Stapel Hefte
Der Blick auf den Stapel: "Jeden Abend schlief ich unter dem Druck schwerer Schuldgefühle ein."
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Vor einiger Zeit fasste ich den Entschluss, meine Steuer jemandem zu übergeben. Ein Haufen Zettel, wenig Geld, aber viele Fragen. Also begab ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Steuerberater. Einigermaßen furchtsam wählte ich die Nummer einer mir empfohlenen Kanzlei, um einen Termin zu vereinbaren: Im Geiste sah ich mich schon vor dem Steuerberater in Tränen ausbrechen und alle meine Ersparnisse ihm und der Finanzverwaltung in den Rachen schütten, weil ich Ahnungslose so viele Fehler in meiner Buchhaltung hatte – nein, Buchhaltung war ein völlig falsches Wort, es handelte sich vielmehr um eine Zettelwirtschaft.

Kundenfreundliche Mitarbeiter

Die serviceorientierte Mitarbeiterin der Steuerberatungskanzlei am Telefon konnte – verständlicherweise! – mit meiner herausgepressten Erklärung dafür, einen Saustall in meiner Finanzverwaltung zu haben und mich nicht mehr auszukennen, nichts anfangen und leitete mich daher an ihren Chef weiter.

Ich weiß nicht, haben alle Leute, die mit Geld zu tun haben, die Angewohnheit, einen zwanghaft beim Namen zu nennen? Ich kenne das schon von meiner Bankberaterin, die mich immer mit "Frau Stammler, dies ... also, Frau Stammler, jenes ..." aus der Fassung bringt: Als müsste sie sich ständig rückversichern, dass sie meinen Namen noch im Kopf hätte. Oder gar, als wüsste ich nicht, mit wem sie spreche! Jedenfalls verfügte auch der Chef der Steuerberatungskanzlei über diese kommunikative Eigentümlichkeit, und so entspann sich ein Gespräch über meine buchhalterische Notsituation.

Chef der Steuerberatungskanzlei: Na, wie schau ma denn aus, Frau Stammler, hamma eine getrennte Kontoführung?
Ich: Äh, wie meinen Sie das?
Chef der Steuerberatungskanzlei:
Na, hamma a getrenntes Konto für die selbstständige Erwerbstätigkeit?
Ich: Äh, nein ...
Chef der Steuerberatungskanzlei: Aha ... na ja ... Und, Frau Stammler, hamma a ordentliche Buchhaltung?
Ich: Äh, wie meinen Sie das?
Chef der Steuerberatungskanzlei: Na, hamma a ordentliche Buchhaltung, Frau Stammler? Hamma Kontoauszüge mit zugeordneten Rechnungen zum Beispiel?
Ich: Na ja, so mittel ...
Chef der Steuerberatungskanzlei: Na, hamma des oder hamma des ned, Frau Stammler?

In dieser Tonart ging das Telefonat weiter, während ich zwischen Schüttelfrost und Schweißausbruch hin- und herpendelte. Dieser Steuerberater würde mich und meinen Saustall schimpfen, so viel war klar. Ich würde Strafe zahlen müssen dafür, dass er alle meine Zettel sortieren musste. Für meine "Belege" – Hofer-, Spar- und Billa-Rechnungen, auf denen neben Sauerrahm, Wein und Bio-Gurken aus Österreich immer jeweils nur ein Posten angestrichen war: Druckerpapier hier, Kuverts da, Schreibhefte dort. Inzwischen ging ich beim Telefonieren hektisch in meinem Arbeitszimmer auf und ab. Weil mein Arbeitszimmer auch mein Schlafzimmer ist, habe ich dort nicht viel Platz zum Auf- und Abgehen. Will ich mich bewegen, muss ich an einem Ganzkörperspiegel vorbei, der sich auch im selben Raum befindet, weil mein Arbeits- und Schlafzimmer klarerweise auch mein Ankleidezimmer ist.

Leises Weinen

Als ich an dem Spiegel vorbeikam, erschrak ich kurz: Mein Gesicht schaute mir blass und blutleer entgegen – bis auf die roten Flecken, von denen es auf einmal übersät war. Die roten Flecken zogen sich bis über den Hals ins Dekolleté hinab, wie ich mit Schrecken feststellen musste. Schweißperlen hatten sich zwischen Nase und Oberlippe gesammelt, und als ich versuchte, einmal kurz ruhig stehen zu bleiben, sah ich meine Knie schlottern. Währenddessen telefonierte ich weiter, versuchte gehorsam alle Fragen nach bestem Wissen zu beantworten und spürte, wie es mir dabei immer schlechter ging. Es war furchtbar. Ich war eine gebrochene Erscheinung. Den Tränen nahe, vereinbarte ich einen Termin bei dem Steuerberater für die kommende Woche. Er würde mir helfen. Es würde schmerzvoll werden, so viel war mir klar, aber danach würde es mir besser gehen. Ich war bereit, Buße zu tun.

Die nächsten Tage ließ ich meine Zettelwirtschaft liegen. Als Mahnmal. Ich wollte vorauseilend mit der Buße beginnen und zumindest versuchen, alles etwas zu ordnen, bevor ich es in geduckter Haltung und unter geflüsterten Entschuldigungen dem Steuerberater übergeben würde. Klarsichthüllen mit verschiedenen Rechnungen drin, ein Stapel Mappen mit allem, was nur im Entferntesten mit meiner Finanz und Steuer zu tun haben könnte – vorsichtshalber legte ich auch Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis und die ÖAMTC-Card dazu –, lagen da auf meinem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, das auch mein Schlafzimmer ist.

