Ein humanoider, großer Grauer Roboter mit Bildschirm am Bauch der eine Einladung zum Casting anzeigt
Ein KI-gesteuerter Roboter lädt die "Lehrlinge von morgen" zum Casting ein.
Walter Skokanitsch, WKW

Freitagvormittag, Tag drei beim "größten Lehrlingsevent im Shoppingcenter" im Westfield Donau Zentrum im 22. Wiener Gemeindebezirk. Gleich nach Eröffnung füllt sich das im Pop-up-Stil gebaute Eventareal mit mehreren Schulklassen, die von den "Zukunftscoaches" der Wirtschaftskammer Wien (WKW) freundlich in Empfang genommen werden. Die meisten dieser Coaches sind Lehrlinge aus technischen Berufen und sollen die Jugendlichen auf Augenhöhe abholen.

Rundherum wird eifrig gehämmert, gelötet oder geschliffen, anderswo werden mit viel Fingerspitzengefühl Greifarme gesteuert oder Elektromotoren gewickelt. Ein großer, KI-gesteuerter Roboter überragt die Menge und wirkt auf den ersten Blick etwas unheimlich. Aber dann beginnt er zu tanzen und ahmt die soeben von den Jugendlichen vorgetanzten Choreografien nach – und sorgt für Erheiterung und Staunen, auch bei den anwesenden Erwachsenen.

Anschauen, Anpacken, Andocken

Die Schülerinnen und Schüler haben sichtlich Spaß am Anpacken, Ausprobieren und Anfassen, gelangweilte Gesichter sucht man vergeblich. Die Jugendlichen stehen in großen Trauben um die verschiedenen Praxisstationen und lauschen den Ausführungen der "Zukunftscoaches". Oder sie bereiten mit der Schleifmaschine ein kleines Souvenirauto für die Lackierung vor. Auffallend viele junge Frauen tragen blaue Overalls. Es wirkt so, als wolle man den Eindruck erwecken, dass Mechatronik, Fahrzeugtechnik und Metalltechnik längst nicht mehr nur Männer interessiert.

Worum es bei dem Event geht? Man will talentierten, technikaffinen Jugendlichen den perfekten Lehrplatz vermitteln, erklärt Maria Smodics-Neumann, Spartenobfrau der Sparte Gewerbe und Handwerk der WKW. Und wie kommt man vom Event im Donauzentrum zu einer Lehrstelle? Jugendliche, die Interesse an einer Sparte haben, können im nächsten Schritt bei einem von der WKW organsierten Casting ihr Geschick unter Beweis stellen – und dann gleich bei den Betrieben andocken und einen Lehrplatz ergattern.

Nachhaltigkeit zieht

Die Betriebe stehen vor großen Herausforderungen, Personal zu finden. Selbst Lehrlinge auszubilden ist ein wichtiger Weg aus dem Mangel, erklärt der Innungsmeister der Wiener Mechatroniker Peter Merten. Ein großer Faktor sei auch der Wertewandel in der jungen Generation: Wer nicht nachhaltig ist, ist nicht "cool" – und findet schwerer Lehrlinge. Die Jugendlichen haben mit der Wahl ihrer Lehrstelle großen Einfluss darauf, wie sich Betriebe am Markt positionieren. Denen ist das offenbar bewusst: "Reparieren statt wegwerfen" sei das Motto, erklärt man beinahe euphorisch an fast allen Praxisstationen.

Eine junge Frau befestigt ein Rad an einer PKW-Achse
Lehrlinge bauen vor Ort ein Auto zusammen.
Walter Skokanitsch Fotografie

Das kann auch Schulungsleiter René vom Klebespezialisten Innotec bestätigen: "Die Jungen bringen das in die Betriebe." Bei ihm lernen sie, anstatt Bauteile auszutauschen, diese mit modernen Klebstoffen zu reparieren – und erzählen dann begeistert dem Chef davon. Die nächste Station betreut Kfz-Techniker Niki. Lange habe er Spenglerarbeiten ausgelagert, sagt er. Dann spülte ihm der Titok-Algorithmus eine junge Amerikanerin zu, die vorzeigt, wie "smart repair" geht: "Dellendrücken auf höchstem Niveau" begeistert in den sozialen Medien nicht nur technikaffine Jugendliche, sondern auch echte Meister wie ihn. Jetzt macht er fast alles selber, sagt Niki. Sein Betrieb spart sich dadurch zehntausend Euro und mehr pro Jahr.

Werben um Lehrlinge

Die Branche muss mehr Lehrlinge ausbilden, um über genug gut ausgebildetes Fachpersonal zu verfügen, wie der Innungsmeister der Fahrzeugtechnik Georg Ringseis erklärt. Der Beruf Fahrzeugtechnik soll heute alle ansprechen können. Frauen seien in technischen Berufen auf dem Vormarsch – und oft genauer und präziser als ihre männlichen Altersgenossen, erzählt man dem STANDARD. Dass die Technikbranche die Personallücken mit einem immer noch niedrigen Anteil an weiblichen Lehrlingen tatsächlich nicht schließen können wird, zeigt sich auch daran, dass die Erzählung von "Frauen in der Technik" hier sehr plakativ gespielt wird.

So bauen bei einer Station ausschließlich weibliche Lehrlinge ein Fahrzeug von Grund auf zusammen. Junge Frauen in blauen Overalls, die bohren, schrauben, hämmern und jungen Männern erklären, wie man Räder auf Achsen montiert – so will man es darstellen, auch wenn es noch nicht ganz der Realität entspricht. Dass alte Rollenklischees sich schneller verabschieden, sei aber eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, sagt Sonja Reumüller, Geschäftsführerin bei Tewa-Motoren und Innungsmeister-Stellvertreterin der Mechatroniker.

Zu Hause habe sie bereits als Kind den Schraubenzieher in die Hand gedrückt bekommen. Wäre das überall so, würden viel mehr Frauen den Weg in technische Berufen finden, sagt sie. Keineswegs wären Frauen weniger talentiert für Handwerk oder hätten weniger technisches Verständnis. An der Praxisstation zeigt sie den Jugendlichen, wie man Elektromotoren baut und repariert. Denn reparieren kann man als Mechatronikerin viel – und dabei viel Geld sparen und Ressourcen schonen.

Positive Entwicklung

Die Technikbranche ist in Bewegung und will sich gegenüber potenziellen Lehrlingen ökologisch, dynamisch und am Puls der Zeit geben. Die Zahlen würden auch zeigen, dass die Imagearbeit greift, sagt Spartenobfrau Smodics-Neumann. Die Wirtschaft brauche Fachkräfte, umso erfreulicher sei der Aufwärtstrend in der Lehre. Ende Jänner bildeten die Wiener Betriebe über 14.000 Lehrlinge aus, im Jahresabstand ist das ein Anstieg von rund vier Prozent.

Ein kleiner vierbeiniger Roboter wird von einer Gruppe Menschen begeistert betrachtet
Ein robotischer Vierbeiner soll Jugendliche für Technik begeistern.
Walter Skokanitsch Fotografie

Als wir den Event schon verlassen wollen, huscht plötzlich ein flinker Roboterhund daher und ermuntert, noch ein wenig zu bleiben. Ganz wie ein echter Vierbeiner sorgt er bei den jungen Leuten für Begeisterung. Für den STANDARD war das größte Highlight bei dem Event der Virtual-Reality-basierte Schweißbrennersimulator. Für den Highscore am Simulator hat es am Ende nicht gereicht, aber ein großer Spaß war es allemal. (Paul Sajovitz, 26.2.2024)