Wenn sich sein Sohn aus dem Starthaus schiebt, würde Guido Heuber am liebsten die Piste verlassen und in die Skihütte stapfen. Weil er "Schiss" hat, sagt er. Kurz vor einem Skirennen ist er noch nahe dran an seinem Theo, stellt ihn zum Aufwärmen vor koordinative Aufgaben: Theo soll Handschuhe fangen oder Skistöcke, manchmal gibt es eine kleine Schneeballschlacht. "Ich will, dass er lacht. Das ist meine Aufgabe", sagt Heuber. Aber zwei Minuten vor dem Start zieht er sich zurück. Theo rutscht alleine zum Lichtschranken beim Start, geht vielleicht noch einmal den besichtigten Kurs im Kopf durch. Und der Papa schaut lieber weg. "Es macht mich psychologisch fertig. Wir kennen ja die lange Verletztenliste."

In der laufenden Saison im Skiweltcup haben sich zahlreiche Stars schwer verletzt. Petra Vlhova, Aleksander Aamodt Kilde, Sofia Goggia, Nina Ortlieb, Corinne Suter und Marco Schwarz mussten die Saison beenden, Mikaela Shiffrin wird wohl erst im März wieder Rennen bestreiten. Wöchentlich werden neue Ausfälle bekannt, steht von aufgeschlitzten Waden und zerfetzten Knien zu lesen.

Entmutigt das Kinder und Jugendliche im Skisport – und deren Eltern? Was treibt sie an?

Zwischen Spaß und Plage

Heuber ist mit seinen Sorgen freilich nicht alleine. Olympiasiegerin Anita Wachter hat gemischte Gefühle, wenn sie ihre beiden Töchter Amanda (22) und Angelina (19) zu Rennen begleitet. Sie besichtigt mit ihnen den Rennkurs, zieht sich im Startbereich aber ganz zurück, irgendwo ins Abseits, sagt sie: "Natürlich habe ich als Mama Angst, Respekt. Ich hoffe jedes Mal, dass alles gutgeht." Wachter bekommt nur grob mit, wann ihre Töchter ins Rennen gehen. Sie schätzt ab, wann sie an der Reihe sind, und fährt in den Zielbereich, wenn sie sie dort schon vermutet.

Die Vorarlbergerin verbrachte wie ihr Ehemann Rainer Salzgeber viele Jahre im Weltcup, nach der aktiven Karriere brachten sie den Kindern das Skifahren bei. Angelina und Amanda fanden Gefallen, traten einem Skiklub bei. "Ich fördere die Skikarriere nicht, unterstütze sie aber bei allem, was sie machen möchten. Ich sehe mich nicht als ihre Trainerin, mehr als gute Freundin", sagt Wachter. "Sie sollen einfach Spaß haben. Wenn der fehlt, wird es zur Plage."

Bei Amanda dauerte die Plage knapp zwei Jahre. Die Zeiten und Ergebnisse bei Rennen waren schlecht, ohne dass sie wusste, warum. Ihr Immunsystem war geschwächt. Vor einer Abfahrt in Zauchensee war sie völlig entkräftet, griff zum Telefon und rief die Mutter an: "Mama, ich habe Angst." Anita Wachters Rat: "Pack dich zusammen, ab nach Hause." Es dauerte lang, brauchte mehrere Untersuchungen, bis die Diagnose feststand: Long Covid. Amanda bekam auch das Pfeiffersche Drüsenfieber und Borreliose, durfte bis vergangenen August lediglich spazieren gehen. Inzwischen hat sie Energie und Spaß am Skifahren wieder gefunden und geht in Fis- und Europacuprennen an den Start.

