Die geraubte Illusion
Illustration: Fatih Aydogdu

In den Kirchen wird am 24. Dezember die Herbergsuche zelebriert. Im realen Leben fällt sie heuer noch schwieriger aus. Flüchtlinge sind nicht willkommen. Noch weniger als sonst. Das hat viele Ursachen. Die Intensität der Konflikte und Kriegsgeschehen, mit denen wir konfrontiert sind, übersteigt die Aufnahmefähigkeit vieler. Das Weltgeschehen wird zunehmend als bedrohlich empfunden. Immer mehr Menschen machen zu und ziehen sich zurück. Die Bereitschaft, mit offenen Armen und Gedanken auf Flüchtende zuzugehen, hat abgenommen. Das Geschehen von 2015, als überraschend viele Asylsuchende durchs Land gezogen sind, ist noch nicht aufgearbeitet.

Handfeste Probleme

Und es gibt reale, ganz handfeste Probleme. Die Integration funktioniert nicht so, wie wir das erwartet haben. Die bittere Erkenntnis, dass die FPÖ ihre Finger in eine Wunde legt, die mehr Menschen als die üblichen Rassisten und Fremdenfeinde als schmerzhaft empfinden, lässt viele ratlos zurück. Auch in linken und liberalen Kreisen macht sich ein Unbehagen breit. Haben wir zu viele aufgenommen? Die Falschen? Wie viele kommen noch? Wie können wir mit ihnen auskommen?

Gerade an Menschen, die aus muslimisch geprägten Ländern kommen, entzündet sich ein Konflikt. Wie stark greift die Religion ins Zusammenleben, ins Miteinander, in den gegenseitigen Respekt ein? Dazu kommt der Antisemitismus, der durch den Krieg im Nahen Osten befeuert wird und für Debatten sorgt, die wir in dieser Heftigkeit so nicht gekannt haben.

Die Top fünf der Herkunftsländer bei Asylanträgen in der Statistik des Innenministeriums für das Jahr 2023 bis inklusive November sind:

Dabei nimmt die Zahl der Asylanträge leicht ab: Laut Zahlen des Innenministeriums wurden im November 2537 Asylansuchen gestellt. Das ist ein Rückgang im Vergleich zu November 2022 um 9400 Anträge. Insgesamt wurden heuer in elf Monaten 56.178 Asylanträge gestellt, ein Rückgang um 47 Prozent. Das sei immer noch ein enorm hohes Niveau, wie Innenminister Gerhard Karner im Gespräch mit dem STANDARD einräumt. Dennoch sei der Rückgang ein Erfolg. Eine Vielzahl an Maßnahmen und Ursachen sei für die Entwicklung verantwortlich, vieles habe man selbst nicht in der Hand. Die SPÖ, nämlich jene im Burgenland, hält entschieden dagegen: Die Zahlen seien immer noch viel zu hoch. Österreich liege an der Spitze in Kontinentaleuropa, was die Pro-Kopf-Belastung bei den Asylanträgen betrifft.

Frau mit Kind
Flüchtlinge sind auf Unterstützung angewiesen, die erweist sich nicht immer als ganz einfach.
REUTERS/Borja Suarez

80.000 in Betreuung

Die harte Währung sind aber ohnedies nicht die Anträge, die nur bedingt etwas aussagen, weil viele Menschen weiterreisen – nämlich mehr als die Hälfte jener, die einen Antrag gestellt haben. Relevant ist die Zahl derjenigen, die sich in Betreuung befinden, also den Ausgang ihres Verfahrens abwarten. In der sogenannten Grundversorgung befinden sich derzeit 80.000 Menschen. Insgesamt gab es heuer etwa 15.000 positive Bescheide. Das entspricht einer Quote von 14 Prozent der eingebrachten Anträge.

