Sternchen Gendern SPÖ
Sie wollen kein Sternchen essen? Dafür gibt es als Alternative Buchstabensuppe. Mit Texten ist es schwieriger.
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Von einer "Sternchendebatte da draußen" hält Georg Dornauer nichts. Als einer, der sein Ohr am Volksmund hat, glaubt er zu wissen, was "die Menschen da draußen" wollen und was nicht. Und das Gendern gehört für den Tiroler Landesparteiobmann der SPÖ und Landeshauptmannstellvertreter nicht dazu.

Was ist mit Dornauers angeblich wählerverscheuchender (in seinem Sinne habe ich diese Wortschöpfung nicht gegendert) Sternchendebatte gemeint? Eine Debatte, die in der SPÖ ohnehin nicht geführt wird, allein schon, weil die Parteimitglieder einen Altersdurchschnitt von 60+ aufweisen. Beim vielgeschmähten "Gendern", in welcher Form auch immer, geht es darum, alle, die Sprache benutzen und von ihr benutzt werden, im Wortbild sichtbar zu machen, da Sprache Machtverhältnisse widerspiegelt. Hierarchien im Sinne der Schlechtergestellten zu ändern sollte eigentlich das zentrale Anliegen einer sozialdemokratischen Partei sein. Es geht um gesellschaftspolitische Teilhabe und Sichtbarkeit aller. Und nein, das ist "den Menschen da draußen" gar nicht so schwer zu erklären, außer man spottet darüber und hetzt dagegen.

"Auch die 'Menschen da draußen' wissen sehr gut zwischen ihrer Ärztin und ihrem Arzt zu unterscheiden."

Herr Dornauer stellt sich in eine Reihe mit rechten und rechtsextremen Politikern (kein Gendern nötig), die auf die sogenannte Genderdebatte (die sie nicht führen) fixiert sind. Ob die weibliche Form eines Nomens oder Pronomens nun mit Sternchen, Binnenmajuskel, Doppelpunkt, Unterstrich oder Slash gekennzeichnet wird: Sonderzeichen lösen bei manchen Herren und ihren Followern einen schaumflockenbewehrten Beißreflex aus, mit dem sie das Abendland zu verteidigen glauben.

Herr Aiwanger, dem schon frühmorgens, noch bevor der Schulranzen gepackt ist, aus den Medien "links-grünes Gender-Gaga" entgegendröhnt. Herr Söder, der ein Genderverbot für Schulen und Behörden erlassen will. Herr Merz, der dem Gendern die Schuld am Höhenflug der AfD gibt, weil für Herrn Krah "die Gendertheorie Unsinn und Feminismus Krebs" ist und Herr Höcke sich vom Gendersternchen entmannt sieht. Frau Weidel, die Gendern "bescheuert" findet, ist in dieser Herrenriege mitgemeint. Herr Haimbuchner, der ebenfalls mit dem "Unsinn von Gendersternchen" Schluss machen will. Herr Waldhäusl, der weder phonetisch noch grammatikalisch Deutsch spricht, dafür aber vom "Genderwahn". Herr Kickl, der gegen einen gendergerechten Kärntner Behördenleitfaden geifert. Herr Nehammer, österreichischer Bundeskanzler, in dessen Zukunftsvisionen Genderzeichen keinen Platz haben, weder in Behörden, Schulen noch Universitäten.

So präzise wie möglich

Dem Herrn Doktor Dornauer und seinen Anti-Gender-Mitstreitern dürfte der aktuelle linguistische Forschungsstand unbekannt sein. Oder liegt es nur an ihrer mangelnden Beherrschung der Computertastatur? Sie wissen nicht – oder bekämpfen –, dass an den Schulen das Gendern von klein auf gelehrt wird. Kinder und Jugendliche verfügen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wollen ganz selbstverständlich ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sprachlich berücksichtigt sehen. Hier rennen Lehrkräfte offene Türen ein.

Dass zwei Klaviere und zwei Bratschen nicht vier Klaviere, sondern vier Musikinstrumente sind oder zwei Cellos und zwei Bratschen vier Streichinstrumente, leuchtet jedem Kind ein. So allgemein wie nötig, so präzise wie möglich soll Sprache sein. Auch die "Menschen da draußen" wissen sehr gut zwischen ihrer Ärztin und ihrem Arzt zu unterscheiden.

Und sogar die rechtesten Herren Politiker wischen sich im Wahlkampf den Schaum vom Mund und gendern, was das Zeug hält, wenn sie ihre lieben Wählerinnen und Wähler zur Urne bitten. Dabei böte sich speziell für sie eine genderneutrale Anrede an: Liebes Wahlvolk. Oder für Herrn Dornauer: Liebe Menschen da draußen. Hauptsache: kein Sternchen. (Sabine Wallinger, 10.3.2024)