Wer in Wien rudern möchte, macht sich auf an die Alte Donau – oder in einen Keller im ersten Bezirk. Eigentlich ist das hier, ein paar Schritte die Kellerstiege hinunter und hinter einer Brandschutztür, ein Schaulager der Kunstgalerie Suppan. Seit kurzem stehen sechs Ruderergometer bereit. Das Fitness-Start-up Row Inc ist vorübergehend eingezogen und bietet bei schummrigem Licht und wummernden Beats ein Workout, das wie eine Spinning-Klasse funktioniert – nur eben am Rudergerät.

Fitness, Rudern, Sport
Zuerst geht es darum, die richtige Bewegungsabfolge einzuüben. So hat sich das im Gym garantiert noch nie angefühlt.
Regine Hendrich

Die Herausforderung beginnt allerdings schon vor dem ersten Ruderschlag: Das kleine Studio im Keller ist gar nicht so leicht zu finden, Hinweisschilder gibt es keine. Franz R. Pasler, einer der Chefs, findet das gut: "Bevor wir ein shiny Studio eröffnen, machen wir ein Garagen-Start-up." Zwar hängt Kunst an den Wänden, den Charme des Kellers wird der langgezogene Raum dennoch nicht ganz los. Heizung? Fehlanzeige. Kein Problem, sagt der Trainer Lukas, der selbst seit 15 Jahren rudert und Beine wie Baumstämme hat: "Den Pullover haben noch alle ausgezogen."

Komplettes Auspowern

Gemeinsam mit dem Galeristen Sebastian Suppan und Michelle Murray vom Unternehmen Waterdrop hat Franz R. Pasler, der hauptberuflich in der Immobilienbranche tätig ist, das Ruder-Gym gegründet. Ein Jahr lang haben sie an der Idee für das Workout getüftelt, danach wochenlang mit Familie und Bekannten herumprobiert. Seit wenigen Wochen ist das Pop-up nun offiziell geöffnet, eine Einheit von 45 Minuten kostet derzeit 18 Euro.

Zwei bis drei Monate wird es in der Doblhoffgasse gastieren, bevor hier wieder die Kunst die Hauptrolle spielt. Die Suche nach einer dauerhaften Location, in der Platz für 16 Geräte ist, läuft noch, idealerweise ebenfalls im ersten Bezirk. "Es ist nicht leicht, etwas zu finden", sagt Pasler. Weil so ein Ruder-Workout nicht ganz leise über die Bühne geht, sei ein Standort in einem Wohnhaus schwierig. Und auch noble Geschäftsflächen brauche man nicht. Derzeit läuft mit sechs Geräten, die immer schon Tage im Voraus ausgebucht sind, jedenfalls noch eine Art Probebetrieb. Die meisten, die kommen, haben das Workout über Instagram gefunden. So auch ein junges Paar, das sich heute richtig auspowern will. Sie werden nicht enttäuscht werden.

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Für sechs Geräte ist derzeit Platz, eine Location für 16 wird gesucht.
Regine Hendrich

Aber der Reihe nach. Auf dem Display der sechs Rudergeräte stehen schon unsere Namen – und nicht nur die: Hier kann man auch sehen, mit welcher Schlagzahl pro Minute – also wie schnell – man gerade unterwegs ist und mit wie vielen Watt man sich abrackert, also wie viel Kraft man in das Ganze steckt.

All das ist für Anfängerinnen wenig aussagekräftig, allerdings kann das Schielen aufs Display der Nachbarin extrem motivierend wirken, wenn man selbst nicht mehr kann. Und dann steht rechts unten auf dem Display auch noch, wie lange das Workout noch dauert. 45 Minuten sind es, aber wir sind noch ganz am Anfang: "Versucht nicht draufzuschauen, wenn es hart wird", sagt unser Trainer Lukas. Er klingt, als wüsste er schon, dass uns das sicher nicht gelingen wird.

