homestory, vienna, arsenal
Vince Bennett und Martin Ehmele (re.) in ihrem Zuhause.
Mafalda Rakoš

Es gestaltet sich durchaus faszinierend, über das Gelände des Wiener Arsenal zu spazieren. Eilig sollte man es allerdings nicht haben, auf der Suche nach einer Adresse in einem der Gebäude, die an diesem Ort "Objekte" genannt werden. Immerhin wurden an die 180 Millionen Ziegel zu einer gewaltigen Kasernenanlage verbaut, die 1856 fertiggestellt wurde. Mittlerweile sind hier unter anderem hunderte Wohnungen untergebracht. Die mächtigen burgenartigen Bauten wirken ein wenig spooky und haben doch das Zeug zu faszinieren.

An einer Reihe verrosteter Panzer kommt man auf dem Weg ebenso vorbei wie an joggenden Menschen und kinderwagenschiebenden Eltern. Hat man das richtige "Objekt" endlich gefunden, heißt das noch lange nicht, dass man am Ziel angelangt ist. Denn in so einem "Objekt" wohnt ein ganzer Haufen Menschen. Schließlich rettet dann doch ein Anruf. Eine halbe Minute später holt einen Vince Bennett im Innenhof ab, wo Spielzeug herumliegt und ein Feigenbaum dem Frühling noch nicht so recht trauen will.

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Hier ist das Schlafzimmer zu sehen, das unter anderem auch schon einmal das Wohnzimmer war. An der Wand hängt ein Bild des Künstlers Benedikt Muxel.
Mafalda Rakoš

Der junge Mann, der eine Kommunikationsagentur leitet, wohnt hier mit seinem Partner Martin Ehmele. Der ist Influencer und vorwiegend mit Mode, Parfums und Fotos von Hotels im Internet unterwegs. Ach ja, und zwei Mitbewohner auf vier Pfoten gibt es auch noch. Den Spanischen Windhund, Pardon, es handelt sich um einen Galgo Español, namens Bibi und den 13 Jahre alten Chihuahua Amy, ein recht ungleiches, aber sympathisches Duo.

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Die Atmosphäre der Wohnung ist weder minimalistisch noch überladen. Man könnte sagen, hier wurde mit Bedacht kuratiert. Martin Ehmele versteckt sich unter einer Leuchte des Berliner Labels Llot Llov.
Mafalda Rakoš

Sie selbst, so sagen Ehmele und Bennett, haben sich an den längeren Weg in ihr Zuhause gewöhnt und erzählen davon, wie sie beim Besichtigungstermin durch einen Schneesturm hierhergestapft sind. Ebenso über ein paar Umwege durch die Anlage. "Ich genieße den Heimweg mittlerweile sogar. Es trägt mich ein Stück weit aus dem Stress und dem Chaos der Stadt hinaus", sagt Bennett. Das dürften auch viele Nachbarn so sehen, denn die Fluktuation sei gering.

Dem Stress entfliehen

Seit zehn Jahren leben die beiden hier. Anfangs gab es noch eine Mitbewohnerin. Das soll auch die drei ungefähr gleich großen Zimmer erklären. "Wir dachten uns, das wäre gerechter so." Die Räume, die aufgefädelt aneinander liegen, sind lichtdurchflutet, die offenen Türen lassen sie wie einen zusammenhängenden Trakt wirken. Nebenrollen spielen ein Vorzimmer, eine Toilette, ein kleines Bad samt Wanne und eine kleine Küche, die alles hat, was man braucht. Nicht mehr und nicht weniger.

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Die beiden Sessel sind gebeizte Modelle von Thonet, und die Kunstwerke an der Wand kommen aus dem Atelier der Künstlerin Anouk Lamm Anouk.
Mafalda Rakoš

Insgesamt bringt es die Mietwohnung mit ihren wunderbaren Rundbogenfenstern auf 110 Quadratmeter. "Das Putzen der kleinteiligen Scheiben ist eine Mühsal und kaum zu bewerk­stelligen", erzählt Ehmele.

Die Wohnung mit ihrer großzügigen Raumhöhe verfügt über einen ganz eigenen, ruhigen Stil. Man merkt, hier wurde mit Bedacht kuratiert, ohne zu inszenieren. Trotz der Arrangements wirkt nichts gestellt. Das Interieur ist weder minimalistisch noch überladen. Man könnte die Atmosphäre mit der eines kleinen Landhauses vergleichen. Anfängliche Bedenken bezüglich Heizkosten stellten sich als unbegründet heraus. Offensichtlich speichern die Ziegelmassen einwandfrei.