Sophie hat selbst Flüchtlinge aufgenommen, eine Familie aus Syrien. Zwei Mädchen sind bei ihr geblieben, die wohnen jetzt bei ihr. Aus diesem Zusammentreffen ist so etwas wie eine neue Familie entstanden. Kontakt zur Herkunftsfamilie gibt es regelmäßig, das funktioniert auch ganz gut. Aber es sind zwei Welten. Die Mädchen sind mehr in der neuen Welt, in der von Sophie, zu Hause als in jener, die ihre Eltern aus Syrien mit nach Wien gebracht haben.

Reibungsloses Nebeneinander, schwieriges Miteinander

"Gerade bei Menschen mit einem muslimischen Hintergrund funktioniert im besten Fall ein reibungsloses Nebeneinander, aber ganz selten ein Miteinander", sagt Sophia. "Die Integration ist gescheitert", befindet sie, und das liege an beiden Seiten. "Das ist nicht nur ein politisches Komplettversagen. Das hat schon mit einem Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz begonnen. Das ist so gewollt. Diese Menschen sollen sich hier nicht wohlfühlen." Und es liege zum Teil an den Geflüchteten selbst, die wenig Bereitschaft zeigten, sich hier einzugliedern, meint Sophie. Sie liebt ihre zwei Patenkinder und hat sich mit deren Familien gut arrangiert, aber die Geschichte dahinter ist für alle Beteiligten schmerzhaft. Schließlich hat ein Gericht der Familie das Sorgerecht für drei Kinder entzogen. Das syrische Paar hat mittlerweile drei weitere Kinder, sie haben sich zurechtgefunden, der Vater hat eine Therapie gemacht.

Wenn wirklich Not am Mann wäre, würde Sophie noch einmal helfen, aber ihre Offenheit ist weniger geworden. "Ich mag mich nicht mehr so involvieren", sagt sie. "Ich habe die Kapazität nicht mehr."

Viele Einzelfälle

Götz Schrages Desillusionierung hat bereits 2015 begonnen. In der Flüchtlingshilfe ist er aber immer noch engagiert. Der Fotograf und Autor, er ist auch Bezirksrat der SPÖ, ist mit seiner Abrechnung schon durch die Medien gerauscht. Er neigt zu offenen und drastischen Worten. "Die Leute verblöden hier. Erst dachte ich mir, das ist ein krasser Einzelfall, es sind aber ziemlich viele Einzelfälle." Menschen, die aus Syrien nach Österreich kamen und an Religion nicht interessiert waren, entwickelten sich ausgerechnet hier plötzlich zu religiösen Fanatikern und vehementen Antisemiten, behauptet Schrage. Er führt das auf den Verlust des Status zurück, der mit dem neuen Leben in Österreich einhergeht. "Die gehen dann dorthin, wo sie Respekt bekommen. Das sind die islamischen Vereine."

Die Mehrheit wolle nur unauffällig leben, konstatiert Schrage, "sie sind keine Bereicherung unserer Gesellschaft", sagt Schrage, "aber es ist mit Sicherheit auch kein Zuzug von Terroristen". Über den Antisemitismus dürfe man sich nicht wundern, der sei bei arabischen Männern latent bis vehement vorhanden, dem müsse man etwas entgegensetzen. In den Schulen etwa.

Erschwerte Hilfe

Dass sich die Politik des Themas nicht annehme, sei in erster Linie eine Bankrotterklärung der Linken, die sich nicht traut, die Problemen anzugehen, nur weil die FPÖ sie benennt. Und so gehen bei allen die Herzen zu, sagt Schrage. Die Bereitschaft zu helfen nimmt ab.