Schwere Schuldgefühle

Jeden Abend, als ich zu Bett ging, sah ich die Unterlagen dort liegen. Jeden Abend schlief ich unter dem leichten Druck schwerer Schuldgefühle ein. Ohne Hoffnung auf Besserung drehte ich mich jeden Abend auf die rechte Schulter, um den vorwurfsvollen Stapel nicht mehr im Blick zu haben. Der Schmerz im Rücken wurde von Tag zu Tag größer. So viel war klar: Niemand konnte von mir verlangen, unter solchen Schmerzen meine Unterlagen zu sortieren. Ich musste zuwarten. Mit Näherrücken des Termins wurde ich immer nervöser, die Rückenschmerzen wandelten sich von ziehend zu stechend. Zwischendurch weinte ich leise, wenn ich an den herannahenden Termin dachte.

In der Nacht vor dem Steuerberatertermin konnte ich vor lauter Schmerzen nicht schlafen. Um zwei Uhr beschloss ich, den Termin aus gesundheitlichen Gründen abzusagen, was ich in der Früh tat. Es schien mir das einzig Vernünftige. Ich würde mich erholen, meine Rückenschmerzen würden heilen, und dann würde ich meine Unterlagen sortieren können. Die serviceorientierte Mitarbeiterin der Kanzlei bot mir am Telefon sofort einen neuen Termin in der Woche darauf an. Ich bat sie, die übernächste Woche anzupeilen.

Bereits am selben Nachmittag waren meine Schmerzen wie weggeblasen. Ich nahm dies zum freudigen Anlass, sämtliche Papiere, Ordner und Klarsichthüllen auf meinem Schreibtisch fein säuberlich im rechten Winkel anzuordnen, aufeinanderzustapeln und vorerst neben meinem Schreibtisch auf dem Schubladenkästchen des Ankleidespiegels abzulegen. Meinen Schreibtisch würde ich in den nächsten zwei Wochen auch für andere Dinge brauchen, und die Unterlagen zu sortieren würde nicht zwei Wochen dauern – es war noch genug Zeit.

Hiobsbotschaft

Zwei Wochen später klingelte mein Telefon. Im ersten Augenblick konnte ich die Nummer nicht zuordnen, aber etwas tief in mir sagte, Unheil stünde bevor. Ich hob ab und hörte am anderen Ende die Stimme der serviceorientierten Mitarbeiterin der Steuerberatungskanzlei. Mein Termin sei seit fünf Minuten überfällig, wo ich bliebe? Mir brach der kalte Schweiß aus. Unmöglich konnte ich zugeben, dass ich den Termin vergessen hatte! Schnell erfand ich eine Geschichte über meinen Mann, der seinen Zug verpasst hätte, weshalb ich ihn unerwarteterweise hätte zur Arbeit fahren müssen. Ich log ihr vor, dass ich auf dem Weg sei und – was für ein Zufall – ihr gerade hätte Bescheid geben wollen ...

Was folgte, waren weitere Lügen und Vorwände, unter denen ich auch den zweiten Termin stornierte. Etwas in mir war sicher: Eine Beziehung – und sei es auch zu einem Steuerberater – auf Lügen aufzubauen war ein schlechtes Omen. Ich stand also wieder am Anfang. Ohne Zweifel, jemand musste mir helfen, das sagte auch mein Mann. Er war es schließlich, der mich eines Nachmittags mit einem Kaffeehausbesuch überraschte. Es wundert mich heute noch, dass ich so bereitwillig mitging, ich hätte Verdacht schöpfen müssen, zumindest der fehlende Stapel neben dem Schreibtisch hätte mir auffallen sollen. Was als Kaffeehausbesuch getarnt war, entpuppte sich nämlich als Termin bei einer neuen Steuerberaterin.

Wie ein Rind zur Schlachtbank

Als ich verstanden hatte, dass mein Mann mich hintergangen hatte, ließ ich mich, hilflos, wie ich war, wie ein resigniertes Rind zur Schlachtbank hinein in das Büro meiner neuen Steuerberaterin führen. Mein Mann öffnete die Tür, schob mich hinein, händigte der Steuerberaterin einen großen Sack aus, in dessen Innerem ich meine Unterlagen und Zettel vermutete. Die Frau nickte verständnisvoll, bedeutete ihm freundlich zu gehen, nahm mich sanft am Unterarm und drückte mich auf einen Sessel in ihrem Büro.

Ich liebe meine neue Steuerberaterin, so, wie man einen Geschirrspüler liebt, nachdem man in einem geschirrspülerlosen Haushalt jahrelang unwillig um Schmutzgeschirrstapel herumgeschlichen ist. Nein, es ist mehr: Ich liebe meine Steuerberaterin mehr als alle Haushaltsgeräte zusammen. Sie ist wie eine gütige Mutter zu mir. Sie fragt mich, ob ich diesen und jenen Nachweis hätte, und wenn ich verneine, spricht sie ein Machtwort: Macht nix. Wenn ich eine Frage nicht beantworten kann und mit angsterfüllten Augen zurückblicke, erklärt sie mir geduldig, was sie meint. Sie erinnert mich daran, die Rechnungen für meinen Handyanschluss aufzuheben, wie einen die Mutter ans Zähneputzen erinnert, zweimal täglich.

Sie gibt mir das Gefühl, dass meine Zettelstapel nach einem schlüssigen System sortiert sind, und wenn ich unsicher frage, ob sie sich mit allem auskenne, lächelt sie und antwortet freundlich: Natürlich, warum nicht? Auf die Frage, ob ich noch irgendetwas tun müsse, gibt sie mir entweder einen klaren Auftrag, den sie mir in diesem Moment zutraut, oder sie schüttelt nachsichtig den Kopf – und lässt mich raus in den Garten zum Spielen. (Magdalena Stammler, 10.2.2024)