Und nun zu etwas komplett anderem: Das Wienerische wird immer weniger. Also einerseits die spezielle Klangfarbe des Wiener Dialekts, wie sie Gerhard Rühm 1959 in seinen Lautgedichten im Wiener Dialektidiom in konkreter Poesie dargestellt hat:

Schdade muazzn
muade schdazzn
mau
maude schdaudn
schdaude mazz
(aus: Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Gerhard Rühm: hosn rosn baa).

Oder die Wortschöpfungen wie "Schneebrunzer", laut Robert Sedlaczeks Das große Wörterbuch des Wienerischen (Michael-Wagner-Verlag)ein "heruntergekommener Mann, ein altersschwacher, impotenter Mann oder ein vertrottelter Greis".

Mundl Sackbauer und seine Fernsehfamilie
Auch legendär wienerisch: Mundl Sackbauer und seine Fernsehfamilie.
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Beides hört man noch auf den Straßen und in den "Tschocherln" (kleinen, billigen Gasthäusern), aber immer seltener (auch die Tschocherln sterben aus). Die Ursachen sind bekannt: In einer Stadt, deren Bewohner zu etwa 45 Prozent "Migrationshintergrund" haben, ist das "alte" Wienerisch, wenn überhaupt, nur in geringem Ausmaß übernommen worden. Dafür gibt es aber das Zuwanderer-Wienerisch als eigenes Idiom ("gemma Lugner"), aber das ist ein anderes Thema und oft nach Herkunft unterschiedlich (die größte Gruppe mit Migrationshintergrund in Wien sind die Serben, gefolgt von den Türken; Definition von "Migrationshintergrund" laut Statistik Austria: "entweder selbst oder die Eltern im Ausland geboren").

Außerdem: Unter jungen Menschen hat sich ein Idiom herausgebildet, das man ursprünglich als "RTL-Deutsch" bezeichnen konnte, also ein durch den Konsum von deutschen Privatsendern angelerntes "Piefke-Deutsch". In letzter Zeit tritt das artverwandte "Tiktok-Deutsch" dazu.

"Strawanzer" und "Strotter"

Was bleibt anderes übrig, als auf (Wiener-)Lieder, Theaterstücke und Bücher zu verweisen, die das Wienerische noch hochhalten? Da lautet etwa ein Kapitel in dem Band von Michael Horowitz Wiener Originale. Prägende Persönlichkeiten einer Stadt (Ueberreuter) "Strizzis, Strotter und Strawanzer" (es geht um den Feuilletonisten Vinzenz Chiavacci, den Erfinder der "Frau Sopherl" und des "Herrn von Adabei"). Rasch nachgeschlagen in Sedlaczeks ultimativem Wienerischen Wörterbuch: "Strizzi" ist ein "Zuhälter, kleiner Gauner" (Etymologie umstritten); es gibt aber auch den "Glacé-Strizzi", das ist ein feiner, mit Glacé-Handschuhen ausgestatteter Flaneur. Der wiederum hat seinen Gegenpol im "Strawanzer", einem herumziehenden Nichtstuer, und dem "Strotter", ursprünglich ein Wegelagerer, dann ein Vagabund oder jemand, der in Abfällen oder im Kanal nach Verwertbarem sucht.

Horowitz liefert in seinen liebevollen Porträts von der "Fiakermilli" über Josef Bratfisch bis zu Susanne Widl, Kurt Ostbahn, Leopold und Josefine Hawelka insgesamt 200 Wiener Vignetten. Wer einige davon kennt oder gekannt hat, kann voll Überzeugung sagen: "Ja, so warn s’!"

Sedlaczek hat sich eine Riesenarbeit (mit über 10.000 Stichwörtern und zahlreichen Belegstellen) angetan, aber es war eine Art Familienleistung: "Ich hatte das Glück, dass ich von meinem Vater das Wienerische schon als Kind mitbekam. Da die Familie meiner Mutter aus Böhmen stammt, gelangten tschechische Leitwörter wie ,Fatzku‘ (Ohrfeige, siehe "Fotzen", Anm.) in meinen Wortschatz. Meine in Zagreb geborene Frau Melita konnte mir durch die Kenntnis mehrerer slawischer Sprachen hilfreich zur Seite stehen. Meine Tochter Roberta brachte ihre Kenntnisse des modernen Wienerisch ein." Eine klassische Wiener Mischung. (Hans Rauscher, 24.2.2024)