"Menschen, die an Religion nicht interessiert waren, entwickelten sich ausgerechnet hier plötzlich zu religiösen Fanatikern." Götz Schrage, Flüchtlingshelfer

Er hat sich auch in der Ukraine-Hilfe stark engagiert, hat Flüchtlinge von der Grenze abgeholt, hat Wohnungen vermittelt und Geld gesammelt. Alles sei schwieriger geworden. Seit Mitte vergangenen Jahres bemerkt er ein Stocken in der Hilfsbereitschaft. Die Spendenbereitschaft sei zurückgegangen, es sei ganz schwierig geworden, neue Wohnungen zu organisieren. Der Umstand, dass immer wieder über die fetten SUVs der Ukrainer in Wien berichtet wird, könne damit zusammenhängen, mutmaßt Schrage. Es sind zwar nicht viele ukrainische Luxuskarossen in Wien, aber irgendwie fällt jede einzelne auf, sofern sie nicht in einer Tiefgarage verschwunden ist. "Das ist ja das Absurde: Die reichen Ukrainer haben die Spendenbereitschaft für die armen Ukrainer beschädigt."

Achterbahnfahrt

Richard ist selbstständig und wohlhabend, er ist der SPÖ beigetreten, weil ihm Andreas Babler taugt. Dass er sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, ist ihm ein ehrliches Anliegen, nicht bloß eine Attitüde. Zwei afrikanische Buben haben er und seine Frau begleitet, eine Achterbahnfahrt. "Man tut sein Bestes", sagt Richard, "weil es sinnvoll ist. Aber ich muss zugeben, ich bin desillusioniert." Man dürfe sein Engagement nicht an Erfolgsaussichten knüpfen, dann werde man nur enttäuscht. Von den Jungs landete einer im Gefängnis, Drogen, ein so klassisches Klischee, dass es schon lachhaft ist. Der andere absolvierte eine Lehre und wurde Koch. Er sucht gerade einen Job, mit dunkler Hautfarbe trotz Personalmangels auch nicht so leicht. "In Österreich wird diesen Menschen in keiner Weise entgegengekommen. Nicht einmal ein Finger von einer Hand wird ihnen gereicht. Das spüren diese Menschen, das macht etwas mit ihnen." Diejenigen Flüchtlinge, die gar niemanden haben, keine Österreicher, die sie unterstützen, die keinen Kontakt zu Ämtern haben, hätten es besonders schwer, die seien zum Scheitern verurteilt.

Die Freiheit genießen

Ein anderes Paar betreut eine Familie aus Afghanistan. Erst war es nur ein Mädchen, dann der Bruder, dann auch die Eltern und noch eine Schwester. Das jüngste Mädchen war allein und als Erste nach Österreich gekommen, später kam der Bruder, dann der Rest der Familie. Das Mädchen, das immer noch in einer Wohngemeinschaft untergebracht ist, ist völlig verunsichert. Mitten in der Pubertät weiß sie nicht, was sie darf und was nicht. Dass sie in der Wohngemeinschaft und nicht in der Miniwohnung der Eltern lebt, ist auch so etwas wie eine Schutzmaßnahme, sagen ihre Betreuer. Das Mädchen genoss die Freiheit und konnte sich entfalten, auch in der Schule, aber doch mit einem sehr westlichen Ansatz. Von dieser Freiheit kann sie ihren Eltern nichts erzählen. Aber sie beharrt mittlerweile auf Gleichberechtigung. Sie kennt ihre Rechte und weiß, was sie will. Eine schwierige Situation für alle Beteiligten.

Traditionelle Werte

Bei ihrer Familie stößt das Mädchen, das noch nicht volljährig ist, auf Unverständnis. Ihre ältere Schwester hingegen, die immer bei der Familie war, lebt traditionell und hat sich den alten Werten untergeordnet. "Diejenigen, die eine westliche Anleitung bekommen, lernen sehr, vor allem die Mädchen", erzählt Fritz, der sich gemeinsam mit Ulla um die Familie kümmert und in vielen Fragen für alle Mitglieder der Familie Anlaufstationen geworden ist. "Die Mädchen wollen fair behandelt werden. Und ein gewisses Maß an Freiheit auch in ihrer Familie wahrnehmen. Die Buben hingegen orientieren sich mehr nach den traditionellen Werten. Sie beziehen ihre Stärke aus dem Rollenbild, nicht aus dem, was sie aus sich gemacht haben."

