Palästinenser Israel Universität Demonstrationen 
Mit simplen Narrativen verstörten Studierende westlicher Universitäten, auch auf der Columbia University im vergangenen November, bei Pro-Palästina-Demonstrationen.
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Politische Positionen bedürfen einer theoretischen Rechtfertigung. Wenn (nicht nur) junge Menschen, die sich selbst als links ansehen, im Rahmen ihrer Manifestationen und Demonstrationen für die palästinensische Sache die Massaker der Hamas an oft jungen, unschuldigen Männern und Frauen als Notwehr und Reaktion kleinreden, dann mutiert diese merkwürdige Solidarität mit den politisch radikal rechts stehenden Feinden der Juden zu einer antikolonialen Bekundung gegen Israel, den Westen und Europa.

Verbrechen aufarbeiten

In diesem Zusammenhang wurde in den vergangenen Wochen auf die postkoloniale Theoriebildung hingewiesen, die als argumentative Folie und Narrativ dient. Freilich ziehen die "Postcolonial Studies" eine solch simple Zuordnung nicht zwingend nach sich. Außer Streit ist die Tatsache, dass die Verbrechen des Kolonialismus mit denen rechter, aber auch linker totalitärer Regime in einem Atemzug genannt werden müssen. Demokratische Länder sind gut beraten, mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft mit Afrika, dem Nahen Osten und anderen Regionen von sich aus die Geschichte des Kolonialismus aufzuarbeiten. In Ansätzen ist dies durch kritische Literatur, Dokumentationen und Rückgaben geraubter Kunstschätze in Gang gekommen.

Der Terminus "postkolonial" hat ähnlich wie die Postmoderne mehrdeutige Konnotationen. Sie reichen vom schlichten Verweis auf eine zeitliche Periode, die dem Kolonialismus durch Staatenbildungen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten nachfolgt, über die Diagnose, dass die machtpolitischen Asymmetrien über das Ende kolonialer Herrschaft hinaus weiterexistieren, bis zu der Einsicht, dass der Kolonialismus Folgen gezeitigt hat, die irreversibel sind. Zu denken ist dabei an jene Länder, die es in dieser Form vor dem Kolonialismus nicht gegeben hat (wie Indien, die meisten Staaten Afrikas, aber auch des Nahen Ostens), an Industrialisierung und Globalisierung, aber auch an die Menschenrechte und nicht selten an Werte, mithilfe derer dem Kolonialismus die Legitimation entzogen wurde. Werte, die nicht selten aus der Erbschaft des Judentums, des Christentums und der Aufklärung erwachsen sind.

"Man mag die Vertreibung der weißen Bevölkerung als Vergeltung und Rache verstehen, aber sie hat wie all diese Prozesse letztendlich den Ländern geschadet, in denen sie vonstattengegangen ist."

Von Belang ist bei dieser Debatte auch, ob man koloniale Herrschaft, Imperialismus oder Faschismus als Kategorien politisch-historischer Analyse verwendet oder vornehmlich als moralisch-rhetorische Waffen. Kollektives Gedenken an vergangenes Unrecht (Diktatur, Krieg, Genozid) ist leider, wie Putins, aber auch schon Stalins Antifaschismus zeigt, politisch instrumentalisierbar. Moralische Urteile sind wichtig, die Funktion historischer Analyse besteht demgegenüber darin, die Nuancen, Differenzierungen, Paradoxien und Facetten eines so komplizierten wie je nach Weltgegend unterschiedlich verlaufenen Langzeitprozesses wie des Kolonialismus zu beleuchten. Dazu gehört, dass die Kolonisatoren nicht nur in Südamerika von Binnenauseinandersetzungen und der autochthonen Unterdrückung verschiedener Völker profitiert haben.

Der Hinweis darauf dient nicht einer Entschuldung kolonialistischen Terrors, wirft aber ein nachdenkliches und differenziertes Licht auf das Geschehen. Aus postkolonialer Perspektive muss – das gilt auch für den israelisch-palästinensischen Komplex – die chaotische Flucht Englands und Frankreichs aus der politischen Verantwortung und die Bereitschaft, mit korrupten und diktatorischen Regimen zusammenzuarbeiten, benannt werden. Darin besteht eine Mitschuld der ehemaligen Kolonialmächte.

Absurder Vorwurf

Ein Gutteil von Gewalt, militanter Ideologie und Unterdrückung, die nach 1945 die entkolonialisierten Länder prägten – von der gewaltsamen Teilung des indischen Subkontinents bis zum Völkermord in Ruanda –, war indes hausgemacht. Man mag die Vertreibung der weißen Bevölkerung als Vergeltung und Rache verstehen, aber sie hat wie all diese Prozesse letztendlich den Ländern geschadet, in denen sie vonstattengegangen ist. Sie hat etwa in Algerien – das lässt sich bei so unverdächtigen intellektuellen Zeugen wie Camus und Derrida nachlesen – traumatische Prozesse bei Tätern wie bei Opfern wiederholt und prolongiert.

Das von der Uno seinerzeit legitimierte Israel ist ein Produkt der Dekolonisation und des Postkolonialismus. Den anfänglich winzigen und machtlosen "Judenstaat" als Kolonialmacht anzuprangern ist historisch absurd. Es waren die militärischen Niederlagen seiner Gegner, die unfreiwillig das Land und dessen Bewohner, die sie vertreiben und vernichten wollten, starkgemacht haben. Nicht ohne Hilfe anfänglich auch der Sowjetunion und später vor allem der USA. Im Gefolge dieser Konflikte haben nicht nur viele Palästinenser ihre Heimat verloren, sondern auch viele Juden in Nordafrika und in den Ländern des Nahen Ostens.

Die Geschichte des Postkolonialismus ist gerade im Nahen Osten noch nicht an ihr Ende gekommen. Es bleibt die Frage, ob eine friedliche Lösung nach all dem Leid überhaupt noch denkbar ist. Mit Hamas, Hisbollah und bewaffneten neokolonialistischen jüdischen Siedlern schwerlich. Wie die europäische Integration zeigt, ist die innere und äußere Verfassung der Demokratie jene Form des Politischen, in der Kompromiss, Anerkennung der Anderen, Frieden und Versöhnung zwar stets bedroht, aber doch möglich sind. (Wolfgang Müller-Funk, 3.3.2024)