Ein Mann mit zig Stichen im Oberkörper, abgetrennten Gliedmaßen, neben der Leiche soll eine Art Foltersessel gestanden sein: Der Mordfall, mit dem es Wiener Drogenfahnder Ende Februar zu tun bekamen, war von außerordentlicher Brutalität geprägt. Im Boulevard hieß es: Solche Methoden wende nur die Balkan-Mafia an.

Auf die Leiche stießen die Ermittler bei einer routinemäßigen Drogenrazzia – zufällig. Die Spur war richtig. Im Nebenraum hatte das Opfer eine Hanfplantage betrieben.

Die Türe zur Wohnung, in der Wiener Polizisten Ende Februar eine zugerichtete Leiche vorfanden.
Hinter jener auffälligen Metalltür fanden Wiener Polizisten die zugerichtete Leiche und eine Hanfplantage.
APA/GEORG HOCHMUTH

Am selben Nachmittag steuerte der in Wien ansässige Serbe Marko M. allem Anschein nach seinen Mercedes ebenfalls zu jener Adresse. Wenige Stunden später nahm die Polizei M. fest und ermittelt seither in der Causa.

Vordergründig geht es bei dem Serben aber um etwas anderes: Marko M. dürfte das Drogenbusiness ebenfalls nicht fremd sein. Er ist mutmaßlich Teil einer zumindest neunköpfigen Kokainbande, die im Verdacht steht, etwa rund um das Jahr 2020 kiloweise weißen Stoff von Südamerika nach Europa und unter anderem nach Österreich geschmuggelt zu haben. Das zeigen Ermittlungsakten, die dem STANDARD vorliegen. Innerhalb der Gruppe kam M. wohl die Aufgabe zu, Kokain an Subhändler weiterzureichen oder an Abnehmer in Wien zu verkaufen. M. soll zudem Geld aus dem Kokainverkauf eingesammelt haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Das "Whatsapp für Gangster"

Das glauben die Ermittler deshalb so genau zu wissen, weil die serbischstämmigen Verdächtigen in Österreich allesamt verschlüsselte Kryptohandys des Anbieters Sky ECC verwendet haben – das "Whatsapp für Gangster", wie es im deutschen Spiegel genannt wurde. Vor einigen Jahren gelang es den europäischen Sicherheitsbehörden, Sky ECC zu hacken. Seither ist auch das österreichische Bundeskriminalamt damit beschäftigt, unzählige Chats aus den Untiefen des europäischen Drogenmilieus auszuwerten sowie Razzien und Festnahmen durchzuführen. Erst im Dezember fasste der 35-jährige serbische Drogencapo "Dexter" eine lebenslange Haftstrafe aus. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Und einmal mehr zeigt sich auch in M.s Fall: Im Schutze der Anonymität sitzt die Zunge lockerer. Auch im zwielichtigen Kokainbusiness. Die mutmaßlich Kriminellen rund um M. notierten fein säuberlich die Einnahmen ihrer Subhändler in bar. Immerhin 900.000 Euro kamen wohl so in einem halben Jahr zusammen. Sie schickten einander Fotos von abgezählten, dicken Geldbündeln. Ebenso von abgeholten Kokainchargen. Aber auch die mutmaßlichen Schmuggelpläne wurden detailreich geschildert.

Dabei soll es eine klare Arbeitsteilung gegeben haben: Der Chef der mutmaßlichen Bande, der bis zu seiner Verhaftung unter einer falschen Identität in einer Villa in Portugal residierte, habe von einer Quelle aus Hamburg beispielsweise einen Deal in Aussicht gestellt bekommen, bei dem es um 200 Kilogramm Kokain gegangen sein dürfte – von insgesamt 1,5 Tonnen Stoff wohlgemerkt, die der mutmaßliche Drogencapo in der Hafenstadt "geborgen" habe, wie es im schönen Beamtendeutsch heißt. Der Anteil des Kokains habe dann etwa nach Italien geschmuggelt oder innerhalb Deutschlands verteilt werden müssen.

