaderbeck und Carina Wenninger und die schwere Verletzung von Arsenal-Legionärin Laura Wienroither. Das Team befindet sich im Umbruch, und es sieht so aus, als würde dieser gelingen. "2023 war ein überragendes Jahr", sagte Teamchefin Fuhrmann. Bleiben wir vorerst also beim Erfreulichen, also Sportlichen: Österreich holte in der Gruppe A2 zehn Punkte. Es war eine Gruppe mit drei WM-Startern (Frankreich, Norwegen und Portugal), also bei weitem kein Spaziergang. Hatte man vor allem im Hinspiel gegen Norwegen noch ordentlich Glück, wurden die Leistungen konstanter, ironischerweise war das spielerische Highlight die schlussendlich deutliche 0:3-Niederlage in Frankreich.

Es verfestigte sich der Eindruck, dass Österreichs Frauenfußball nicht mehr auf das Talent von einzelnen Spielerinnen angewiesen ist. Die junge Garde schiebt nach und liefert, etabliert sich neben den Größen: Marina Georgieva hat sich nach ihrem Wechsel zur Fiorentina immens gesteigert, Liverpools Marie Höbinger setzt starke Impulse im Mittelfeld, Barbara Dunst wirkt überhaupt in der Form ihres Lebens, und mit Eileen Campbell hat im Sturm ein neues, treffsicheres Überraschungsmoment Einzug erhalten.

Sisyphos ist eine österreichische Fußballerin

Dass sich die U20 von Coach Hannes Spilka mit einem beeindruckenden 6:0 im Playoff über Island erstmals für eine WM qualifizieren konnte, beweist, dass das lang vorgegebene Ziel, Breite zu schaffen, langsam erreichbar scheint. Das Akademiesystem bringt gut ausgebildete Spielerinnen hervor, auch wenn es mehr sein könnten. Die Erfolgserlebnisse trudeln ein.

Zum weniger Erfreulichen: Die Besucherzahl in St. Pölten tut weh. Liegt es am Bundesland? In Altach waren zum Spiel gegen Portugal 4800 Fans gekommen. Es wirkt jedenfalls so, als wäre Österreichs Nationalteam auf Wahlkampftour durch die Bundesländer. Und das als Bittsteller, um doch, wenn möglich, irgendwo bitte auf halbwegs gepflegtem Rasen Fußball auf Topniveau spielen zu dürfen. Auch das ist freilich ermüdend. Die Zauberworte sind und bleiben Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. Immer wieder werden sie bedient. Und doch scheint der Stein immer wieder den Berg hinunterzurollen. Auch wenn Österreichs Fußballerinnen ihn mit Elan immer und immer wieder hinaufkicken. (Andreas Hagenauer, 7.12.2023)