Anita Wachter fuhr Anfang Februar bei einem Legendenrennen in Saalbach mit einer Hoffnung des örtlichen Skiklubs. Ihre Töchter Amanda und Angelina begleitet sie gelegentlich zu Renneinsätzen.
APA/EXPA/JOHANN GRODER

Die familiäre Basis

So weit ist Theo (12) noch nicht. Guido Heuber trainiert seinen Adoptivsohn, er war selbst einmal im deutschen Nationalteam der Ski-Freestyler, heute kommentiert er Weltcuprennen für Eurosport. Heuber wundert sich über manche Eltern, auf die er bei Theos Nachwuchsrennen trifft. Etwa, wenn sie mit fünf Paar Rennskiern anreisen und dem Kind vor den Rennen Druck machen. "Oft denkt man, der Einzige, der hier Ski fahren will, ist der Papa", sagt Heuber. "Der nicht erreichte Erfolg des Elternteils muss da nachgeholt werden."

Heuber hat mehr als 30 Jahre lang den Skiweltcup begleitet und ein Muster erkannt: Die meisten Stars der Szene verbrachten viel Zeit mit ihren Eltern – im Auto auf dem Weg zu Skirennen oder bei unzähligen Gondelfahrten. Shiffrin wird bis heute von Mutter Eileen begleitet, Henrik Kristoffersen von Vater Lars trainiert. Heubers These: Wenn ein Kind mit acht Jahren im Skiklub abgestellt wird und die Eltern daheimbleiben, kommt es nicht über den Europacup hinaus. "Und wenn, ist es schnell schwer verletzt." Ein hoher Anteil an Kindern sei chancenlos, weil die familiäre Basis nicht stimme.

Schule der Champions

Im Rahmen von Juniorenrennen fahren die Kinder gemeinsam mit der Gondel zum Start, sprechen über das Material oder Tiktok-Trends, die Kurssetzung oder die Serie School Of Champions, in der in über acht Folgen das harte Leben von Jugendlichen in einer Skiakademie nachgezeichnet wird — samt Leistungsdruck, Übertraining und übergriffigen Trainern.

Theodor Heuber fährt für den Skiklub Saalbach-Hinterglemm.
Heuber

Bevor Theo vielleicht daran denkt, an eine Skiakademie zu gehen, wird er vor allem vom Vater trainiert. Heuber setzt dabei auf den Spaßfaktor. Maximal fünf Rennen soll Theo pro Winter fahren, mehr braucht es nicht, findet Heuber. Ein Renntag sei ein verlorener Skitag. Der Vater lernt dabei, ob es sinnvoll ist, weiter mit dem Kind an einer möglichen Profikarriere zu arbeiten. Und der Sohn erkennt, wie sich die Konkurrenten körperlich weiterentwickeln, was er investieren müsste, um Rennen zu gewinnen.

Entscheidungshilfen

"Bis 14 Jahre sind Rennen nur Standortbestimmungen", findet Heuber. Danach würde sich zudem entscheiden, ob das Kind den Willen für eine Profikarriere entwickelt oder doch lieber am Wochenende feiern geht. Heuber vertritt außerdem die Meinung, eine wettkampfmäßige Skikarriere sei maximal für zehn Jahre möglich. Seine Rechnung: "Wenn du damit im Alter von sechs Jahren beginnst, bist du mit 16 am Ende."

Guido Heuber kommentiert für Eurosport Ski-Weltcuprennen und geht mit seinem Sohn Theo häufig und gern Skifahren.
Nadine Rupp

Die schweren Verletzungen wie etwa die tiefe Fleischwunde, die sich Aleksander Aamodt Kilde in der Abfahrt von Wengen zuzog und von der er eindrucksvolle Bilder auf seinem Instagram-Account veröffentlichte, bespricht Heuber mit seinem Sohn. "Er hat sich noch nie verletzt. Mir ist wichtig, dass er sich damit auseinandersetzt. Sonst passiert etwas, und er ist überrascht, dass man das nicht reparieren kann."

Bei allen Sorgen überwiegt für Heuber die familiäre Verbundenheit am Berg, "mit der schönsten Natur, die es gibt". Auf dem Gipfel, vor der ersten Abfahrt eines Skitags, sage er sich: "Da gehören wir her."

Was macht das Skifahren für Wachter aus? "Wenn ich einen lässigen Schwung fahre", sagt sie, "ist das ein Glücksgefühl. Dann könnte ich die ganze Welt umarmen." (Lukas Zahrer, 22.2.2024)