Nun gibt es noch eine kurze Einführung. Im Fitnessstudio sind wohl die meisten schon einmal auf einem Ruderergometer gesessen – im Unterschied dazu bewegt sich bei den Geräten hier aber nicht nur der Sitz auf der Schiene nach vorne und hinten, sondern auch das Flugrad, also der Teil, an dem man zieht. Damit, so die Theorie, ist das Rudern auf dem Trockenen der tatsächlichen Bewegung auf dem Wasser ähnlicher.

Schlag auf Schlagzahl

Der Trainer zeigt die Grundbewegung vor: Die Beine werden angezogen, die gestreckten Arme mit der Ruderstange wandern ganz nach vorne, dann stoßen wir uns mit den Beinen ab und lehnen uns zurück. Erst ganz zum Schluss ziehen wir die Ruderstange mit einem Ruck an den Oberkörper heran – so hat sich das im Gym garantiert noch nie angefühlt.

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Alle paar Minuten werden die Ruderergometer links liegengelassen: "Treffen wir uns auf der Matte."
Regine Hendrich

Relativ schnell wird klar: Rudern ist anstrengend. Dabei werden alle großen Muskelgruppen trainiert, gleichzeitig ist Rudern sehr gelenksschonend. Dass die Sportart jung hält, zeigten unlängst Medienberichte über einen 92-jährigen Iren, der erst mit 73 Jahren mit dem Sport anfing – und heute laut Wissenschaft die Fitness eines 40-Jährigen hat. Der Sport hat in den letzten Jahren durch Serien wie House of Cards und Lessons in Chemistry einen ordentlichen Hype erlebt. Zumindest in Hollywood ist es aber häufig ein elitärer und leicht angestaubter Sport, hauptsächlich für Männer. Bei Row Inc in Wien ist das Publikum hingegen großteils jung und weiblich – allerdings will man sich künftig auch an andere Zielgruppen, etwa ältere Menschen, richten.

Zurück ins Studio: "Versucht eine Schlagzahl von 22", sagt Trainer Lukas. 22 Schläge in der Minute also, dafür muss ich erst ein wenig schneller, dann wieder langsamer rudern. Danach probieren wir das Gleiche mit einer Schlagzahl von 26 und 30. Wir beugen uns vor, stoßen uns ab, lehnen uns zurück. Nun kommen die ersten Intervalle. Auf den Bildschirm hinter unserem Trainer läuft der Countdown mit. So viel steht fest: 20 Sekunden können sich ziemlich lang anfühlen.

Wir rudern so schnell wir können, dann werden wir wieder langsamer. Wenn wir alle rudern, entsteht im Raum ein lautes Rauschen, das man mit viel Fantasie als Rauschen des Wassers interpretieren könnte. Ein wenig Abkühlung wäre jetzt schön, der Pullover ist natürlich längst ausgezogen. Rudern mag eine gleichmäßige Bewegung sein. Fad ist es nicht.

Der Zielsprint

"Treffen wir uns auf der Matte", sagt Trainer Lukas jetzt. Eine Wegbeschreibung ist dafür aber nicht notwendig, die Matte liegt direkt neben unserem Rudergerät. Wir trainieren mit unserem Eigenkörpergewicht und machen Ausfallschritte und Kniebeugen. Unser nächster Treffpunkt: das Rudergerät. So geht es 45 Minuten lang hin und her. "Sehr, sehr gut", sagt Trainer Lukas.

Reportage: Ruder-Fitnessstudio, Rudern
An den Wänden gibt es neben Kunst auch Motivation.
Regine Hendrich

Wer schon einmal in einer Spinning-Klasse war, weiß: Am Schluss kommt ein Zielsprint. Beim Radeln ist es die fiktive Bergetappe, beim Rudern fühlt es sich an wie ein Kampf ums Überleben in der Gegenstromanlage, bis der Countdown am unteren Rand des Displays, auf den wir, äh, garantiert nie geschaut haben, null anzeigt. An die vier Kilometer waren es, in Wirklichkeit haben wir uns nicht einen Millimeter vom Fleck bewegt. Nur wer sagt es den Oberschenkeln? (Franziska Zoidl, 12.2.2024)