Ich bin ein Schneidersohn in dritter Generation. Mein Vater war Schneidermeister wie sein Vater vor ihm. In früheren Zeiten wäre ich ebenfalls Schneider geworden und hätte seine Werkstätte übernommen. Nur gab es auch damals schon, in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, das, was man neudeutsch Disruption nennt. Und so wurde die Sprache zum Stoff meiner Schneiderei.

Für die Generationen X, Y und Z, heute von Änderungsschneidereien umgeben, muss der Unterschied zur Maßschneiderei erklärt werden. Gute, modische Kleidung "für Herren" kam früher nicht aus den Flagshipstores der Modelabels, sondern vom Maßschneider. Exklusive Stoffkollektionen, individueller Schnitt und bessere handwerkliche Verarbeitung waren der klare Wettbewerbsvorteil gegenüber dem "Anzug von der Stange", der sogenannten Konfektionsware.

Schneiderpuppe mit Sakko, Stecknadeln und Maßband
In früheren Zeiten wäre unser Autor ebenfalls Schneider geworden und hätte den Familienbetrieb übernommen. Es kam aber anders.
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Ab- statt Aufschwung

Das hatte seinen Preis und begrenzte den Käuferkreis, der sich Maßarbeit leisten konnte, auf die gehobene Mittel- und Oberschicht. Bei Bedarf wurde dies gerne auch politisch ausgeschlachtet: Dem früheren Finanzminister und designierten Kronprinzen des Sonnenkanzlers Kreisky wurde im Erbfolgekampf vorgeworfen, 108 Maßanzüge im Kasten zu haben, was sich für einen SPÖ-Politiker offenbar nicht gehörte, wenn er nicht Kreisky hieß.

Das Paradoxon der Maßschneiderei besteht darin, dass es in einer Zeit wachsenden Wohlstands einer breiten Mittelschicht, die sich vermehrt Maßkleidung hätte leisten können, zum Abschwung und Ende der Schneiderkarriere kam. Was für die Disruption sorgte: Italienische Stofferzeuger bespielten selbst die ganze Wertschöpfungskette bis zum fertigen Kleidungsstück, Maßschneider erhielten neue Stoffdesigns erst lange nachdem sie als Konfektion bereits auf den Markt gekommen waren.

Der Siegeszug der Bluejeans, aus Schneidersicht in minderer Verarbeitung gefertigt (gröbster Stoff! sichtbare Nähte!), war der Tod der Bügelfalte. Modelabels wurden wichtiger als Verarbeitungsqualität, da ohnehin Neues gekauft wurde, ehe das Alte ausgetragen war. Und wer braucht einen Maßschneider, wenn zu eng und zu kurz geschnittene, faltenwerfende Slim-Fit-Sakkos hip sind?

Neue Technologien

Seit ich als Zeitzeuge den Aufstieg und Abstieg eines Berufs unmittelbar beobachten konnte, begegnet mir dieser Zyklus in vielen Variationen. Es scheint unvermeidlich, dass persönliche Karrieren ebenso wie Unternehmen solche Phasen durchlaufen: ein möglicherweise langsamer Anfang und früher Erfolg, ein glänzender Aufstieg bis zu einem Plateau, ein langsamer Sinkflug oder, im schlimmsten Fall, ein rasches Ende.

Zwei Männer stehen vor dem Familienbetrieb mit dem Schild
In einer Zeit wachsenden Wohlstands einer breiten Mittelschicht, die sich vermehrt Maßkleidung hätte leisten können, kam es zum Abschwung und damit Ende der Schneiderkarriere.
Spudich

Häufig verursachen neue Technologien solche Änderungen des Karriereverlaufs, wie beim einst angesehenen Beruf des Schriftsetzers – ein frühes Opfer der Digitalisierung im Medienbereich. Viele wechselten notgedrungen in andere Berufe, ein Teil der Setzer wurde zu Produzenten und Layoutern in Printmedien. Bis aufgrund des weiteren Fortschritts der Digitalisierung ein Großteil dieser Arbeit von Journalistinnen und Journalisten übernommen wurde, nicht immer freiwillig oder mit Begeisterung. Im Radio und beim Fernsehen wird die Arbeit von Tontechnikern, Kameraleuten und Cuttern zunehmend zu Redakteurinnen und Redakteuren verlagert. Internet und Onlinemedien drehten und drehen an dieser Schraube kräftig weiter, während wir den Einsatz und die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz noch gar nicht abschätzen können.

