Das Heim Wienerwald zählte zu einer der größten Lebensborn-Einrichtungen des Deutschen Reichs.
Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung

Versteckt zwischen Baumwipfeln und Sträuchern thront auf einem malerischen Hügel am letzten Zipfel der kleinen Ortschaft Feichtenbach ein Gebäude, um das sich viele Mythen ranken. Als "Geisterhaus" oder "Naziort" wurde der Lost Place am Rande des Wienerwalds in den letzten Jahren trotz Betretungsverbots zu einem Ziel für Party- und Abenteuerlustige, denn seit über 20 Jahren steht das Gebäude nun leer. Eingeschlagene Fensterscheiben, beschmierte Wände und Millionen von Glassplittern, die wie Mosaike auf dem sonnigen Waldboden glitzern, lassen die Vergangenheit des einstigen Lebensborn-Heims der Nazis beinahe vergessen.

Was heute eine Ruine ist, war zwischen 1938 und 1945 Prestigeprojekt von Heinrich Himmler höchstpersönlich: Ein Entbindungsheim des Vereins Lebensborn der nationalsozialistischen SS, in dem die Geburtenrate der "rassisch und erbbiologisch erwünschten" Bevölkerung im Deutschen Reich erhöht werden sollte. Ziel war es, Schwangerschaftsabbrüche von unverheirateten "arischen" Frauen zu verhindern, etwa indem man ihnen finanzielle Unterstützung oder die Möglichkeit geheimer Entbindungen bot – vorausgesetzt, sie entsprachen den rassistischen Kriterien des NS-Regimes. Denn die Mütter mussten einen Ahnenpass besitzen und bei einer medizinischen Untersuchung die geforderten "Rassemerkmale" aufweisen, um im Lebensborn entbinden zu dürfen. Auch verfolgte der Lebensborn das Ziel, die Mütter im Sinne der NS-Lehre zu indoktrinieren und Einfluss auf die Erziehung ihrer Kinder zu nehmen.

Das ehemalige Lebensborn-Heim Wienerwald liegt am Rande des Wienerwalds in der niederösterreichischen Ortschaft Feichtenbach.
Apollonia T. Bitzan

Insgesamt kamen im Lebensborn-Heim Wienerwald 1300 Kinder zu Welt. "Damit zählt es unter den rund 20 Lebensborn-Einrichtungen im Deutschen Reich zu einer der größten", erklärt Lukas Schretter vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung. Dieses forscht seit 2020 zum Lebensborn und widmet sich speziell dem lange verdrängten Heim in Feichtenbach. Wer sind die Kinder, die dort geboren wurden? Wie sind ihre Leben verlaufen? Und was bedeutet für sie die Auseinandersetzung mit der Rolle ihrer Eltern, die an der Rassen- und Bevölkerungspolitik der NS-Zeit beteiligt waren? Im Zuge eines Interviewprojekts forschen Lukas Schretter und das Team zum Umgang der dort Geborenen mit ihren Familiengeschichten.

"2021 startete das Institut, geleitet von Barbara Stelzl-Marx, einen öffentlichen Aufruf – auch im STANDARD." Denn anfangs sei man vor dem Dilemma gestanden, zwar über Daten hunderter im Heim Geborener zu verfügen, "aber wir wollten die Personen nicht aus heiterem Himmel kontaktieren – viele wussten ja nichts von ihrer Vergangenheit". Man rief also jene Kinder, die vermuteten, im Lebensborn-Heim Wienerwald geboren worden zu sein, dazu auf, sich beim Institut zu melden. "Wir dachten, dass viele nicht darüber sprechen wollen würden, in einem sogenannten SS-Mütterheim zur Welt gekommen zu sein." Doch die Resonanz war größer als erwartet. Zahlreiche Personen haben sich nach dem Aufruf an Schretter und das Forschungsteam gewandt, mit etwa 30 wurden persönliche Interviews geführt. Drei von ihnen hat auch DER STANDARD zum Gespräch getroffen. Sie erzählen hier ihre Geschichten:

"Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, ob ich selbst dunkle Anteile habe"

