San Francisco – Lange war es sagenumwoben, nun wird es beerdigt: Der US-Technologiekonzern Apple gibt sein Projekt eines eigenen E-Autos auf, wie am Dienstagabend mehrere Medien übereinstimmend berichteten. Die Mitarbeitenden seien darüber informiert worden, dass die Arbeit eingestellt werde, erfuhren etwa das "Handelsblatt" und Nachrichtenagenturen wie Reuters und Bloomberg. Ein Großteil der 2.000 Mitarbeitenden des unter dem Namen "Project Titan" firmierenden Vorhabens soll laut den Berichten stattdessen in der Sparte für künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt werden. Eine Bestätigung von Apple gab es bislang nicht.

Logo eines Apple-Stores in Washington. 
Jahrelang rankten sich viele Gerüchte um das Apple-Auto. Viele gingen von einem Marktstart heuer oder im nächsten Jahr aus. Jetzt dürfte das Projekt begraben werden.
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Das ist ein weiterer Rückschlag für die E-Mobilität. Denn bei großen Autovermietern ist die Liebe zu E-Autos zuletzt bereits merklich abgekühlt. Im vergangenen Herbst etwa gab der US-Autovermieter Hertz bekannt, dass er bei den Stromern auf die Bremse zu treten gedenke. Hertz-CEO Stephen Scherr begründete dies im November gegenüber Bloomberg mit dem sinkenden Wiederverkaufswert seiner E-Autos – und den hohen Reparaturkosten. Doppelt so hoch bezifferte er diese da im Vergleich zu Verbrennern. Im Jänner kündigte der Konzern an, 20.000 E-Autos zu verkaufen und stattdessen in der Flotte wieder auf Verbrenner umzusteigen. Die Ausgaben für Reparaturen nach Unfällen seien insbesondere bei Elektroautos im vierten Quartal hoch gewesen, teilte das Unternehmen mit.

Schwächelnder Markt

Dazu kommt, dass der Markt für E-Autos insgesamt schwächelt. Rund neun Millionen reine Stromer wurden im Vorjahr weltweit verkauft – der größte Anteil davon in China. Unter den Top sechs der absatzstärksten E-Auto-Hersteller befinden sich neben Tesla und die VW-Gruppe mit Byd, Saic, Geely und Gac vier chinesische Produzenten. Das Reich der Mitte ist mit einem Weltmarktanteil von 57 Prozent der mit Abstand größte E-Auto-Markt, gefolgt von Europa mit zwei Millionen und den USA mit rund 1,2 Millionen batteriebetriebenen Fahrzeugen. Auch in Sachen autonomes Fahren sind die Chinesen gemeinsam mit US-Anbietern ganz vorne dabei. Sie bieten kommerzielle Dienstleistungen im Bereich der Robotaxis und Roboshuttles an. Auch Apple sah im Robotaxi-Geschäft Potenzial, allein die Fortschritte dafür blieben überschaubar. Gewinnbringende Geschäftsmodelle sind noch kaum in Sicht. Vernetztes Fahren, Tanken mit Strom – die neue Autowelt kommt langsamer als erwartet.

Für 2024 rechnet etwa der deutsche Autoexperte Stefan Bratzel vom deutschen Forschungsinstitut Center of Automotive Management CAM mit einem weltweiten Elektroabsatz von rund elf Millionen Pkws. In großen Märkten wie Deutschland wird der Absatz seiner Einschätzung nach stagnieren. Das langfristige Ziel der deutschen Regierung, bis 2030 etwa 15 Millionen elektrisch betriebene Autos auf die Straße zu bringen, dürfte gehörig wackeln. Für realistisch halten Fachleute mittlerweile eher die Hälfte.

Ein selbstfahrendes Auto in San Francisco während eines Medienevents. 
Selbstfahrende Autos stoßen noch auf einige Skepsis.
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Die hohen Erwartungen haben sich also an die Realität angenähert. Das hat auch Folgen bei den Anbietern. Einige Autobauer wie Marktführer Tesla haben Investitionen zurückgefahren, andere setzen vermehrt auf hybride Fahrzeuge. In Deutschland ist etwa Mercedes-Benz jüngst bei seinen Zielen zurückgerudert. Ursprünglich wollte man bis 2030 ganz von den fossilen Antrieben weg sein, nun gab man ein neues Ziel aus: Bis 2030 wolle man etwa zur Hälfte reine E-Autos und Hybridmodelle auf den Markt bringen. Apple steht also mit seiner Abkehr vom E-Auto nicht alleine da.

Folgerichtige Entscheidung

Apple hatte vor zehn Jahren mit der Arbeit am E-Auto-Projekt begonnen. Im Jahr 2020 meldete Reuters, dass Apple eine Markteinführung heuer oder im kommenden Jahr anstrebe. Nun also das – wenn auch noch nicht bestätigte – Aus. Welche Summen Apple in das Projekt investiert hat, dazu gibt es allenfalls Schätzungen: Das Analysehaus Guidehouse geht laut "Handelsblatt" von Investitionen in der Höhe von 15 bis 20 Milliarden Dollar aus.

Beobachter zeigen sich von der Entscheidung überrascht, halten sie aber für folgerichtig. Über dem Autoprojekt habe immer ein großes Fragezeichen gehangen, sagte Sam Abuelsamid, Chefanalyst bei Guidehouse Insights, im "Handelsblatt"-Gespräch. "Apple strebte Margen von 35 Prozent und mehr an. Das erzielt in der Autoindustrie niemand." (Regina Bruckner, 28.2.2024)