Bankangestellte war vor einiger Zeit noch eine gute Karriereoption. Nun bieten Banken naturgemäß weiterhin interessante und vielfältige Berufsfelder, vom Banking und Marketing bis zum Risikomanagement. Aber der Bedarf und das Angebot an menschlicher Betreuung in den Filialen sinken, während diese zunehmend zu Selbstbedienungs-Maschinenparks werden. An der einen Maschine ziehen die Anhänger von Bargeld ein paar Scheine heraus, während Gewerbetreibende an der Nebenmaschine Münzen und Scheine in Buchungszeilen auf ihrem Konto verwandeln. Fern von jeder Filiale, dafür ganz nahe am Kunden sorgen Plastikkarten und Apps für das Bankgeschäft. Wer nicht genug Geld auf der hohen Kante hat, um mit "Private Banking" umsorgt zu werden, wird immer seltener direkten Kontakt mit Bankmenschen haben.

KI als Karrierekiller

Die häufig empfohlene Lösung, um technologischen Disruptionen in der Karriere zu begegnen, sind IT-Berufe, quasi die zukunftssichere Version des Maßschneiders. Es klingt einleuchtend, eine Art Opfer-Täter-Umkehr: Wer in Gefahr ist, den angestrebten oder ausgeübten Job an eine App oder eine smarte Maschine zu verlieren, wird am besten selbst zur Programmiererin oder Maschinenbauerin.

Das klingt plausibel, denn die Digitalisierung braucht Fachkräfte, die sie vorantreiben. Die jüngste Version dieses Denkens ist der "Prompt Engineer" für ChatGPT: "Mit Prompt Engineering ist nun ein Beruf entstanden, der mit Blick auf die rasante Weiterentwicklung von generativer künstlicher Intelligenz nicht nur wichtig, sondern auch zukunftstauglich scheint", begeistert sich das Marketingportal Hubspot. Beachten Sie das Kleingedruckte dieser beruflichen IT-Strategie: Auch an IT und der Entwicklung smarter Gadgets gehen Effizienzgewinne durch Digitalisierung nicht vorbei. Gerade KI wird über kurz oder lang zum Karrierekiller für Coder und andere Berufe im digitalen Maschinenraum werden.

Plan B und C

Aber nicht nur technologische Innovationen sorgen dafür, dass durchaus begehrte Berufe über die langen Jahre eines Berufslebens ein Downgrading erfahren. Mein Augenarzt motivierte mich als Kind zum lästigen Brillentragen durch seine Mahnung, dass ich bei nicht korrigierter Fehlsichtigkeit eines Tages nicht Pilot werden könne.

Für Jahrzehnte war Pilot zu sein eine überaus lohnende Karriere. Gehaltsmäßig hat jedoch die Schwerkraft Piloten und Pilotinnen längst wieder auf den Boden durchschnittlicher Einkommenserwartungen zurückgeholt: Für die Verflachung der Gehaltskurve in den letzten Jahrzehnten sorgte der große Andrang potenziellen Nachwuchses. Ein Schicksal, das Piloten mit anderen Berufen teilen, die große Anziehung auf junge Leute ausüben, wie etwa der Journalismus.

Von Piloten kann man lernen, dass zu ihren wichtigsten Vorbereitungen für den Flug zu einem fernen Ziel die Planung der möglichen Ausweichflughäfen gehört, wenn zum Beispiel das Wetter eine Landung am Zielflughafen vereitelt. Zur Planung der Ausweichflughäfen gehört auch die Planung weiterer Ausweichflughäfen, schließlich kann es auch beim Ausweichziel Probleme geben.

Nur die Veränderung ist konstant

Daraus lässt sich eine schöne Metapher für die Karriere ableiten: Auch wenn man ein klares Karriereziel vor Augen hat, gehört die Vorbereitung auf die Eventualitäten eines beruflichen Langstreckenflugs zum Flugplan. Nur wenige Berufe – sagen wir zum Beispiel: Ärztinnen und Ärzte – werden über die Dauer von 30 oder 40 Berufsjahren verlässlich gebraucht werden.

Die allermeisten werden über kurz oder lang das Schicksal der Schneiderei erfahren: den (langsamen) Bedeutungsverlust ihrer Tätigkeit. Gegen dieses Downgrading gibt es unterschiedliche Ausweichstrategien. Um bei den Maßschneidern zu bleiben: Viele Jüngere wechselten den Beruf, andere gingen in den Modehandel. Einige wenige gut Etablierte wurden zu Promi-Schneidern, die in einem gehobenen Marktsegment überleben konnten. Wer hingegen heute noch schneidern will, geht in die Modeschule oder auf die Angewandte statt in eine Schneiderlehre und wird Fashion-Designerin. Hoffentlich gehört dort auch "Prompt Engineering" zum Ausbildungsplan. (Helmut Spudich, 22.2.2024)