Für die Geschichte kehrte Frau Strecha noch einmal an den Ort ihrer Geburt zurück und ließ sich dort fotografieren.
Apollonia T. Bitzan

Dietlinde Strecha (81):

Ich bin im Juni 1943 im Lebensborn-Heim Wienerwald geboren. Meine Eltern waren glühende Nationalsozialisten. Meine Mutter war Wärterin im KZ Ravensbrück, dem größten Frauen-KZ im Deutschen Reich. Mein Vater war Oberscharführer bei der SS. Er hat in Bamberg gelebt und hatte eigentlich eine Frau und zwei Kinder. Als meine Mutter schwanger war, ging sie wieder zurück nach Wien, mein Vater ging nach der Affäre wieder zurück zu seiner Familie.

Der Lebensborn war damals eine gute Option für meine Mutter. Er war ja gedacht für ledige Mütter, besonders diejenigen, die gute Nationalsozialistinnen waren. Nach der Geburt hat sie mich ein paar Monate dort allein bei den Schwestern gelassen, um sich um eine Wohnung und einen Job zu kümmern. Wir sind dann bei ihrer Schwester und deren Mann untergekommen. Kurze Zeit später erkrankte meine Mutter an Darmkrebs, nach eineinhalb Jahren starb sie. Widerwillig wurde ich von ihrer Schwester und ihrem Mann adoptiert. Er wollte eigentlich keine Kinder, meine Adoptivmutter hat mich sehr schlecht behandelt.

Ich habe erst sehr spät, da war ich schon um die 50, herausgefunden, dass ich im Lebensborn geboren wurde. Mit meiner Adoptivmutter konnte ich damals über nichts reden. Erst nachdem sie ins Altersheim gekommen war, habe ich eine Mappe in ihrem Schlafzimmer versteckt gefunden. Kurz vorher habe ich einen Stapel Briefe von meinem Vater an meine Mutter entdeckt. Er hat immer geschrieben, er schickt ihr Zigaretten und dem "Puppilein", also mir, Schokolade. Am Ende stand immer: "Heil Hitler, Deutschland wird siegen".

Dietlinde Strechas Vater schickte während des Kriegs Briefe an ihre Mutter.
Dietlinde Strecha

Auch habe ich erst viele Jahre später herausgefunden, dass mich mein Vater nach dem Tod meiner Mutter eigentlich in seine Familie holen wollte. Meine Adoptivmutter hat das aber nicht erlaubt. Sie hat immer zu mir gesagt: "Die Familie wird dich mit einem nassen Fetzen vor die Tür jagen, du bist ein Bastard."

In den Unterlagen las ich auch zum ersten Mal das Wort "Lebensborn". Damals wusste ich nicht, was das ist. Ich habe lange beim ORF gearbeitet, ein Redakteur wollte damals eine Doku über den Lebensborn machen. Mit ihm gemeinsam war ich 2005 zum ersten Mal dort. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere. Damals stand das Haus schon leer, alles war zerstört, dreckig und chaotisch. Aber trotzdem war es nicht einfach nur ein Abrisshaus. Man spürt richtig, was sich dort abgespielt hat. Als wir hingekommen sind, habe ich sofort auf den Balkon raufgeschaut. Es gibt ein Foto von mir als Baby, wie mich eine Schwester dort im Arm hält. Ich hatte das Foto mit, stand genau vor diesem Holzbalkon, das war bedrückend.

Eine Schwester hält Strecha kurz nach ihrer Geburt auf einem der Balkone im Lebensborn-Heim auf dem Arm.
Dietlinde Strecha

Wir sind auch zum Standesamt in Pernitz gefahren, dort konnte ich Akteneinsicht nehmen. Da gab es auch ein Protokoll darüber, wie sich meine Mutter im Lebensborn verhalten hat. Sie wurde als gute Nationalsozialistin beschrieben. Sie hat zwar mit ihren schwarzen Haaren und ihrer stark gebräunten Haut nicht sehr "arisch" ausgesehen, aber sie hatte einen Ariernachweis und war den Unterlagen zufolge sehr regimegetreu. Der Standesbeamte hat damals zu mir gesagt, viele Leute würden die Akten sehen wollen, nur um sie dann zu zerreißen – weil sie nicht wollten, dass das archiviert wird. Im Lebensborn geboren worden zu sein ist für viele ein Makel, ein Stigma.