Dafür hatte der angebliche Drogencapo seine Gefolgsleute. Die sollen folglich einen Wohnwagen mit Schmuggelverstecken präpariert und den Stoff so in einen "Zwischenbunker" verbracht haben. Von dort aus sei das Kokain schließlich in diverse europäische Länder geschmuggelt worden. Eine Firmenhalle einer niederösterreichischen Gemeinde habe dabei wohl als Versteck gedient. Das Einfahrtstor zur Halle habe sich nur durch den Anruf einer Telefonnummer geöffnet, heißt es.

100.000 Euro für Schmuggeldeal

Ein solcher Deal dürfte sich auszahlen: Der offenbar gescheiterte Schmuggelauftrag von Hamburg nach Italien sei von den Auftraggebern angeblich mit 100.000 Euro beziffert worden. Auch für die Koordination von Lkw-Fahrern bei Aufträgen sollen zehntausende Euro etwa an einen Logistiker der Bande geflossen sein. Ein solcher Fahrer selbst dürfte 500 Euro pro transportiertes Kilogramm Kokain erhalten.

Bei den mutmaßlichen Deals sei Österreich manchmal nur zur "Durchreise" verwendet worden, etwa um 58 Kilogramm Kokain von Deutschland nach Slowenien zu bringen. Kleinere Mengen der Drogen habe die mutmaßliche Kokainbande offenbar auch innerhalb Wiens verteilt, heißt es in Ermittlungsakten. Wohnungen in der Hauptstadt dürften zudem zeitweise als "Bunker" hergehalten haben: für Drogen und große Mengen Bargeld.

Nicht alles läuft reibungslos

Die Chats zeigen aber auch, dass wohl im Drogenbusiness nicht immer alles reibungslos verläuft: Mal seien die Verstecke im Wohnwagen schon "zurückgebaut", das fahrende Versteck also für einen Auftrag nicht startklar gewesen, oder es habe gerade keinen verfügbaren Ort gegeben, um 200 Kilogramm Drogen "sicher" zu verwahren.

Da kann im Kryptochat schon einmal eine rege Diskussion losbrechen. Soll man das Kokain in Deutschland verstecken und in 20-Kilogramm-Chargen nach Wien bringen? Vielleicht mache es Sinn, eine Garage für den Wohnwagen anzumieten? Die Schmuggelfahrt von Deutschland über Salzburg zur Firmenhalle in Niederösterreich – dem bereits erwähnten Versteck – mit zumindest einer solchen Charge im Gepäck dürfte geklappt haben. Von dort sei der Stoff dann weiter nach Wien beziehungsweise an Subhändler verteilt worden – etwa zwei Kilogramm für rund 61.000 Euro.

Kindergeld im Vakuumsackerl

Und was darf in einer mutmaßlichen Kokainbande nicht fehlen? Eine Schatzmeisterin. Die Wiener Wohnung einer Serbin sei vermutlich als "Geldbunker" verwendet worden, führen die Ermittler in den Akten aus. Jene Frau habe das Geld der Kokainsubhändler aber nicht nur entgegengenommen, Aufzeichnungen darüber geführt und beim Vakuumieren der bunten Scheine geholfen, sondern wohl auch einige davon nach Serbien gebracht und auf das Konto der Kinder eines angeblichen Capos der Vereinigung eingezahlt.

Und wie geht es mit Marko M. und Co weiter? Dass der Serbe Ende Februar wohl zu jenem Ottakringer Wohnhaus fuhr, in dem die Leiche gefunden wurde, dürfte höchstwahrscheinlich ein Zufall gewesen sein. Eine dortige Wohnung soll auf den Namen einer Frau laufen, der dem Namen seiner angeblichen Freundin recht nahe kommt. Aus Sicht der Ermittler könnte es sich womöglich um einen weiteren "Drogenbunker" handeln. Was die beiden Causen aber verbindet, ist ihr Konnex in ein zwielichtiges Milieu. M.s Anwalt Christian Werner will bis zur Anklage kein Wort über den Fall verlieren.

Gegen die mutmaßliche Kokainbande stehen die Vorwürfe der kriminellen Vereinigung und des Suchtgifthandels im Raum. M. droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünfzehn Jahren, zwei vermuteten Führungsmitgliedern eine Strafe von bis zu 20 Jahren. (Jan Michael Marchart, 3.4.2024)