Das 21. Jahrhundert hat uns in eine Ära geführt, in der die Selbstoptimierung zum vorherrschenden Imperativ geworden ist. Diese Entwicklung zeigt sich beispielsweise in der Verbreitung sogenannter "Wearables" – technologische Produkte, die den Schlafrhythmus analysieren, den Puls messen oder dazu anregen, sich mehr zu bewegen. Solche "Geräte" zeigen die Ideologie der Selbstverbesserung auf, welche tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist und bereits auf mehrere Jahrzehnte der Geschichte der Optimierung des Selbst zurückblickt. Die Vorstellung, des "eigenen Glückes Schmied" zu sein, geht auch schon auf die Ära von Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in Nordamerika zurück, welche dem Wohlfahrtsstaat in den 1980er-Jahren in Großbritannien beziehungsweise in anderer Form in den USA Einhalt gebieten wollten. Jeder sollte zum Unternehmer seines Selbst werden und so auf bestimmte Weise den Staat entlasten. Dafür wurden auch Steuervergünstigungen und andere Vorteile für Selbstständige geschaffen.

Die Anrufung, der Marktlogik zu folgen

Die Selbstoptimierung ist längst nicht mehr nur persönlich, sondern auch mit der Gesellschaft verwoben. Eben erwähnte Wearables und andere Selbstverbesserungsmechanismen sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Der Druck, ständig an sich zu arbeiten und sich zu verbessern ist allgegenwärtig und durchdringt unser Leben auf unterschwellige und tiefgreifende Art. So ein Wandel fordert uns heraus, kritisch zu reflektieren, wie viel Raum wir dem Streben nach Perfektion in unserem Leben einräumen wollen und welche Werte wir dabei auf der Strecke lassen. Es ist ein Diskurs. Auch ist es das Risiko, das jeder oder jede Einzelne eingeht, einem Selbstverwirklichungsziel zu folgen. Denn es geht offenbar immer nur darum, den Unternehmer in uns selbst auszubilden.

Der Druck, ständig an sich zu arbeiten und sich zu verbessern, ist allgegenwärtig und durchdringt unser Leben auf unterschwellige und tiefgreifende Art.
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Dieses Konzept des "unternehmerischen Selbst", auch "Self-Entrepreneur" genannt, wurde maßgeblich vom deutschen Soziologen Ulrich Bröckling1 geprägt. Es beschreibt diese Anrufung, sich an den Markt und dessen Logik anzupassen, nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern auch durch die Verinnerlichung dieser in den Menschen selbst. Diese Vorstellung von Self-Entrepreneurship durchdringt sehr viele Lebensbereiche und führt oftmals auch noch zur auflösenden Trennung zwischen Privat- und Arbeitsleben. Der Mensch muss stets anschlussfähig oder abrufbar bleiben, um den Anforderungen des Marktes gerecht zu werden. Nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft selbst hat die Anrufung verinnerlicht, sich der Marktlogik anzupassen. Damit wir im Wettbewerb bestehen können, müssen wir ständig bereit sein, uns neu zu erfinden. Der Mensch wird zur Ware – immer abrufbar, immer besser optimiert. Ist dies der Preis, den wir für unseren Erfolg zahlen müssen?

Wer auf der Strecke bleibt

Die Forderung nach individueller Selbstregulierung klingt zunächst verlockend: Jeder soll das Schicksal in die eigenen Hände nehmen und das Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Die Realität sieht jedoch anders aus. Während einige in der Lage sind, von Bildungsmöglichkeiten und privater Gesundheitsvorsorge zu profitieren, stehen viele vor unüberwindbaren Hürden. Hier schafft ein Staat, der von Einzelnen Selbstverantwortung fordert, ein Ungleichgewicht bei den Bürger:innen.

Wenn politisch die Forderung nach Selbstregulierung vorangetrieben wird, ohne die ungleichen Startbedingungen zu berücksichtigen, muss man auch die damit verbundenen Herausforderungen mitdenken. Nämlich jene, die einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Spaltung leisten können. Anstatt eine gerechtere Gesellschaft zu fördern, erzeugen unterschiedliche beziehungsweise unterlassene staatliche Maßnahmen eine sich immer mehr ausweitende Kluft zwischen Arm und Reich, gesund oder krank. Dies führt letztlich zur Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen (prekär Beschäftigte, Migrant:innen ...). Damit werden individuelle Erfolge zur Farce, wenn sie auf einem Fundament der Ungleichheit aufgebaut sind. Kurz zusammengefasst: Nicht jeder oder jede hat die Chance, sich selbst zu optimieren.

Selbstregulierung als politisches Agendasetting mag dem ersten Anschein nach gut klingen, aber in der Praxis führt dies zu mehr wahrgenommener und tatsächlicher Ungerechtigkeit. Dadurch wird soziale Spannung generiert. Eine solche Policy ist nicht nur blind gegenüber den Realitäten von Minderheiten oder sozial "Ausgegrenzten", sondern ist auch unfähig, für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu sorgen.

Der aktivierende Sozialstaat

Diese Selbstoptimierungs-Ideologie verursacht nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftsstaatlicher Ebene Veränderungen. Der sogenannte "aktivierende Sozialstaat" markiert einen Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik, der weitreichende Konsequenzen mit sich bringt: Im Gegensatz zum tradierten Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit, welcher sich vordergründig auf die Bereitstellung von sozialen Sicherungsnetzen kümmert und gesellschaftliche Risiken (Diskrepanzen) ausgleichen soll, zielt ein aktivierender Wohlfahrtsstaat darauf ab, den Bürger:innen zu mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit zu ermutigen. Dadurch, dass staatliche Versorgung immer mehr als Richtung "des Maßes des Notwendigen" ausgelegt wird – was weitere Probleme mit sich bringt –, können jene, die die finanziellen Mittel haben, sich Vorsorge und dadurch einen besseren gesellschaftlichen Startplatz erhoffen. Dies lässt allerdings eine bedeutende Menge an Menschen abgeschlagen zurück (Alleinerziehende, Migrant:innen, Menschen in prekären Beschäftigungen, Geringverdiener:innen ...).

Selbstoptimierung im Bildungssystems und deren Chancenungleichheiten sowie auch im Gesundheitswesen machen klar, dass ein aktivierender Wohlfahrtsstaat segregiert. Ein Sozialstaat, der von seinen Bürger:innen Eigenverantwortung fordert, aber Chancen ungleich verteilt, unterminiert seine eigentliche Wirkungsbasis und treibt dadurch gesellschaftliche Teilung unaufhaltsam voran. Ein Teufelskreis. (Patrik Reisinger, 11.6.2024)