Paarbeziehungen sind keineswegs eine Form des Zusammenlebens, die der Mensch erst in jüngster Zeit "erfunden" hat. Wie eine aktuelle Studie von Schweizer und französischen Forschenden zeigt, könnten schon die ersten Primaten vor fast 70 Millionen Jahren als Paare ihre Existenz bestritten haben. Vermutlich war die Sozialstruktur unserer frühen Vorfahren jener des modernen Menschen ähnlicher als bisher angenommen.

Wann entstand das Leben zu zweit?

Primaten gelten als außerordentlich soziale Wesen. Affen und ganz besonders Menschenaffen leben oft in Gruppen zusammen. Bei Lemuren und anderen sogenannten Feuchtnasen-Primaten ging man hingegen davon aus, dass sie eher einzelgängerisch sind und dies auch die ursprüngliche Lebensweise aller Primaten darstellte. Frühere Studien versuchten deshalb zu erklären, wie und wann in der Evolution der Primaten das Paarleben entstanden ist.

Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass viele der nachtaktiven und daher schwer zu untersuchenden Feuchtnasen-Primaten gar nicht einzeln leben, sondern in Paaren von Weibchen und Männchen. Doch was bedeutet das für die Lebensweise der Vorfahren aller Primaten? Und warum leben manche Affenarten in Gruppen, andere in Paaren und wieder andere allein?

Lemuren
Neuere Untersuchungen zeigen, dass viele Lemuren gar nicht einzeln leben, sondern in Paaren von Weibchen und Männchen.
Foto: Universität Zürich/ Goddard_Photography

Unterschiedliche Organisationsformen

Diesen Fragen gingen Forschende der Universitäten Zürich und Straßburg nach. Für die im Fachjournal "PNAS" erschienenen Studie sammelte Charlotte Olivier vom Institut Pluridisciplinaire Hubert Curien detaillierte Informationen zur Zusammensetzung wildlebender Primatengruppen, die alle aus Feldstudien stammten. Daraus entstand über mehrere Jahre eine Datenbank von fast 500 Populationen aus über 200 Primatenarten.

Über die Hälfte der so erfassten Primatenarten wiesen mehr als eine Form der sozialen Organisation auf. "Am häufigsten waren Gruppen, in denen mehrere Weibchen und mehreren Männchen zusammenlebten, wie etwa bei den Schimpansen oder Makaken. Am zweithäufigsten kamen Gruppen mit nur einem Männchen und mehreren Weibchen vor – wie bei Gorillas oder Languren", erklärt Letztautor Adrian Jäggi von der Universität Zürich. "Ein Viertel aller Arten organisierte sich aber auch in Paaren."

Vor 70 Millionen Jahren

Unter Berücksichtigung sozioökologischer und lebensgeschichtlicher Variablen wie Körpergröße, Ernährung oder Lebensraum berechneten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit komplexen statistischen Modellen, die von Jordan Martin vom Institut für evolutionäre Medizin der UZH erstellt wurden, die Wahrscheinlichkeit einzelner sozialer Organisationsformen – auch für unsere Vorfahren vor fast 70 Millionen Jahren.

Um deren Lebensweise zu rekonstruieren, stützten sich die Forschenden auf Fossilfunde, die zeigten, dass diese kleiner als viele heute lebenden Arten waren und in Bäumen lebten. Diese Faktoren korrelieren stark mit Paarleben. "Unser Modell zeigt, dass die Primaten auch früher variabel zusammenlebten und Paare die mit Abstand wahrscheinlichste Form der sozialen Organisation unserer letzten gemeinsamen Vorfahren waren", erklärt Martin. Nur etwa 15 Prozent unserer Vorfahren seien einzelgängerisch unterwegs gewesen. "Das Leben in größeren Gruppen entstand also erst später in der Geschichte der Primaten."

Vorteile der Paarbildung

Damit war die Sozialstruktur der ersten Primaten jener der heutigen Menschen wohl ähnlicher als bisher angenommen. "Auch wir leben oft, aber längst nicht immer als Paare, sind zugleich eingebettet in Großfamilien und größere Gruppen und Gesellschaften", so Jäggi. Allerdings bedeute Paarleben bei unseren Vorgängern nicht, dass sie sexuell monogam waren oder gemeinsame Jungenaufzucht hatten.

"Es war wohl eher so, dass ein bestimmtes Weibchen und ein bestimmtes Männchen die meiste Zeit gemeinsam anzutreffen waren und ihr Streifgebiet und den Schlafplatz teilten, was ihnen Vorteile im Vergleich zu einer solitären Lebensweise brachte", erklärt Letztautor Carsten Schradin aus Straßburg. So konnten sie zum Beispiel Konkurrenten fernhalten oder sich gegenseitig wärmen. (red, 8.1.2024)