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Das Eurochair-Ledersofa von Girsberger stammt aus den 70ern.
Mafalda Rakoš

Die Wohnphilosophie der beiden gefällt. "Wir sehen ein Zuhause als einen Ort, der sich verändern soll. Stetig. Wie die Menschen. Die Mauern sind nur Hüllen, wie ein Kokon", sagt Vince Bennett. Konkret wirkt sich das unter anderem so aus: Regelmäßig, mindestens einmal im Jahr, hieven die beiden ihr Mobiliar auf einen Rollwagen und übersiedeln es in ein anderes Zimmer. So manches Stück wird auch gegen ein neues altes ausgetauscht. Auf diese Art wird aus dem Schlafzimmer ein Wohnzimmer, aus einem Büro ein Esszimmer. Eine jede solcher Aktionen brächte allerdings zwei Tage Chaos. Der Impuls für einen solchen ­internen Umzug kann zum Beispiel ein neues Möbel sein. "Unsere Wohnung hat sozusagen Gezeiten", sagt Bennett.

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Das Mazda-Schild, das die beiden Bewohner günstig bei einem Autohändler ergatterten, würden manche Besucher als Skulptur betrachten, erzählt Vince Bennett.
Mafalda Rakoš

Unnützes Zeug komme ihnen nicht in die Stube, außer es gebe eine Geschichte oder eine besondere Empfindung im Zusammenhang mit einem Objekt. Der riesige Mazda-Schriftzug, der an der Wand lehnt, dürfte eine dieser wenigen Ausnahmen sein. Manche würden das Ding für ein Kunstwerk halten, sagt Bennett.

Nach Lieblingsobjekten gefragt, nennt Ehmele das Bett mit Rattangeflecht, auf dem Hund Bibi während des Besuchs herumhüpft und Bennett den postmodernen Stuhl "Trix" von K. F. Forster aus den 80er-Jahren, den er zu einem guten Preis in der Glasfabrik ergatterte. Auch die Arbeiten der Künstlerin Anouk Lamm Anouk, die in der Wohnung zu finden sind, liegen den beiden am Herzen, so wie die Basttruhe, in der einst die Mitgift von Ehmeles Großmutter Platz fand.

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Die drei hellen und ungefähr gleich großen Räume der Wohnung liegen aufgefädelt aneinander, was den Blick von einem Ende zum anderen ermöglicht.
Mafalda Rakoš

Dem Influencer ist wichtig, dass die Wohnung nicht typisch für einen Influencer wirken soll. "Ich möchte nicht, dass sie wie die Kopie von einer Kopie von einer Kopie aussieht", sagt er und erzählt weiter, dass sie in Sachen Wohnen, aber auch bei der eigenen Mode ziemlich auf Trends pfeifen würden. "Es gefällt uns hier. Wir werden bleiben, sehen diese Wohnung als Langzeitbeziehung, auch wenn uns im Sommer ein kleiner Balkon abgeht." Nun, Balkone dürften in Kasernen wohl generell eher Mangelware sein.

Ob sie manchmal daran denken, dass diese Zimmer vielleicht bis zur Decke mit Stockbetten vollgeräumt waren, in denen Soldaten schliefen? "Durchaus, das schwebt hier manchmal schon mit." An die vielen alten Militärlaster und Panzer, die man vom derzeitigen Wohnzimmer aus sieht und die zum Inventar des Heeresgeschichtlichen Museums gehören, haben sie sich gewöhnt. Auch wenn es besonders in diesen Zeiten irritierend wirke, strahlten diese blechernen und stählernen Nachbarn durchaus auch eine gewisse Faszination aus, sagen die beiden. Hauptsache, sie sind nicht mehr im Einsatz und lediglich Museumsstücke.

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Ehmele und Bennett sind happy mit ihrem Zuhause im Arsenal. Überhaupt sei die Fluktuation der Bewohner gering.
Mafalda Rakoš

Nach einem Traumort in Sachen Wohnen gefragt, sind sich Ehmele und Bennett in ihrer Antwort einig: "Es zieht uns schon raus ins Ländliche. Aber das wird für die nächsten 30 Jahre wohl ein Traum bleiben." Wie dieser Ort genauer ausschauen soll? "Wir haben da so eine Idee, im mediterranen Raum in einem kleinen Hotel zu leben. Und es auch zu führen." Nachdem sich der Besucher verabschiedet hat, fällt diesem der Rückweg bedeutend leichter, fast schon vertraut. (RONDO, Michael Hausenblas, 1.4.2024)