Edi (Isabella Händler), Nina (Victoria Nikolaevskaja), Tatjana (Nicola Schößler) und Lena (Jaschka Lämmert) (von links nach rechts) als unentwirrbares Knäuel von Gegenwart und Vergangenheit.
Edi (Isabella Händler), Nina (Victoria Nikolaevskaja), Tatjana (Nicola Schößler) und Lena (Jaschka Lämmert) (von links nach rechts) als unentwirrbares Knäuel von Gegenwart und Vergangenheit.
Matthias Heschl

Lena und Tatjana sind Freundinnen. Keine, die über Spielplätze tollten oder Tratsch im Mädchenklo austauschten. Ihre Freundschaft speist sich nicht aus gemeinsamer Vergangenheit, doch eint sie etwas mit Bestand: die Herkunft. Beide verließen die Sowjetunion zu einer Zeit, als sich diese unter Michail Gorbatschows Perestroika auflöste, um sich in Deutschland mit einem Neuanfang konfrontiert zu sehen.

So erzählt es Sasha Marianna Salzmann in ihrem 2021 erschienenen Roman Im Menschen muss alles herrlich sein. Sie durchleuchtet die beiden Biografien genau: Jene der Ärztin Lena, die Mitte der 1990er nach Jena kam, wo sie nur mehr als Krankenschwester arbeiten durfte und mit ihrem Mann Daniel Tochter Edi aufzog. Und jene von Tatjana, die in Berlin Nina zur Welt brachte. Vom Vater kurz vor der Geburt im Stich gelassen, kontaktierte sie Lena – die Freundin einer Cousine – und nahm das Angebot an, zu ihr nach Jena zu ziehen. Im Wiener Theater am Werk hatte nun die gleichnamige Bühneninszenierung Premiere.

Schmerz der Generationen

Regisseurin Mirja Biel näherte sich damit nicht bloß einem Generationenroman. Sie musste auch den im Buch beschriebenen Schmerz einfangen, den das Auseinanderbrechen eines politischen Systems, das Verlassen der Heimat und die Anpassung an die neue Umgebung mit sich bringen. Ein Schmerz, der unausgesprochen bleibt und sich auch auf die Beziehung zu den Töchtern überträgt – die zugleich seine Tragweite in den veränderten Lebensumständen nicht vollkommen erfassen können.

Sie haben ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen: Edi (Isabella Händler), indem sie sich gar nicht mit ihrer Herkunft befasst, und Nina (Victoria Nikolaevskaja), die, während sie den Kontakt zur Mutter (Nicola Schößler) scheut, viel über die Verhaltensweisen ebenjener reflektiert.

Die Spannungen, die das Aufeinandertreffen der Frauen bei Lenas (Jaschka Lämmert) Feier zum 50. Geburtstag auslöst, versucht Biel mit einem rein weiblichen Ensemble einzufangen, das mit vielen Erklärungen und Buchzitaten durch die Handlung führt und Emotionen mehr über Beschreibungen anstatt eigentlichem Schauspiel transportiert. Das hilft zwar dabei, die Botschaft des Stücks zu verdeutlichen, das Mitfühlen fällt allerdings schwer. Der Abend hält die Distanz zwischen Publikum und Protagonisten aufrecht. Verstärkt wird dies durch zahlreiche Zeitsprünge, die mitunter für Orientierungslosigkeit sorgen. Was hingegen gut ins Bild passt, ist die mit Nebelmaschine und Bildschirmen karg ausstaffierte Bühne (Matthias Nebel), auf der die Gegenwart problemlos neben der Vergangenheit existieren kann. (Patricia Kornfeld, 26.2.2024)