Rimini Protokoll
Chiayo Kuo, Debby Szu-Ya Wang und David Chienkuo Wu als taiwanesische Experten und Expertinnen für Politik, Diplomatie, Halbleiter - und Bubble Tea.
Claudia Ndebele

Die Menschheit sammelt Orte, an denen der Dritte Weltkrieg beginnen könnte. Vielleicht in Odessa, wenn Putin seinen nächsten Versuch macht, die Ukraine gänzlich vom Schwarzen Meer abzuschnüren? Vielleicht vor der Küste des Jemen, wenn schiitische Milizen einen Tanker versenken?

Auch Taiwan wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Eine Insel vor dem chinesischen Festland, knapp 24 Millionen Menschen, reizvolle Landschaft und ein großes Problem: Die Volksrepublik China erhebt Ansprüche auf den Inselstaat. Die kommunistische Supermacht drängt auf eine Wiedervereinigung mit Taiwan, das sich zu einer spannenden Demokratie entwickelt hat. Die Republik China, wie Taiwan offiziell heißt, existiert zwar auf dem Globus, völkerrechtlich aber ist ihr Status prekär.

Nur wenige Staaten – nicht die mächtigsten – unterhalten reguläre Beziehungen mit Taiwan. Die restlichen kaufen dort Halbleiter, tun aber so, als gäbe es Taiwan nicht.

Einen springenden Punkt des kontroversen Status von Taiwan hat die Gruppe Rimini Protokoll mit ihrer neuen Arbeit thematisiert: die diplomatische Vertretung. Staaten sprechen miteinander in einer stark ritualisierten Form und unterhalten dafür Botschaften. Taiwan aber hatte bisher in Deutschland oder Österreich keine Botschaft.

Eine Botschaft mit Botschaft

Rimini Protokoll ändert das nun für die Dauer eines Theaterabends: Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan) lässt schon im Titel einige der zentralen Ambivalenzen erkennen, um die es geht. Pointe der Aufführung ist, dass drei Menschen aus Taiwan eben doch so etwas wie eine Botschaft eröffnen – eine Botschaft ist schon dann eine Botschaft, wenn ein kommunikativer Inhalt ankommt. In diesem Fall ist der Kern der Botschaft ein ganz einfacher: Uns gibt es!

Das machen Chiayo Kuo, Debby Szu-Ya Wang und David Chienkuo Wu stellvertretend für ihre Landsleute deutlich. Sie sind keine Schauspieler, sondern – so hat es bei Rimini Protokoll Tradition – sie sind Experten für all das, was an Taiwan genuin ist. Dazu zählen auch so profane Dinge wie Bubble-Tea.

Es erinnert an Fernsehshows

Debby Wangs Vater hat Possmei gegründet, einen inzwischen bedeutenden Getränkekonzern, der mit einem nationalen Kulturgut, vergleichbar dem Almdudler, weltweit Märkte erschlossen hat. Chiayo Kuo wiederum hat sich schon früh für ihr Land diplomatisch engagiert, in der digitalen Sphäre, in der Taiwan besonders versiert ist. Die beiden Frauen stehen einander auf der Bühne so gegenüber, wie in Fernsehshows zwei Teams gegeneinander angeordnet werden, und sie werfen einander auch Themen und Motive wie Spielbälle zu. Die Mitte des Raumes nimmt häufig der Mann ein: David Wu steht dem politischen Establishment in Taiwan am nächsten, er war sogar einmal ein richtiger Botschafter seines Landes, von 2010 bis 2014 in Belize.

Dieses Dreiergespann spielt in mehreren Kapiteln die Möglichkeiten durch, wie Taiwan sich in der Weltgemeinschaft geltend machen könnte – und welche Abgrenzungen von China dabei eine Rolle spielen würden. Denn natürlich gibt es ein gemeinsames Erbe. Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan) findet gerade ausreichend Aspekte, um nicht zu stark in bloße Bebilderung von politischer Theorie abzugleiten.

Bei einer Aufführung im Rahmen des Festivals Performing Arts in Berlin im Jänner war die Exil-Community aus Taiwan so stark vertreten, dass schon aus diesem Grund die Sympathien des Publikums gewiss waren. Mit diesen drei Botschafterinnen muss Taiwan sich nicht verstecken und nicht so tun, als wäre es eigentlich gar nicht da. (Bert Rebhandl, 1.3.2024)