Trotz der Verankerung im Geschichtsunterricht zeigt eine Studie von 2018unter Wiener Schülernviele Wissenslücken zur NS-Zeit (Symbolbild).
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Der Terrorangriff der Hamas auf Israel sei "ein doppelter Schock" gewesen, sagt Gabriel Dreier. Nicht nur die blutige Eskalation des Nahostkonflikts beschäftigte den Pädagogen an jenem 7. Oktober, sondern auch die Auswirkungen auf sein Klassenzimmer. Der Englisch- und Geschichtslehrer wusste, er musste das Thema in seinen dritten Klassen der Mittelschule im zehnten Wiener Gemeindebezirk behandeln. Und auch fast fünf Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel bleibt das Thema in den Schulen aktuell. Nur wie? Wie bespricht man ein solches Massaker und seine Folgen mit Kindern und Jugendlichen?

Eines war Dreier bereits im Oktober klar: In einer klassischen Unterrichtsstunde funktioniere die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht. "Ich wollte ein Gespräch auf Augenhöhe. Mir war wichtig, nicht vorwurfsvoll oder belehrend zu sein, aber auf problematische Wortmeldungen dennoch mit aller nötigen Klarheit zu reagieren", betont Dreier. Auf Aussagen wie: "Das geschieht den Israelis recht" oder den Wunsch der Schülerinnen und Schüler, dass er sich als Lehrer zum Konflikt positioniert, sei er vorbereitet gewesen. Und als in den Wochen nach dem Angriff Israelflaggen von Masten gerissen und jüdische Friedhöfe beschmiert wurden, wurde auch das in Dreiers Klassen besprochen. Immer wieder hat er seither den Krieg in Nahost im Unterricht aufgegriffen.

Viele Wissenslücken 

In seiner Vorbereitung hatte der Pädagoge einen entscheidenden Vorteil. Dreimal reiste er als Begleiter des Hochschullehrgangs "Pädagogik an Gedächtnisorten" nach Israel und besuchte dort etwa die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und den sogenannten Ghettofighter-Kibbuz. Seit rund 20 Jahren wird der Lehrgang von der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Kooperation mit dem OeAD-Programm Erinnern.at für Lehrpersonen angeboten. Im Zentrum steht die Frage: Wie können Nationalsozialismus, Antisemitismus und der Holocaust in einem österreichischen Klassenzimmer unterrichtet werden?

Eigentlich sind diese Themen fix im Geschichtsunterricht verankert. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigte jedoch viele Wissenslücken über die NS-Zeit. Von den rund 1.200 Wiener Schülerinnen und Schülern aus berufsbildenden mittleren, höheren und polytechnischen Schulen, die daran teilnahmen, konnten 81 Prozent der befragten Jugendlichen beispielsweise gar keine oder nur eine falsche Definition von Antisemitismus nennen.

"Bei uns passiert viel aus Unwissenheit", sagt Dreier. Immer wieder mal gebe es auch an seiner Schule Hakenkreuzschmierereien auf der Schultoilette oder Diffamierungen von Jüdinnen oder Juden am Schulgang. Die starke Zunahme an antisemitischen Vorfällen nach der Eskalation in Nahost verunsichere viele Lehrkräfte.

Workshops aufgestockt

Das hat auch das Bildungsministerium auf den Plan gerufen. Schon seit dem Frühjahr 2022 werden Workshops zur Extremismusprävention abgehalten. Bis Dezember 2023 besuchten rund 67.750 Schülerinnen und Schüler einen der 3.050 kostenlosen Workshops. Wegen der hohen Nachfrage sei das Angebot laut Bildungsministerium Ende des Jahres aufgestockt worden. 2024 kommen 1.590 zusätzliche Workshops hinzu. Durch die externen Veranstaltungen würde das "klassische Schulsetting" gebrochen, weiß Dreier. Es entstehe eine andere Atmosphäre und Gesprächssituation.

Nur: "Auf Augenhöhe zu reagieren ist natürlich leicht gesagt, wenn man selber das Werkzeug dafür hat", sagt Dreier. Aber wie kann man Lehrenden die Sicherheit geben, mit Schülerinnen und Schülern über Krieg und Ausgrenzung zu sprechen?

Ausbildung und Fortbildung

Der türkis-grüne Entwurf zur Reform der Lehrerinnenausbildung, der voraussichtlich im Frühjahr beschlossen wird, verankert die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Ausbildung im Gesetz. Zumindest zukünftige Lehrpersonen werden also schon während ihres Studiums darauf vorbereitet.

Im Zuge des Nationalen Aktionsplans gegen Antisemitismus hat das Ministerium aber bereits 2022 in Kooperation mit dem OeAD ein Maßnahmenpaket zur "Prävention von Antisemitismus durch Bildung" geschnürt, das weitere Fortbildungen für Lehrkräfte aller Schularten und Unterrichtsgegenstände vorsieht.

Entstanden ist daraus etwa der Hochschullehrgang "Nationalsozialismus, Antisemitismus und Holocaust – Geschichte und Aktualität", den die PH Tirol gemeinsam mit Erinnern.at und der Wannsee-Konferenz-Gedenkstätte seit September 2023 erstmals anbietet. Im Fokus steht das Arbeiten mit regionalen Geschichten und außerschulischen Lernorten. "Wenn es um den Nationalsozialismus geht, müssen die Zahlen und Statistiken Gesichter bekommen", sagt der Erinnern.at-Mitarbeiter Christian Mathies.

Historischer Längsschnitt

Wie Antisemitismuskritik an NS-Gedenkstätten aussehen kann, lernen die Teilnehmenden bei einer Exkursion zum Haus der Wannseekonferenz in Berlin. Dort wurde am 20. Jänner 1942 in 90 Minuten die im NS-Jargon als "Endlösung der Judenfrage" bekannte Deportation und Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden in Europa beschlossen.

Für Mathies sei es wichtig, Antisemitismus und seine Funktionen in einem historischen Längsschnitt zu thematisieren. "Mit Schülerinnen und Schülern nur in Verbindung mit dem Nationalsozialismus über Antisemitismus zu sprechen, ist zu wenig", sagt der Pädagoge. Auch der aktuelle auf Israel bezogene Antisemitismus spiele eine bedeutende Rolle. Denn der Nahostkonflikt mache auch vor den Tiroler Klassenzimmern nicht halt.

Bislang richtet sich der Lehrgang speziell an Tiroler Lehrkräfte. Im Frühjahr wird der zweite Durchgang ausgeschrieben. Ob und wie "Pädagogik an Gedächtnisorten" – die Bewerbungsverfahren dafür sind bereits abgeschlossen – stattfindet, entscheidet sich in den nächsten Monaten. (Anna Wiesinger, 28.2.2024)