Ich selbst habe das nie als Makel empfunden, weil ich an der ganzen Sache unbeteiligt bin. Über die Taten meiner Mutter denke ich aber heute noch oft nach. Sie hat sich damals als Aufseherin in Ravensbrück im KZ durch besondere Brutalität hervorgetan und hat Häftlinge gequält. Nach ihrem Tod kam es zu einem Prozess gegen sie. Sie war bekannt für ihren Deutschen Schäferhund, Maro, und ihre Peitsche. Zwei Überlebende haben berichtet, immer wenn die Häftlinge erschöpft und durchnässt von den Arbeiten zurückgekommen seien, habe meine Mutter sie im Kreis laufen lassen und den Hund hinterhergehetzt. Der habe sich dann auf diejenigen gestürzt, die nicht mehr konnten. "Sie müssten sich warmlaufen", habe sie dabei immer gesagt.

Dietlinde Strechas Mutter war als Aufseherin im KZ Ravensbrück unter anderem für ihren Schäferhund Maro bekannt und berüchtigt.
Dietlinde Strecha

Als ich das in den Gerichtsakten gelesen habe, bin ich eingegangen. Ich war so weg, mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen. Bis dahin hatte ich ein ganz liebevolles, positives Bild von ihr gehabt. Sie ist mir immer als arbeitsam und liebevoll beschrieben worden. Sie hat mich sehr gern gehabt. Ich selbst fühle mich nicht schuldig, ich kann für die Taten meiner Mutter ja nichts. Aber ich habe schon öfters darüber nachgedacht, ob ich selbst dunkle Anteile habe. Immer dann, wenn ich irgendwas gemacht habe, das nicht korrekt war, habe ich gedacht, das kommt von ihr, das sind die Gene meiner Mutter.

Die Art, wie ich aufgewachsen bin, hat, glaube ich, schon etwas mit mir gemacht. Meine Tochter hat mir vorgeworfen, dass ich keine liebevolle Mutter war. Nähe war mir fremd, ich habe sie ja selbst nie erlebt. Im Alter kommen viele Erinnerungen wieder hoch, lange hatte ich das alles ständig im Kopf. Manchmal überfällt es mich. Das erste Mal öffentlich über meine Geschichte zu sprechen war sehr befreiend. Ich konnte es mir endlich von der Seele reden.

Strechas Vater war Oberscharführer bei der SS.
Dietlinde Strecha

Viel später, als meine Adoptivmutter gestorben ist, habe ich den Kontakt zu meinem Vater gesucht. Er selbst hatte als Funktionär niemals Konsequenzen erlebt, er hatte Glück. Ich konnte mit ihm aber über nichts von früher reden, es waren immer seine Söhne hinter ihm und haben abgeblockt. Mein ältester Bruder hat immer gesagt, die NS-Zeit sei nur "Reklame" – auch Auschwitz, meinte er, stimme gar nicht. Die haben das total geleugnet. Darum finde ich es umso wichtiger, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. Damit man weiß: Das ist die Wahrheit. So war’s wirklich.

Dietlinde Strecha (sie trägt in der Geschichte auf eigenen Wunsch den Mädchennamen ihrer Mutter) war rund 30 Jahre lang beim ORF für die Administration in der Auslandskorrespondenz zuständig. Sie wirkte in Dokumentationen über die Nachwirkungen des Holocaust mit, etwa 2008 in "Was bleibt" und 2010 im Film "Liebe Geschichte". Ihre Mutter war Aufseherin im KZ Ravensbrück.

