Hinter dieser Tür einer Wohnung in Wien-Ottakring dürften sich zuletzt schaurige Szenen abgespielt haben.
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Um eine eiserne Tür in Wien-Ottakring rankt sich derzeit ein großes Rätsel. Ursprünglich wollten Wiener Polizisten am Mittwochnachmittag eine Wohnung wegen mutmaßlich illegaler Drogengeschäfte filzen. Wie sich zeigte, waren die Ermittler dabei auch auf der richtigen Spur. Doch bei der Razzia stießen die Drogenfahnder nicht auf nur eine Marihuana-Aufzuchtanlage, sondern auch auf eine männliche Leiche.

Leichenfund in Wien-Ottakring - Stiche laut Obduktion Todesursache.
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Die Identität des Opfers ist unklar. Die Obduktion ergab nun, dass der Mann offenbar durch Stichverletzungen getötet wurde. "Aufgrund der Umstände, vor allem aufgrund der Verletzungen des Opfers, besteht der Verdacht, dass es sich um einen Fall der organisierten Kriminalität handeln könnte", teilt die Wiener Polizei am Freitagvormittag noch recht kryptisch mit. Mit Details hielten sich die Beamtinnen und Beamten zurück.

So gab es dementsprechend keine offizielle Bestätigung für Informationen aus der "Kronen Zeitung", wonach die Leiche in einer Duschwanne im Nebenraum der Marihuanaplantage gefunden wurde und neben dem Leichnam eine Art Folterstuhl gestanden sei. Das Boulevardblatt berichtete über eine regelrechte Hinrichtung, die ein anonym gehaltener Ermittler in der Zeitung dem "Stil der Balkanmafia" zuordnet.

Drogencapo "Dexter" und der Fleischwolf

Erst Ende vergangenen Jahres wurde ein Drogencapo am Wiener Straflandesgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der 35-jährige Serbe, der sich selbst den Namen des US-Serienkillers "Dexter" verpasst hatte, soll einen äußerst schaurigen Drogenclan angeführt haben, der für den Schmuggel und Verkauf von hunderten Kilogramm Heroin, Kokain und Marihuana verantwortlich gewesen sein dürfte – unter anderem in Österreich. "Dexter" selbst leugnete das stets vor Gericht. Doch der Serbe hatte ein großes Problem.

"Dexters" Umfeld verwendete sogenannte "Anom"-Handys, die von der US-Bundespolizei FBI gezielt in die organisierte Kriminalität geschleust und parallel durchleuchtet wurden. Und ebenso den Krypto-Messenger-Dienst Sky ECC. Europäische Sicherheitsbehörden, darunter das österreichische Bundeskriminalamt, bekamen Zugriff auf die immensen Datensätze sowie Chats und stießen im Zuge der "Arbeitsgruppe Achilles" im Juli 2021 schließlich auf "Dexter" und dessen Umkreis. Der angebliche Clan hatte es offenbar in sich.

Nahe Belgrad fanden Ermittler nämlich eine Art Folterkeller samt Fleischwolf, auf dem sich die DNA gleich von zahlreichen Personen befunden haben soll. Das berichtete der "Kurier".

Per Chaterflug nach Thailand

Aber die Ermittlungen um "Dexter" haben noch einen Seitenstrang, der schon in seiner Entstehung recht aufwendig war. Ein 30-jährige Serbe aus dessen Umfeld wird verdächtigt, 193 Kilogramm Kokain, 87,5 Kilogramm Heroin und 50 Kilogramm Streckmittel nach Österreich geschmuggelt zu haben. Die Drogen sollen über "Dexter" und Co überwiegend in Wien verkauft worden sein. Kolportierter Erlös: mehr als 1,8 Millionen Euro. Darauf deuten zumindest zig Chats samt konkreter Übergabeadressen hin, die dem STANDARD vorliegen.

Doch der Serbe hatte sich zwischenzeitlich nach Thailand abgesetzt und geriet dort wegen eines internationalen Haftbefehls in Auslieferungshaft. Ein vierköpfiges Exekutivteam aus Österreich sollte den Verdächtigen im vergangenen Sommer schließlich per Charterflug aus Bangkok nach Wien überstellen. Die thailändischen Beamten übergaben den Serben am Rollfeld mit Fixierungen am ganzen Körper, Kopfschutz und OP-Maske.

Wohl nicht ohne Grund: Eine erste versuchte Auslieferung musste nämlich abgebrochen werden. Der Serbe wollte sich im Verbindungsgang zum Flugzeug mit Kopfstößen auf den Boden selbst verletzen. Man müsse ihn töten, um ihn in ein Flugzeug nach Österreich zu bringen, soll er gesagt und gesundheitliche Probleme vorgetäuscht haben. Die besagten Chats, die ihn belasten, seien nicht von ihm. Österreich sei korrupt. Eine Kopie der Auslieferungsentscheidung ließ er sich zunächst aushändigen, ehe er sie ungelesen vor den Beamten in Stücke riss.

Letztendlich landete der Serbe aber doch noch in Wien. Am 12. März muss sich der 30-Jährige am Straflandesgericht wegen mutmaßlicher Suchtmittelkriminalität verantworten. (Jan Michael Marchart, 23.2.2024)