In der Luft hängen

Hilfe brauchen sie alle. Ohne Unterstützung von außen scheitern sie an Behördenkontakten. "Die meisten Flüchtlinge, die hier ankommen, hängen völlig in der Luft. Keine hilft ihnen, und sie selbst melden sich auch nicht. Die leben damit, nicht gewollt zu sein, das prägt sie auch", schildert Fritz.

Klaus Hofstätter arbeitet für die Asylkoordination und schult Menschen, die eine Patenschaft für eine geflüchtete Person übernehmen wollen. Früher waren das 40 bis 60 Interessierte im Jahr. 2016, im Jahr nach der großen Flüchtlingsbewegung, waren es sogar 169 Patenschaften für unbegleitete Minderjährige und junge Erwachsene. Dann ging das Interesse sukzessive zurück. Derzeit sind es etwa 20 Patenschaften pro Jahr. "Aktuell lädt wenig dazu ein, sich für Flüchtlinge zu engagieren", sagt Hofstätter.

Und dennoch gibt es Leute, die sich sehr engagiert um Flüchtlinge kümmern und nicht nur Geld, sondern auch, noch wertvoller, Zeit investieren. Menschen, die sich darauf einlassen, gewinnen dann ein anderes Bild von diesen Menschen, auch wenn es enttäuschte Erwartungen und Rückschläge gibt.

Dass unter den Geflüchteten auch schwierige Personen sind, stellt Hofstätter gar nicht in Abrede. "Natürlich sind da Vollkoffer dabei, radikale Islamisten. Das sind Leute, die von ihrem Weltbild überzeugt sind, das festigt sich dann in der Konfrontation noch."

Gerade auch junge Menschen, die sich nach Österreich durchgeschlagen haben, seien damit beschäftigt, "die Füße am Boden zu halten", wie Hofstätter es ausdrückt. Da ist die Moschee oft ein erster Ankerpunkt. Wenn es ein vernünftiges Angebot gäbe, seien diese jungen Menschen sehr schnell davon wegzuholen. Die Angebote in Österreich seien aber nicht sehr zugänglich.

Demonstration
Demonstrationen weltweit fordern mehr Rechte für Flüchtlinge - in der Politik tut sich diesbezüglich wenig.
APA/Getty Images via AFP/GETTY I

Langwieriger Prozess

Integration sei ein langwieriger Prozess. "Man muss die Leute dort abholen, wo sie stehen, auch wenn das wie eine Floskel klingt", sagt Hofstätter. Die Aufforderung "Passt euch an und assimiliert euch" greife nicht. Eineinhalbtägige Wertekurse, in denen Integration verordnet wird, laufen ins Leere. "Dieses kolonialistische Modell, dass man dem Weltbild dieser Menschen komplett die Berechtigung abspricht, führt zu nichts", ärgert sich Hofstätter.

Bindung würde helfen. Die Patenschaft sieht vor, dass man diese jungen Menschen begleitet und ihnen Aufmerksamkeit schenkt, im Idealfall sei das ein Treffen pro Woche. "Realistischerweise muss man sich dafür einen Vormittag freischaufeln", erzählt Hofstätter.

Breite Überforderung

Derzeit sei es schwierig, Paten zu finden. Vor ein paar Jahren sei es noch cool gewesen, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Das sei jetzt nicht mehr der Fall. Das liege wohl nicht nur am negativen Klima Flüchtlingen gegenüber, glaubt Hofstätter, sondern auch an einer allgemeinen Überforderung, an der unübersichtlichen Situation in der Welt und zu Hause.

Dass die Zahl der Asylanträge zurückgeht, führt Hofstätter auch darauf zurück, dass eine Politik der Angst und der Abschreckung jetzt ihre Auswirkungen hat. Was Innenminister Karner durchaus als Erfolg bewertet. (Michael Völker, 25.12.2023)