"Ich habe als Heimkind gelernt, mich anzupassen und irgendwie durchzuwurschteln"

Auch Herr Vogel ließ sich für die Geschichte noch einmal vor dem Lebensborn-Heim Wienerwald ablichten.
Apollonia T. Bitzan

Dieter Vogel (82):

Ich habe mich damals auf den Aufruf von Herrn Schretter im STANDARD gemeldet. Ich wusste zwar schon, dass ich im Lebensborn geboren war, Details dazu habe ich aber erst durch das Ludwig-Boltzmann-Institut erfahren. Meine Mutter hat mir immer nur gesagt, dass das ein Geburtsheim der SS war, sonst nichts. Als ich Anfang der 2000er zum ersten Mal als Erwachsener dort war, ist mir als Erstes die sehr schöne Parkanlage aufgefallen. Damals war es kurz ein Hotel. Ich dachte, ich bin offenbar an einem noblen Ort geboren. Auch Kafka und Seipel wurden vor dem Krieg, als es noch ein Sanatorium war, dort behandelt. An schlechte Energien an Orten glaube ich nicht, ich bin ein rationaler und pragmatischer Mensch.

Ich wurde als eheliches Kind im Lebensborn-Heim Wienerwald geboren, mein Fall ist eher ungewöhnlich. Ich bin 1942 zur Welt gekommen, meine Mutter war Reichsdeutsche, hatte selbst aber keine Funktion im SS-Regime. Mein Vater war hingegen ein Nazi. Er war bei der Wehrmacht ein Führungsoffizier – das waren die Polit-Offiziere, die andere verraten haben, wenn sie abfällig über Hitler geredet haben. Meine Mutter wollte immer zur Partei, ist aber nie aufgenommen worden, weil sie als Tochter eines polnischen Bergarbeiters Woroblewsky hieß.

Dieter Vogels Eltern heirateten kurz vor seiner Geburt.
Dieter Vogel

Für meine Eltern war die Geburt im Lebensborn sehr praktisch, das war die für Pottendorf am nächsten gelegene Entbindungsklinik, dort war meine Mutter Kindergärtnerin. Ohne Ariernachweis hätte sie eigentlich gar nicht im Heim Wienerwald entbinden dürfen, mein Vater kannte aber einen Nazi-Funktionär. Den Vater habe ich nie richtig kennengelernt, er war dauernd beim Militär. Er wurde 1945 im Krieg verwundet und ist vier Jahre in einem Lazarett dahingesiecht und schließlich gestorben. Erst dann begann die Tragik meiner Kindheit.

Meine Mutter war von da an alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern und hatte kein Geld. Als die Russen gekommen sind, ist sie mit uns geflüchtet. Zuerst in den Westen, dann nach Oberösterreich. Als ich 2015 in der Flüchtlingskrise die Bilder von den Müttern mit den kleinen Kindern an der Hand auf dem Bahnhof gesehen habe, da ist mir das alles wieder aufgestiegen. Das war offensichtlich im Unbewussten vergraben. Es war fast traumatisch für mich.

Weil meine Mutter rund um die Uhr arbeiten musste, bin ich insgesamt fünf Jahre im Heim aufgewachsen. Meine Mutter hat sogar so viel gearbeitet, dass sie irgendwann nicht mehr konnte und plötzlich eine Lähmung erlitt, die rein psychisch bedingt war. Nach ihrer Genesung arbeitete sie als Krankenschwester in Wien. Für manche ist es traumatisch, in einem Heim aufzuwachsen, ich habe aber sehr schöne Erinnerungen an die Zeit. Vor allem an das letzte in Wien, dort gab es etwa einen riesigen Park, in dem wir uns austoben konnten. Das Einzige war, dass wir damals nie Geld hatten. Meine Mutter hat ja jedes Monat fast ihr ganzes Gehalt aufgebraucht, um für unser Heim zu zahlen.

Dieter Vogel wuchs die ersten Jahre bei seiner Mutter in Pottendorf auf.
Dieter Vogel

Einen Groll gegenüber meinem Aufwachsen habe ich nicht. Ich kann daraus nichts Negatives konstruieren. Und ich habe keinen Groll gegenüber meiner Herkunft – dass ich im Lebensborn geboren wurde, war halt einfach so. Das macht nichts mit mir. Meine Mutter hat damals ihr Bestes für uns getan. Ich musste früh selbstständig sein, bin Arzt geworden und habe mittlerweile schon viel gesehen von der Welt. Man Vater war in meinem Leben nicht existent. Bis heute habe ich nicht so genau über sein Leben nachgeforscht. Ich wollte nur wissen, ob er Dreck am Stecken hatte, das habe ich aber nie herausgefunden. Ich weiß nur, dass seine Eltern wiederum einen großen Blutzoll im Krieg gezahlt haben, fast habe ich ihnen das gegönnt: Alle vier Söhne waren Nazis und sind im Krieg gestorben. Und die einzige Tochter hat ausgerechnet einen jüdischen Rechtsanwalt geheiratet.

