Blaue Karte
Karte
Kommt die blaue Karte?
IMAGO/Karina Hessland

Glasgow – Mit den Gedanken um die Einführung einer blauen Karte als Zeichen für eine vom Schiedsrichter verordnete Zeitstrafe haben die Fußballregelhüter des International Football Association Board (IFAB) nach den Dauerdebatten um Handspielauslegung oder Videoreferees schon wieder eine Diskussion mit Aufregerpotenzial angezettelt. Am Samstag fällt diesbezüglich in Glasgow eine erste Entscheidung.

Auch Maßnahmen gegen Rudelbildungen und ständiges Lamentieren von Trainern und Spielern stehen auf der Agenda. Besondere Aufmerksamkeit zieht aber die blaue Karte auf sich. Mit dieser soll gegen Spieler eine Zeitstrafe verhängt werden, wenn sie zum Beispiel durch ein minderschweres Foul eine klare Torchance verhindert haben oder Offizielle verbal attackieren. Die blaue Karte wäre eine Zwischenstufe zwischen gelber und roter Karte. Zwei blaue Karten für den gleichen Akteur sollen zu einer roten Karte führen, wie auch eine blaue und eine gelbe Karte einen dauerhaften Platzverweis zur Folge hätten.

Einjährige Testphase

Fix beschlossen wird die Einführung der blauen Karte am Samstag aber nicht. Wie bei maßgeblichen Änderungen üblich, wird eine normalerweise zunächst einjährige Testphase vereinbart. Dann wird in bestimmten Bewerben – oft im Nachwuchs – die Praxistauglichkeit geprüft. Für die blaue Karte hat der englische Verband diesmal offenbar seine Cup-Bewerbe für den Testlauf angeboten. Vor 2025 wird die blaue Karte keinesfalls offiziell und verbindlich eingeführt.

Die bisherigen Rückmeldungen von Trainern sind überwiegend negativ. So gab es etwa Kritik der Premier-League-Coaches Jürgen Klopp (Liverpool), Mauricio Pochettino (Chelsea), Mikel Arteta (Arsenal), Angelos Postecoglou (Tottenham) und Eddie Howe (Newcastle).

Auch Sturm-Trainer Christian Ilzer ist auf gleicher Wellenlänge: "Die Blaue Karte ist ein völliger Schwachsinn. Diese Sache inspiriert mich überhaupt nicht, man darf nicht künstlich versuchen, Änderungen herbeizuführen. Das trägt überhaupt nicht zur Verbesserung des Spiels bei", erklärte der Steirer. "Als neutraler Zuschauer vor dem TV-Schirm switche ich aus verschiedensten Gründen weg, wenn eine Mannschaft in Unterzahl kommt."

Schöttel skeptisch

Ähnlich äußerte sich Rapid-Coach Robert Klauß. "Für mich ist das nicht notwendig. Wir haben schon genug komplizierte Regelungen." Auch ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel gab sich skeptisch. "Mich erinnert es an Kinder- und Nachwuchsfußball. In meiner Jugend hat es das gegeben, dass du für zehn Minuten rausgehst. Dann fängst du nach fünf Minuten wieder an, aufzuwärmen, dann schauen alle auf die Uhr", schilderte der langjährige Rapid-Verteidiger. "Ich persönlich tue mir ein bisschen schwer damit. Ich verstehe den Ansatz, dass man eine Zwischenstufe einschiebt, aber ich kann es mir schwer vorstellen."

WSG-Tirol-Trainer Thomas Silberberger gestand, sich noch nicht eingehend mit der Materie beschäftigt zu haben. Trotzdem steht der Tiroler der möglichen Neuerung nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. "Ich finde, es ist keine blöde Idee, allerdings muss man es richtig gut ausarbeiten. Man sieht immer wieder in Bundesliga Spielen, was zehn Minuten in Überzahl bewirken, also von da her könnte es ein spannendes Tool sein."

Getestet werden könnte neben der blauen Karte auch ein Verfahren gegen Rudelbildung, bei dem nach einem Signal des Schiedsrichters nur noch die Kapitäne beider Teams mit dem Referee kommunizieren dürfen.

Über die möglichen Neuerungen entscheidet das IFAB, ein Gremium, bestehend aus je einem Vertreter der Verbände von England, Schottland, Wales und Nordirland – eine Hommage an die britischen Wurzeln des Sports. Zudem sitzen vier Vertreter des Weltverbandes Fifa im IFAB. Entscheidungen können nur mehrheitlich getroffen werden, wodurch die Fifa eine Sperrmöglichkeit hat. (APA, dpa, 1.3.2024)