Ich fühle mich nicht so, als hätte ich einen besonderen Auftrag, über meine Vergangenheit zu sprechen. Aber ich will, dass die Geschichte aufgearbeitet wird. Denn das System Lebensborn war ja eine Absurdität an sich. Mich hat es glücklicherweise nicht schlimm erwischt. Viele andere, die unehelich dort geboren wurden, die vielleicht von ihren Müttern nie mehr von dort abgeholt wurden, sind heute traumatisiert. Ich bin das zum Glück nicht. Aber das kann auch einfach mein Naturell sein – ich habe als Heimkind gelernt, mich anzupassen und mich irgendwie durchzuwurschteln.

Dieter Vogel war rund 25 Jahre Internist, unter anderem im Wilhelminenspital und als Ausbildner im psychiatrischen Krankenhaus am Steinhof. Nebenbei war er viele Jahre als Reiseleiter tätig.

"Ich hatte das Glück, zwei gute Mütter zu haben"

Erika Bachmann wurde 1940 im Lebensborn-Heim Wienerwald geboren.
Apollonia T. Bitzan

Erika Bachmann (84):

Ich bin 1940 im Lebensborn-Heim Wienerwald geboren. Meine Geschichte ist kompliziert. Meine Mutter hatte fünf Geschwister. Eine ihrer Schwestern konnte keine Kinder kriegen. Sie und ihr Mann haben damals eine Schutzhütte bei Trieben in der Steiermark geleitet. Damals kam meine Mutter zu ihnen auf die Hütte, sie hatte sich kurz zuvor von ihrem Mann scheiden lassen und brauchte dringend Arbeit.

Sowohl meine Mutter als auch meine Tante haben damals eigentlich um ein Adoptivkind angesucht. Meiner Tante wurde es bewilligt, sie hatte Unterleibskrebs. Meiner Mutter wurde es abgelehnt, sie war ja gesund. Letztlich hat meine Tante auf ein Adoptivkind verzichtet, unterbreitete meiner Mutter aber die Idee, dass sich diese als Leihmutter zur Verfügung stellen könnte. Meine Mutter war einverstanden, ließ sich von ihrem Schwager schwängern und hätte nach der Geburt das Kind an die beiden abgeben sollen.

Das war mündlich so abgesprochen. Als ich dann aber im Lebensborn-Heim Wienerwald zur Welt gekommen bin, hat sich meine Mutter geweigert, mich herzugeben. Sie hat zu ihrer Schwester und ihrem Schwager gesagt: "Ihr bekommt uns entweder beide oder niemanden." Also zog meine Mutter mit mir gemeinsam wieder bei ihrer Schwester und ihrem Mann auf der Hütte ein. Ich bin von da an in einem Dreiecksverhältnis aufgewachsen. Dass sich meine Mutter nicht an die Abmachung gehalten hat, hat ihr mein Vater immer angekreidet. Sie wurde von ihm nie sonderlich gut behandelt. Mein Therapeut hat später mal zu mir gesagt: "Ihre Mutter, die hatte das schwerste Los in dieser Konstellation" – das hat wahrscheinlich gestimmt.

Frau Bachmann lebte in einem gemeinsamen Haushalt mit ihrer Tante und Ziehmutter, ihrem Vater (oben) und ihrer leiblichen Mutter (unten).
Erika Bachmann

Warum ich ausgerechnet im Lebensborn geboren wurde, weiß ich nicht. Meine Eltern wollten nie mit mir darüber reden. Sie haben immer gesagt, ich bin noch zu klein, noch zu dumm. Irgendwann habe ich aufgehört zu fragen. Ich habe nie verstanden, wie man von dieser Schutzhütte am Berg auf diesen so versteckten Graben in Feichtenbach kommen kann. Es hätte nähere Entbindungskliniken gegeben. Aber im Dorf war die Absprache meiner Eltern eine Schande, meine Mutter wurde deshalb von ihrem Vater verstoßen, das hat sie sehr hart getroffen. Ich glaube, das war der Hauptgrund, warum ich im Lebensborn zur Welt gekommen bin. Andererseits war mein Vater bekennender Nationalsozialist. Funktionen hatte er keine, ideologisch war er aber dem Regime sehr treu. Er hat das vermutlich irgendwie eingefädelt.

Meine Mutter hat mich nach der Geburt sechs Monate allein im Lebensborn zurückgelassen. Ein Grund war angeblich, weil die Schutzhütte auf einem Hang gelegen war, der das halbe Jahr über keine Sonne hatte. Meiner Gesundheit zuliebe habe man sich entschieden, dass ich im Heim bleibe. Für meine Mutter war das sehr schwer, aber sie wurde ja als Arbeitskraft auf der Hütte gebraucht.

Ihre Eltern leiteten im Laufe der Zeit mehrere Schutzhütten.
Erika Bachmann

Das Verhältnis zu meinen drei Eltern war im Grunde gut. Ich hatte das Glück, zwei gute Mütter zu haben. Tatsächlich war meine Tante mehr Bezugsperson für mich als meine Mutter. Über die NS-Zeit wurde nie geredet. Als Kind, das in einer Hütte am Berg aufgewachsen ist, war ich von allem auch sehr abgeschottet. Mein Vater hat nach dem Krieg nur immer gesagt, dass er nach wie vor für Hitler war. Er hat immer behauptet, die Zahlen seien gefälscht. Erst sehr spät bin ich dagegen aufgestanden. Ich weiß noch, das war auf einer Bergtour. Da habe ich gesagt: "Und wenn auch nur einer umgebracht wurde – niemand hat das Recht dazu." Das war ein heftiger Streit. Danach haben wir nie wieder darüber geredet.

Ich habe mich niemals so gefühlt, als wäre ich Teil des NS-Systems. Ich glaube nicht, dass diese Vergangenheit mein Leben beeinflusst hat. Ich war ja immer ein fröhliches Kind, hatte es gut. Aber ich habe eine Freundin, die total weg war, als sie gehört hat, dass ich als Baby ein halbes Jahr allein zurückgelassen wurde. Es kann schon sein, dass das was mit einem Menschen macht. Vielleicht bin ich deshalb heute so bindungsunfähig. Im Außen kann ich immer mit allen gut, wenn's sehr eng und privat wird, wird's schwierig. Darum habe ich vermutlich auch nie geheiratet.

In Erika Bachmanns Familie wurde so gut wie nie über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen.
Apollonia T. Bitzan

Ansonsten hat im Lebensborn geboren worden zu sein keine Spuren bei mir hinterlassen – außer vielleicht meinen Namen, den habe ich von dort: Eigentlich hat sich mein Vater immer "einen Jungen für den Führer" gewünscht. Ich hätte Peter heißen sollen. Als ich dann doch ein Mädchen war, musste sich meine Mutter einen neuen Namen überlegen. Ihr ist eingefallen, dass sie am Vortag vor meiner Geburt durch den Wienerwald spaziert ist und überall so viel Erika geblüht hat. Deshalb trage ich den Namen Erika – nach den Blumen beim Lebensborn-Heim Wienerwald.

Erika Bachmann wuchs gemeinsam mit ihrer Tante, ihrem Vater, der gleichzeitig ihr Onkel war, sowie ihrer Mutter auf. Sie war Verkäuferin und später Erzieherin, zuletzt 26 Jahre lang in einem Internat in Grinzing.
(Viktoria Kirner, 30.5.2024)

Seit 2002 steht das Gebäude des ehemaligen Lebensborn-Heims im Wienerwald leer. Es besteht ein Betretungsverbot.
Apollonia T. Bitzan